Von Ingeborg Harms
18. Juli 2008 In der Kommune versucht Dietmar Lingemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Vorstands der Grünen in Kreuzberg, grundsätzliche Veränderungen in der Ökonomie auf den Punkt zu bringen und mit wünschenswerten Veränderungen der Steuergesetzgebung zu verbinden. Der neue Charakter der Arbeit zeichne sich durch die Freiheit der Arbeitnehmer von Regelvorgaben und den Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit aus: Deren Kreativität, Spontaneität, ihr gesamtes Wissen gehen in den Arbeitsprozess ein. Lediglich Ziele werden vorgegeben, die Wahl der Mittel bleibt der Eigenverantwortung überlassen: Ganz offensichtlich hat ,der Kapitalist' kein Interesse daran, ständig hinter der Arbeitskraft her zu sein. Selbststeuerung, intrinsische Motivation ist gefragt. Niemand kann eine Arbeitskraft mehr ausbeuten als sie selbst.
Neue Headquarter geben Aufträge aus, um die sich Teams aus den Unternehmen heraus bewerben: Es werden also künstliche Märkte, so genannte ,Intra-Märkte', in den Unternehmen etabliert. Die angesprochenen Teams produzieren nicht mehr in erster Linie materielle Werte, sondern Wissen. Dessen Anteil an der gesamten Wertschöpfung beträgt heute bereits um die siebzig Prozent. Weil aber Wissen durch den Gebrauch nicht weniger wird, sondern im Gegenteil endlos kopierbar ist, sehen die Unternehmen sich dazu gezwungen, künstliche Knappheit zu erzeugen und alle Eigentumsrechte an den Produkten, die Kunden gekauft haben, auf die eine oder andere Weise außer Kraft zu setzen, etwa wenn Microsoft Produkte auf kopiergeschützten DVDs als Simulationen von Gebrauchsgütern auf den Markt bringt.
Wissen in Strömen
Zur Entlastung der Gebrauchswissen produzierenden Unternehmen schlägt Lingemann vor, nicht länger die Wertschöpfung zum Ansatzpunkt der Steuern zu machen, sondern die Wertaneignung; denn inzwischen ist die in der Industriegesellschaft entstandene Voraussetzung überholt, dass derjenige, der einen Wert schafft, ihn sich auch aneignet. Doch der Besitz von Wissen lässt sich nach Ansicht des Autors so wenig kontrollieren, wie sich der Produzent von Wissen benennen lässt: Wissensproduktion ist für Lingemann gesellschaftliche Produktion, sie geschieht nur in Strömen, nie isoliert.
Daher sollten Steuern auf Arbeit und unternehmerische Aktivität abgebaut werden und Besteuerung erst dort greifen, wo aus dem großen Topf herausgenommen wird. Dass sich allerdings die Entnahme von Wissen besser erfassen lässt als seine in Teamwork-Strömen generierte Produktion, könnte ein postmodernes Klischee sein, das ausnahmsweise den Unternehmen zugutekäme. Vermutlich können Teams sehr wohl sagen, wer von ihnen die zündende Idee hatte. Andererseits dürfte es nicht ganz einfach werden, den individuellen Gebrauch von im Netz kursierenden Informationen zu besteuern.
Schriftsteller als Medienklone
Gerade Autoren leiden unter der unentgeltlichen Vervielfältigung ihrer Texte im Netz. Da dürfte sie die Polemik des Schriftstellers Felix Philipp Ingold gegen die Renaissance des Autors kaum trösten. In Manuskripte prangert er einen einförmigen narrativen Zeitstil an, der auf Markttauglichkeit zielt und für individuelle Neuerungen wenig Spielraum lässt. Er sei das Ergebnis eines Autorenkults, bei dem es weniger um die literarische Qualität von Texten als um Starposen, ein originelles Image und ein entsprechend modelliertes Outfit geht.
Die von Ingold beobachteten Trendsetter und Medienklone verhalten sich exakt wie Lingemanns selbstverantwortliche Wissensarbeiter. So ein Ess- und Schleckwaren anbietender Autor muss Aufträge, Erfolge, Preise requirieren, bemüht sich um seine Präsenz in führenden Literaturzeitschriften, bei hoch kotierten Verlagen und publikumsträchtigen Veranstaltungen. Dagegen setzt Ingold eine 1968 an die Macht gekommene Literaturauffassung, die im Autor keinen charismatischen Schöpfer, sondern lediglich einen Neuarrangeur von sprachlich immer schon vorgegebenem Material sehen will, jemanden, der zusammenschneidet und bastelt. Poesie muss von allen gemacht werden! war der entsprechende Slogan der damaligen linken Literaturszene. Heute jedoch wolle sich der faule, einer reaktionären Ästhetik auf den Leim gehende Leser wieder unterhalten und belehren lassen, statt selbst an der Sinnstiftung mitzuwirken.
Was ist ein Lektautor?
Sowenig Ingold dem Autor Originalität gönnt, so bedenkenlos verschiebt er die kreative Instanz, unter anderem auf den Computer: Wer auf dem PC schreibt, aktualisiert einen vorgegebenen unsichtbaren Urtext, indem er ihn überschreibt; einen programmierten Text, der auf Abruf via Tastatur jedes mögliche Gedicht, jede Erzählung, auch jeden Essay freigibt, ,Sekundärtexte' allesamt, die während ihrer Entstehung vom Rechner selbst - freilich auf ,Befehl' des Autors - formatiert, kontrolliert, korrigiert oder auch gelöscht werden können. Ingold erfindet das Unwort Lektautorschaft, um die spezifische Interaktion zwischen Autor und Rechner zu bezeichnen, die die Funktion Schreiben weitgehend relativiere.
Als Kardinalzeugen für eine von der Schöpferidee befreite Literatur führt Ingold ausgerechnet Rilke an, der sich von unwillkürlich über ihn hereinbrechenden ,Stimmen und Bildern' habe leiten lassen: Er wird von einem anderen geschrieben, habe der Rilke-Interpret Hans-Jost Frey dazu gesagt. Gleichviel, ob Felix Philipp Ingold den Schwarzen Peter des Schöpfertums nun an einen numinosen anderen weiterreicht, an die Sprache selbst oder den Rechner - irgendwo holt ihn die Autorschaft wieder ein. So summiert er denn auch, dass der Schriftsteller als Medium aus der Vernetzung von fremden Stimmen und Bildern einen ganz und gar ,eigenen' künstlerischen Kosmos entstehen lasse. Warum ihn das dann nicht zum Autor macht, fragt man sich umsonst.
In Erzählungen verstrickt
In der zweiten Ausgabe der vielversprechenden Freiburger Literatur- und Kunstzeitschrift Kalliope findet sich ein Aufsatz des Philosophen Markus Gabriel. In Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Husserls stellt er die Behauptung auf, dass unsere alltägliche Dingwahrnehmung sich durch eine nur imaginär ergänzende Synthese des tatsächlich und meistens aus dem Augenwinkel Wahrgenommenen nicht erklären lässt: Es bedürfte eines unendlichen Quantums an Blicken, wenn man die Individuation eines Raumdings als eine Aufgabe des Gesichts begreifen wollte. Was hinzukommen muss, damit wir uns der Dinge gewiss sind, ist ihre Erzählung: Wie, wenn nun ein jedes Einzelding und nicht erst das Ganze der Welt eine Erzählung wäre?
Gabriels These ist radikal, denn sie setzt voraus, dass wir unentwegt in unbewusste Erzählungen verstrickt sind, die allen relevanten Objekten überhaupt erst ihren Sinn verleihen. Eine überzeugendere Generalabsolution für das Ingold so verhasste traditionelle Erzählen ist kaum denkbar. Wenn es ein Existential ist, dann wäre es an der Zeit, die experimentelle Literatur vom Erzählen ebenso abzukoppeln wie die moderne Kunst von der Fotografie.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag
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