Von Ursula Rautenberg, Wuhan
09. Januar 2007 Offiziell gilt nach wie vor Deng Xiaopings Richtlinie des sozialistischen Verlagswesens mit chinesischen Charakteristika, tatsächlich aber hat sich der Buchmarkt der Volksrepublik in den letzten Jahren zu einem Bestsellermarkt westlicher Prägung entwickelt. Buchkäufer werden längst durch Bestsellerlisten gesteuert, und für die nicht oder kaum noch staatlich subventionierten Verlage sind umsatzstarke Titel wirtschaftliche Notwendigkeit. Sogar der eher schwerfällige Sortimentsbuchhandel richtet seine Verkaufsstrategien auf die aktuelle Nachfrage aus.
Zhou Baiyi, Vizepräsident eines fünfzig Jahre alten traditionsreichen Literatur- und Kunstverlages in Wuhan, sieht denn auch keinen Widerspruch zwischen gesellschaftlichem und ökonomischem Gewinn. Beide Aspekte ließen sich harmonisch verbinden, sagt er im Gespräch: Ziel seines Verlages sei es, die Lesebedürfnisse der Massen zu befriedigen und ihren Alltag zu bereichern.
Kaderschmiede eines zukünftigen Weltbestsellers
Der Stoff, aus dem die Leserträume geschneidert sind, rekrutiert sich in China wie überall sonst zum guten Teil aus dem internationalen Reservoir angloamerikanischer Prägung. Auf den gerade aktuellen Listen regieren Dan Brown und Harry Potter, überraschenderweise aber auch moderne Klassiker wie Nabokovs Lolita. Die chinesischen Akzente setzen Sach- und Ratgeberbücher, romantische Liebesgeschichten und historische Romane sowie die Jugendliteratur einheimischer Autoren. Zielgruppe ist allerdings nicht die Masse, von der Verlagsdirektor Zhou ideologisch korrekt spricht, sondern die wirtschaftlich aufstrebende Mittelschicht in Metropolen wie Peking und Schanghai. Einen modernen städtischen Lebensstil verbindet diese Klientel mit genügend freier Kaufkraft für Unterhaltungs- und Lebenshilfeliteratur.
Auch die großen Buchkonzerne sind meist in diesen ökonomischen und intellektuellen Zentren angesiedelt. Die von Zhou Baiyi geleitete Changjiang Art and Literature Press mit einem Jahresumsatz von etwa dreizehn Millionen Euro sitzt hingegen in Wuhan, Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei. Trotz ihrer 8,3 Millionen Einwohner und einer geschätzten Million Wanderarbeiter macht die idyllisch am Jangtse-Fluss gelegene Stadt den Eindruck eines verschlafenen Provinznestes, so beschaulich fließt der Verkehr dahin. Und auch Vergnügungsmeile und Skyline eifern dem großen Vorbild in Schanghai im Miniaturformat nach. Auf den ersten Blick vermutet man hier kaum die Kaderschmiede eines zukünftigen Weltbestsellers. Um einen solchen könnte es sich aber handeln, wenn sich die hohen Erwartungen der Penguin-Gruppe in den Roman Wolf-Totem von Jiang Rong erfüllen.
Der bislang größte internationale Deal
Der chinesische Markt ist zunehmend für westliche Unternehmen attraktiv, die wegen der staatlichen Regulierungen aber nur Partnerschaften mit einheimischen Verlagen schließen dürfen oder sich auf den üblichen Lizenzhandel beschränken müssen. Um einen Fuß in der Tür zu haben, sollten sich in der Zukunft die Beschränkungen doch einmal lockern, setzt Penguin auf eine doppelte Strategie: Mit Übersetzungen englischsprachiger Klassiker ins Chinesische, die dank eines neuen Jointventure mit der Chongqing Publishing Group unter dem Namen und dem Logo von Penguin erscheinen können, wird die Marke etabliert. Andererseits sucht man nach geeigneten Werken chinesischer Autoren für den englischsprachigen Markt.
Vier oder fünf Titel will Penguin jedes Jahr weltweit herausbringen. Einer der ersten ist Wolf-Totem, angekündigt für 2007. An Boshun, der die internationalen Rechte für den Autor vertritt, hält den Lizenzverkauf für den bislang größten internationalen Deal eines volksrepublikanischen Titels. 100.000 Dollar Vorschuss und weitere zehn Prozent vom Umsatz seien für Spitzentitel im internationalen Lizenzhandel zwar eher niedrige Summen, für ein chinesisches Werk seien die Zahlen jedoch exorbitant. Das verlegerische Risiko ist hoch: eine halbe Million Exemplare im Hardcover zum Preis von dreißig Dollar sind als Startauflage für Australien, Neuseeland, Großbritannien und Nordamerika geplant. Für die Qualität der Übersetzung bürgt Howard Goldblatt, der sich einen Namen als Übersetzer anspruchsvoller chinesischer Gegenwartsliteratur erworben hat.
An die tausend Seiten stark und nicht frei von Längen
Nur mit einer großangelegten Werbekampagne werden sich diese Investitionen von Penguin in Gewinne verwandeln lassen. Denn der Roman entspricht nicht gerade dem üblichen Format eines Bestsellers, der auf Handlung und Spannung setzt. Der heute sechzigjährige Autor, nur notdürftig hinter dem Ich-Erzähler verborgen, verarbeitet in seinem Buch die Jahre von 1967 bis 1978, die er während der Kulturrevolution bei den Nomaden in der Inneren Mongolei verbracht hat. In einer ungekürzten Übersetzung dürfte es an die tausend Seiten stark sein, und es ist nicht frei von Längen. Zudem untermauert der Autor seine Thesen mit komplizierten und langatmigen Geschichtsexkursen.
Am besten lässt sich der Text wohl als eine Allegorie beschreiben, eingekleidet in Geschichten um Nomaden und Wölfe. Auf der einen Seite steht die freie, ursprüngliche und einer harten Umwelt trotzende Kultur der Nomaden, die mit ihren Schafen das Grasland durchziehen. Ihr Totemtier ist der Wolf, der alle überlebenswichtigen Eigenschaften verkörpert. Dagegen wird die konfuzianisch geprägte Mentalität der Han-Chinesen gesetzt, kultiviert, aber autoritätshörig und schwach, vergleichbar den Schafen in der Herde. Die Han wollen die Wölfe ausrotten, um das Land auszubeuten, und sie nehmen den Nomaden den Lebensraum. Die Botschaft des Erzählers an die ethnische Majorität der Han-Chinesen lautet, mehr von der Wolfsnatur in sich aufzunehmen.
Der richtige Name des Autors war lange ein Geheimnis
Hier die Wölfe, da die Schafe: Dass sich dies unter der Oberfläche auch politisch lesen lässt, liegt auf der Hand. Im April 2004 veröffentlicht, sind inzwischen mehr als zwei Millionen chinesische Exemplare verkauft worden. Hinzu kommen die Raubdrucke und die Abschriften im Internet. Der Erfolg des sperrigen Erstlings eines unbekannten Autors, den vermutlich nur eine Minderheit ganz gelesen hat, lässt sich allerdings nicht allein aus dem Stoff und möglichen politischen Deutungen erklären. Er ist beispielhaft für die professionellen Marketingmethoden versierter Verlagsleute, die gelernt haben, auch schwierige Bücher zu lancieren.
Da ist zunächst das Geheimnis um den Autor. Jiang Rong ist ein Pseudonym, das auf den Namen eines historischen Minderheitenvolkes zurückgeht, das im Roman erwähnt wird. Bisher streng gehütet, gibt die Plaudertasche Internet seit einigen Wochen den wahren Namen des Autors preis. Es ist, wie auch Zhou Baiyi im Gespräch bestätigt, Lü Jiaming, Professor für Wirtschaftspolitik an einer kleinen Pekinger Universität. Ob Lü als Dissident im Zusammenhang mit den Unruhen vom Tiananmen-Platz im Gefängnis war oder nicht, bleibt unklar. Der Verlag in Wuhan, der wohl zunächst die Identität des Autors nicht kannte, bestreitet politische Gründe für die pseudonyme Publikationsweise.
Exemplarisch für die chinesische Kultur
Die Marketingkampagne hat An Boshun geleitet, kein Unbekannter in der Branche. Mit der inzwischen legendären Reihe Stofftiger, romantische Liebesgeschichten unverbrauchter, junger Autoren, hatte er Ende der neunziger Jahre dem an planwirtschaftlichen Strukturen krankenden Chunfeng Kunst- und Literaturverlag in Liaoning zu wirtschaftlichem Erfolg verholfen, bis er 2000 über die freizügige Sex-und-Drogen-Geschichte Shanghai Baby der Pop-Autorin Wei Hui (siehe auch: Ein Gespräch mit Wei Hui) stolperte. Der Roman wurde zeitweise verboten, das Pekinger Verlagsbüro geschlossen, An Boshun verlor seinen Job. Einer der erfolgreichsten Titel der Serie war seinerzeit Zhang Kangkangs Galerie der Liebe und der Leidenschaften: Die Autorin ist die Ehefrau von Lü Jiaming. An Boshun stellte die Verbindung zum Verlag in Wuhan her. In der Marketingaktion für Wolf-Totem wurde die chinesische Öffentlichkeit mit Rezensionen bekannter Fernsehmoderatoren und Kritiker versorgt, nach den ersten größeren Verkaufserfolgen die internationale Presse mit Exposés umworben.
Für alle Beteiligten mit Erfolg: für den Verlag, der einen chinesischen Bestseller kreiert hat, für den Autor, der die internationalen Rechte besitzt und in den Genuss hoher Tantiemen kommt, und für seinen Agenten An Boshun, der inzwischen das neue Pekinger Verlagsbüro der Changjiang Press leitet, weiter unermüdlich auf der Suche nach Bestsellern.
Die Übersetzungsrechte für fast zwanzig Sprachen sind inzwischen verkauft. 2008 wird die deutsche Ausgabe erscheinen. 20.000 Euro soll Goldmann, Teil der Random-House-Verlagsgruppe (Bertelsmann), bezahlt haben. Das Erscheinungsjahr ist günstig, denn 2008 werden die Olympischen Spiele in Peking abgehalten. Die Frage, warum denn der westliche Leser sich für das Totem des Wolfs interessieren solle, beantwortet Zhou Baiyi so: China wird im Jahr der Olympischen Spiele weiter an wirtschaftlichem Einfluss gewonnen haben, und im Ausland wird man China besser kennenlernen wollen. Dieses Buch stehe exemplarisch für die chinesische Kultur.
Text: F.A.Z., 09.01.2007, Nr. 7 / Seite 38
Bildmaterial: AFP
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