Kirk Douglas zum Neunzigsten

Einsam ist der Tapfere

Von Edo Reents

Filmplakat zu “Einsam sind die Tapferen“ (1962)

Filmplakat zu "Einsam sind die Tapferen" (1962)

09. Dezember 2006 Kirk Douglas war bei aller Virilität nie darauf aus, als bis zuletzt strahlender Held dazustehen. Rebellion, die fixe Idee der fünfziger und sechziger Jahre, deren prägende Gestalt er war, interessierte ihn nur im großen Stil: wenn er es, wie in Kubricks „Spartacus“, den er produzierte, mit Mächten aufnehmen konnte, die stärker oder zumindest zahlreicher waren als er. Es wäre lächerlich, sich ihn, der vom method acting wenig hielt, in der Rolle des unverstandenenen Sohnes vorzustellen. Ohne auf die Zwischentöne der Ambivalenz ganz zu verzichten, setzte oder biß sich dieser extrem Angespannte verläßlich durch und, wenn nicht, so kam er selber unter die Räder.

Beides tat er ohne Rücksicht auf Verluste, wie vor allem als Billy Wilders von Ehrgeiz zerfressener „Reporter des Satans“ (1951), als abgehalfterter, verhaßter Filmproduzent in Minnellis „Stadt der Illusionen“ (1953) oder in dem King-Vidor-Western „Man Without a Star“ (1955), dem ersten von seiner eigenen Firma produzierten Film. Nur ausnahmsweise, etwa in Kubricks berühmter Abrechnung „Wege zum Ruhm“ (1957), gab er von sich aus klein bei.

Selbstbewußt, halsstarrig

Das Selbstbewußtsein, mit dem er seine Figuren umgab, schien von Fremdeinschätzung unabhängig, war aber von Halsstarrigkeit oft nicht zu unterscheiden. Seine Gebrochenheit war von anderer Art als die, die seine Kollegen im Angebot hatten, und nahm sich unter der knallharten Oberfläche desto bestürzender aus. Die Größe seines Scheiterns bemaß sich an der Stärke seines Willens und bezog daraus bisweilen tragische Züge. Deswegen waren Eleganz, Selbstironie, ja, selbst Humor kaum Kategorien seiner Rollen; dergleichen hätte ihre Unbedingtheit unterminiert. Statt dessen wurde eine Geradlinigkeit sein Markenzeichen, die im Gegensatz zur Abgeklärtheit seines mehrmaligen Filmpartners John Wayne fast schon krankhaft anmutete.

Nicht nur in dieser Hinsicht war ihm die Rolle in David Millers Post-Western „Einsam sind die Tapferen“ (1962) die liebste. Hier gibt er, nach einem Drehbuch des lange auf Hollywoods Schwarze Liste verbannten Dalton Trumbo, eine so treue wie abstoßende Figur ab: Der Cowboy Jack Burns läßt sich ins Gefängnis sperren, um seinen besten Freund daraus zu befreien. Er muß, aber er will nicht erkennen, daß seine Hilfe so unerwünscht ist wie sein Weltbild überholt: Selbstjustiz gibt es nicht mehr, die Pferde sind gegen Autos ausgetauscht, und das Rechtsempfinden ist zu kompliziert geworden, als daß einer mit dem Schießeisen noch etwas ausrichten könnte. Burns aber sitzt immer noch im Sattel und kommt schließlich darin um. Tödlich verwundet, liegt er wie ein Tier am Straßenrand, der Regen blitzt in den Scheinwerfern der Verfolgerfahrzeuge, und wir lesen in diesem Gesicht ein Unverständnis, wie es nur ganz wenige Schauspieler auszudrücken vermochten.

Neurotisch, borniert

Kirk Douglas machte es dem Zuschauer nie leicht, Einblick zu nehmen in das, was in ihm vorging; aber sich selbst machte er es am schwersten. In seinen überzeugendsten Momenten wurde er deswegen zum neurotisch Bornierten, der nicht anders kann und mit dem man deswegen Mitleid haben muß. Niemals kam das besser, beklemmender an die Oberfläche als in William Wylers „Detective Story“ (1951), in der er den Polizisten Jim McLeod spielt, der mit seiner Eifersucht der Ehefrau das Leben zur Hölle macht und dessen Haß auf alles Kriminelle nicht von dieser Welt ist.

Wenn man wissen will, was Fanatismus ist, muß man sich diesen Film ansehen. „Wieso können Sie nicht ,Yes, Sir' sagen, ohne daß es wie eine Beleidigung klingt?“, fragt ihn sein Vorgesetzter. „Yes, Sir!“ Was ist von einem Mann zu halten, der manchmal daran denkt, sich das Gehirn eigenhändig aus dem Kopf zu reißen und die schlechten, bösen Gedanken herauszuquetschen? „Ich ersticke an meinem eigenen Ich“, sagt der arme Jim McLeod. Dies ist einer der wahrhaftigsten Momente in der langen, reichen Karriere dieses Schauspielers.

Es mit sich selbst auszuhalten, war immer eine Herausforderung für einen Künstler. Kirk Douglas übt sich nun schon neunzig Jahre darin.

Text: F.A.Z. vom 9. Dezember 2006
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Sammlung Beyl, Linke/FilmmuseumPotsdam/Cinetext

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1948: Kirk und Diana Douglas mit Sohn MichaelMit Lana Turner in “Stadt der Illusionen“ (1952)“Spartacus“ (1960)“Wege zum Ruhm“ (1957)Mit John Wayne in “Die Gewaltigen“ (1966)Mit Faye Dunaway in “Das Arrangement“ (1969)Mit Silvana Mangano in “Die Fahrten des Odysseus“ (1954)Mit Doris Day in “Der Mann ihrer Täume“ (1949)Alter WilderMit Jill Haworth in “Erster Sieg“ (1964)Mit Pier Angeli in “Three Loves“ (1952)Porträt von 1976 Jahre später“Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft“ (1956)“Wege zum Ruhm“ (1957)“Es bleibt in der Familie“ (2002) mit Bernadette Peters, Michael Douglas (hinten, v.l.), Rory Culkin, Kirk Douglas, Diana Douglas (Mitte; v.l.) und Cameron Douglas (unten)Mit Daliah Lavi in “Zwei Wochen in einer anderen Stadt“ (1962)“Die Wikinger“ (1958)“Reporter des Satans“ (1951)“Für eine Handvoll Geld“ (1952)“Spartacus“ (1960)“Das Arrangement“ (1969)“Zwischen Frauen und Seilen“ (1949)Mit Steven Spielberg bei der Oscar-Verliehung 1996. Douglas erhielt den Ehren-Oscar