Von Mark Siemons, Peking
13. April 2008 Anders als in der Welt draußen ist im Inneren Chinas die Tibet-Affäre für die Regierung ein riesiger Erfolg. So eng wie schon lange nicht mehr schließen sich weite Teile der Bevölkerung mit der Kommunistischen Partei gegen den missgünstigen Westen zusammen. Es geht dabei nicht nur um die paar Fotos von nepalischen Polizisten, die einige westliche Medien fälschlicherweise als chinesische Militärs ausgegeben hatten.
Diese Bilder, die zunächst Studenten im Ausland ins Netz gestellt hatten und die dann eine landesweite Empörung auslösten, gelten bloß als Belege für den umfassenderen Verdacht, dass der Westen China seine Erfolge neide und ein massives Ressentiment gegen das Land entwickelt habe. Wie sonst solle man es erklären, dass aus der Nachricht randalierender tibetischer Jugendlicher die Nachricht eines blutig niederschlagenden China wurde, noch bevor die Behörden überhaupt eingegriffen hatten? Verschwörungstheorien bekamen Hochkonjunktur; Tibet selbst interessierte kaum einen mehr.
Lang lebe das Mutterland!
Die staatlichen Medien machten sich die Erregung im Internet bald zunutze und befeuerten sie. Auch ganz offiziell nimmt die Regierung inzwischen die Online-Stimme des Volkes als ein entscheidendes Argument, um die politische Erpressung durch die Olympischen Spiele zurückzuweisen: Die geräuschvollen Boykotte werden kein Gewicht mehr haben gegenüber der wachsenden Unterstützung des chinesischen Volkes, heißt es in einer der bisher schärfsten Stellungnahmen der amtlichen Agentur Xinhua. Die Boykottbefürworter begingen einen romantischen Fehler, wenn sie glaubten, Druck von außen würde den chinesischen Staat zu Kompromissen in dieser Frage bewegen.
Spätestens mit den Nachrichten und Bildern von den Störungen des Fackellaufs in London, Paris und San Francisco ist die antiwestliche Bewegung dann zu einem Selbstläufer geworden. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte sie angesichts von Bildern der im Rollstuhl sitzenden Fackelträgerin Jin Jing (sie hatte aufgrund eines Krebsleidens ein Bein verloren), die in Paris von einem Tibet-Aktivisten attackiert wurde und dabei verschreckt die Fackel unter ihren Armen vergrub.
Diese Fotos, die aus der Medienkritik ein hochemotionales Massenereignis machten, wurden zum definitiven Imagedesaster des Westens in China. Jin Jing, du bist schön, aber dein Herz ist noch schöner, schrieb exemplarisch ein entsetzter Forumsteilnehmer: Wir unterstützen dich alle. Lang lebe das Mutterland!
Ablehnung des Nationalismus
Doch inmitten dieser allgemeinen Stimmung, die sogar Regimekritiker erfasst, kommen mittlerweile Unterschiede zum Vorschein. Verstärkt melden sich Intellektuelle zu Wort, die zwar die Entrüstung über westliche Ressentiments teilen, zugleich aber den Nationalismus ablehnen, der sich in der Bewegung gegen den Westen zeigt. Chang Ping, der stellvertretende Chefredakteur der angesehenen Wochenzeitung Nanfang Dushibao in Kanton, meint in seinem Blog, viele der vermeintlichen Medienkritiker scherten sich schon gar nicht mehr darum, was wahr und was falsch sei, sondern nur noch darum, auf welcher Seite man stehe; alles Reden von universellen Werten hielten diese Patrioten bloß noch für einen betrügerischen Trick, um die dahinterliegenden nationalen Interessen zu verschleiern.
Eine solche Haltung aber hält Chang Ping für das denkbar ungeeignetste Mittel, Konflikte wie den in Tibet zu lösen: Die irreführenden westlichen Berichte über China, schreibt er, rührten von einem Unwillen, zuzuhören und zu verstehen, weil sie zu sehr in diese Art Orientalismus verwickelt waren, über die Edward Said geschrieben hat. Aber was ist mit uns und den ethnischen Minderheiten? Wenn wir den Nationalismus als Waffe gebrauchen, um den Westlern zu widerstehen, wie können wir dann die ethnischen Minderheiten überzeugen, ihren Nationalismus hinter sich zu lassen und sich am Nation-Building zu beteiligen?
Unverschämt und dumm
Die Reaktion auf diese Einlassung gab ihrer Diagnose auf erschütternde Weise recht. Im Internet, vor allem auf dem Server China.com, erhob sich ein Sturm, der den Blogger Hecaitou an die politischen Kampagnen der Kulturrevolution erinnerte. Chang wurde als Verräter Chinas beschimpft und seine Zeitung, die als eines der kritischsten Blätter des Landes manchen ohnehin ein Dorn im Auge ist, als chinesische Ausgabe von CNN.
Die Zeitung wies die hysterische Reaktion zurück und sprach von einer populistischen Xenophobie, die zur Zeit in China umgehe. Als Gegenmittel plädierte sie für ein Ende von Zensur und Medienabschottung.
Zustimmend zitierte der Kommentator eine Beschwerde der Deutschen Presse-Agentur, dass ihr in der Tibet-Sache relevante Informationen von der Regierung vorenthalten würden, so dass sie gar keine andere Wahl habe, als sich auf exiltibetische Kreise zu stützen. Die abwiegelnde Antwort des Sprechers des Außenministeriums bezeichnete der Kommentator als unverschämt und dumm. In Tibet und anderswo gebe es nur einen vernünftigen Weg: Wir sollten versuchen, zuzuhören und den Dissens zu verstehen.
Manifest gegen übersteigerten Nationalismus
In dieser Forderung sind sich viele Intellektuelle einig, die sich von den Massenströmungen nicht den Kopf verwirren lassen. Schon kurz nach den Unruhen hatte der Schriftsteller Wang Lixiong - einer der wenigen, die sich schon früher kritisch und differenziert über Tibet geäußert hatten - ein Manifest initiiert, das neunundzwanzig Intellektuelle, einige von ihnen aus dem Umkreis des unabhängigen chinesischen Pen, unterschrieben hatten. In ihrem Zwölfpunkteprogramm, in dem sie unter anderem eine unabhängige internationale Untersuchung der Vorgänge forderten, warnten sie die chinesische Bevölkerung vor übersteigertem Nationalismus; es komme jetzt vielmehr auf Toleranz und Selbstreflektion an.
In ähnlichem Sinn sprach sich der Künstler Ai Wei Wei, der im vergangenen Jahr 1001 Landsleute mit zur Documenta gebracht hatte, für ein öffentliches, respektvolles Gespräch mit den tibetischen Protestierenden aus. (Siehe auch: Der chinesische Künstler Ai Wei Wei im Interview) Und auch der Blogger Drunkpiano, den manche BBC-Beiträge schon mal an die Propagandafilme der kommunistischen Frühzeit erinnert hatten, hält die Politik der Mediensperre und das Verbot, den Dalai Lama zu verehren, für dumm und reaktionär.
Die Partei ist der wahre Buddha
Stimmen wie diese, die seit einigen Jahren in China keine Seltenheit sind, haben es zur Zeit schwerer, gehört zu werden. Manche Intellektuelle kämpfen jetzt an zwei Fronten gleichzeitig; sie kritisieren nicht nur die Ignoranz des eigenen Staates, sondern versuchen sich auch von dem abzusetzen, was sie als westliche Bevormundung empfinden. Solche Differenzierungsbemühungen kommen in der aktuellen öffentlichen Stimmung, die ganz auf eindeutige Identifikationen zielt, nicht so gut an.
Erst recht nicht bei der Regierung, aus der nicht das geringste Zeichen einer Einsicht herausdringt, weshalb ihre bisherige Tibet-Politik gescheitert ist. Im Gegenteil, das Programm der Realitätsverweigerung und der Nichtkommunikation wird offensiver vorgetragen denn je. Das Außenministerium behauptet, die Entwicklung der Region sei besser als jemals zuvor, der Dalai Lama wird wüst beschimpft, und als Lösung der Konflikte werden Umerziehungsprogramme für die Mönche neu aufgelegt. Das Zentralkomitee der Partei ist der wahre Buddha für die Tibeter: Dieses berühmte Zitat von Zhang Qingli, dem Parteisekretär in Tibet, scheint weiterhin und verschärft Gültigkeit zu beanspruchen.
Am schlimmsten ist, nicht zu wissen, dass es Diskriminierung ist
Die Bloggerin Mengsha sieht in dem mangelnden Respekt für die Rechte der Minderheiten bloß die natürliche Ausweitung der fehlenden Anerkennung individueller Rechte, die eine alte Erblast der politischen Kultur Chinas sei; von jeher seien solche Rechte bloß als vom Staat abgeleitete und daher jederzeit auch wieder einziehbare verstanden worden. Deshalb fehle den meisten Han-Chinesen das Bewusstsein dafür, dass es bei der Tibet-Politik überhaupt ein Problem geben könne; sie meinten, für die Tibeter werde doch lange schon genug getan.
Dass es Verschiedenheiten geben kann, die sich die Mehrheit nicht anmaßen darf zu definieren, und dass es nicht nur darauf ankommt, was der Staat sich für Wohltaten ausdenkt, sondern was die Menschen selbst wollen, wäre für sie eine ungewohnte Vorstellung. Im Blog des Journalisten Lian Yue wird ein anonymer Regierungsfunktionär mit der Wortmeldung zitiert: Am schlimmsten ist nicht die Diskriminierung selbst. Am schlimmsten ist, nicht zu wissen, dass es Diskriminierung ist.
Heute ist es so weit gekommen, dass die Unzufriedenheit der Tibeter schon weithin als westliche Propagandalüge gilt. Eingekeilt zwischen einer Stimmungsmache von außen, die die Bevölkerung in seltener Einmütigkeit um ihre Regierung schart, und einer sich verhärtenden Parteipolitik hat sich der Stand der Reformer nicht verbessert. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme hilft offensichtlich nicht jede Art China-Kritik dem Menschenrecht. Sondern nur die Kritik, die informiert und präzise ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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