Gesundheit

Ein Medikamenten-TÜV als Kulturrevolution

Von Christian Geyer

Statussymbol des Heilens: die Apotheke

Statussymbol des Heilens: die Apotheke

16. November 2004 Sagen wir es vorsichtig: In diesem November gibt es ein kleines Anzeichen für eine große Kulturrevolution. Die herrschende Kultur des Heilens, an der wir Arztgänger so selbstverständlich teilnehmen wie an Kino- und Konzertbesuchen, könnte ihr flächendeckendes Statussymbol einbüßen: die Apotheke.

Gemeinsam mit den Pollern und Fußgängerzonen waren es die Apotheken, die das Gesicht unserer Städte veränderten. Die Versorgung mit immer neuen Arzneimitteln für alles und jedes ist inzwischen ubiquitär: Kaum ein Ort in der Stadt, von dem nicht in zwei, drei Minuten Fußweg eine Apotheke erreichbar wäre. Diese Topographie der Medikation spiegelt eine Facette unseres kulturellen Weltbildes, in dem die Erwartung festgeschrieben ist: Nur mit einem Rezept in der Hand war mein Arztbesuch ein erfolgreicher Arztbesuch. In der Apotheke sind wir in unserem Körper zu Haus. Das könnte sich, wie gesagt, alsbald ändern.

„Bewertung des Nutzens von Arzneimitteln“

Nein, nicht um die Gesundheitsreform im allgemeinen geht es. Die versteht sowieso niemand. Es geht vielmehr um http://www.iqwig.de - eine konkrete Adresse im Internet. Dahinter verbirgt sich ein eben erst in Erscheinung getretener Medikamenten-TÜV, das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Als Teil der jüngsten Gesundheitsreform hat es soeben seine Arbeit aufgenommen und ist nun von Staats wegen gehalten, auf für jeden Bürger verständliche Art eine „Bewertung des Nutzens von Arzneimitteln“ zu geben.

Man darf die Etablierung eines solchen Medikamenten-TÜVs, was immer Medizin- und Pharmaexperten im einzelnen zu bemängeln haben werden, ohne Übertreibung als eine kulturgeschichtliche Zäsur bezeichnen. Medikamente stehen in unserer Gesellschaft im Zentrum jeder medizinischen Therapie. Wie die unvermeidliche, aber folgenlose Begleitmusik mutete da in der Vergangenheit das Genre der Pharmakritik an, das zahlreiche, von Ideologie nicht immer freie medizinkritische Bücher hervorgebracht hat, darunter stets auch seriösere Bestseller wie zuletzt das Buch „Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden“ des „Spiegel“-Redakteurs Jörg Blech. Zu viel Cholesterin? Bluthochdruck? Chronisch müde? Lassen Sie sich nicht für krank verkaufen, sagt Blech, und beschreibt Mittel und Wege, anders als durch Pillen wieder ins Gleichgewicht zu kommen - ohne natürlich so ignorant zu sein, bei einschlägigen Symptomen wie akuten Infektionen den Wert des Medikaments bestreiten zu wollen.

Kulturkritik öffentlichen Interesses

Mit http://www.iqwig.de ist die Pharmakritik nun nicht länger das exklusive Geschäft einzelner Enthüllungsbücher, sondern ein gleichsam institutionell beglaubigter Vorgang. Der Gesetzgeber hat die Pharmakritik als eine Kulturkritik öffentlichen Interesses auf Dauer gestellt. Eine strittige Pille nach der anderen soll demnächst den Kölner Medikamenten-TÜV durchlaufen, im Augenblick arbeitet man hier zum Beispiel an einer Expertise über konkurrierende Cholesterinsenker.

„Der große Coup der Pharmaindustrie“, sagt der Institutsleiter und Arzt Professor Peter Sawicki im taz-Interview, „passiert nicht punktuell auf politischer Ebene, sondern dort, wo täglich Millionen von Entscheidungen getroffen werden: im Arzt-Patienten-Verhältnis. Hier ist die Pharmaindustrie immer präsent. Sie beeinflußt so gut wie jede Verordnung.“ Die Fortbildung der Ärzte werde nämlich immer noch hauptsächlich von der Pharmaindustrie durchgeführt. „Auch das Internet, wo sich die Patienten heutzutage vieles ergoogeln, liefert vor allem pharmagesteuerte Informationen. Das merken die Leute nur nicht immer.“

Renaissance eines Kultbuchs

Betritt Peter Sawicki damit als der neue Fritjof Capra die Szenerie der Medizinkritik? Die Frage ist nicht spöttisch gemeint. Tatsächlich scheint Capras Kultbuch „Wendezeit“, soweit es die medizinkritischen Passagen betrifft, heute unter http://www.iqwig.de eine Renaissance zu erfahren. Denn natürlich läßt sich eine Qualitätsprüfung der Medizin nicht auf einen isolierten Pillen-TÜV reduzieren.

Unsere Medizin muß die westliche reduktionistische Diagnose- und Therapieform zwar nicht ersetzen, wohl aber „chinesisch“ ergänzen durch eine Behandlung, die den Gesamtorganismus im Auge hat. In diesem Sinne steht die Apotheke als Kathedrale der westlichen Gesundheitsfürsorge in Frage. Der in ihr vorherrschende Reduktionismus hat seine unbestreitbaren Anwendungsgebiete und Erfolge, aber er versagt, wenn es darum geht, die Erkrankung als eine Störung des gesamten Organismus zu sehen, seiner psychischen und sozialen Dimension.

Der „ganze Patient“

Sawickis Pharmakritik kann deshalb nur in die Frage einmünden: Wie ist eine medizinische Kulturrevolution zu organisieren, die dem Allgemeinmediziner auch finanziell die Schlüsselrolle zubilligt, die er als Erstbegutachter eines Kranken faktisch innehat? Wer sich als Arzt die Mühe macht, im Behandlungszimmer den „ganzen Patienten“ (schon das Wortungetüm verrät das Desiderat) Platz nehmen zu lassen, für den zahlt sich diese Mühe schlichtweg nicht aus.

Und so beginnt der oft beschriebene und in beinahe jedermanns persönlichem Umfeld bekannte, von Rezepten gepflasterte Leidensweg: Man wird von Spezialist zu Spezialist geschickt, jeder von ihnen hat jene lokale Auswirkung der Systemstörung im Auge, für die er ausgebildet ist, ohne daß die Systemstörung als ganze behoben würde, und das heißt: ohne daß sich am Gesundheitszustand des Patienten etwas ändern würde. Wenn das trotz http://www.iqwig.de so bleiben sollte, wird die Revolution am Ende doch nur wieder in der Apotheke steckenbleiben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite 33
Bildmaterial: ZB

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