Von Peter Luley
06. November 2005 Es schien ein schlechter PR-Gag zu sein. Matthias Brandt, der jüngste Sohn von Willy Brandt, spielte in Oliver Storz' Film Im Schatten der Macht vor zwei Jahren ausgerechnet die Rolle des DDR-Spions Günter Guillaume, über den sein Vater gestürzt war. Alte Willy-Weggefährten sahen durch den Abgesang auf die Ära des Friedensnobelpreisträgers dessen Andenken bedroht, und auch sonst wurde der irrwitzige Besetzungscoup zurückhaltend aufgenommen.
Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, daß der Schauspieler seine Sache nicht schlecht gemacht hatte. Und daß seine autobiographische Verflechtung dem Stück nicht geschadet, sondern ihm eine zusätzliche Dimension verliehen hatte.
Viel Geld für Komische-Sätze-Sagen
So wurde die spektakuläre Rolle doch noch zum Coming-out des (Fernseh-)Filmdarstellers Matthias Brandt, der zuvor fünfzehn Jahre lang feste Engagements an Theaterbühnen hatte. Zuvor hatte der 44 Jahre alte Vater einer kleinen Tochter, der die Guillaume-Idee selbst entwickelte, nur sporadisch für kleine Rollen vor der Kamera gestanden.
Bis dahin habe ich das Filmen nie wirklich als Alternative wahrgenommen. Man ist da hingegangen und war fasziniert davon, daß man für zwei Tage Komische-Sätze-Sagen soviel Geld kriegt wie für einen Monat Theaterspielen, aber ich habe für mich lange nicht gesehen, daß ich da in der Art arbeiten könnte, wie ich es heute tue.
Gut getarnte Ambition
Die Liste der Filme, die Brandt seither gedreht hat, ist imposant. Sie umfaßt so unterschiedliche Werke wie das Stasi-Drama Der Stich des Skorpion, die Liebeskomödie Mr. und Mrs. Right, in der er als trotteliger Kumpeltyp Maria Furtwängler erobert, und die preisgekrönte Sozialstudie In Sachen Kaminski mit Juliane Köhler. Die taz feierte ihn schon als zur Zeit besten deutschen TV-Darsteller - ein Urteil, mit dem sein Bekanntheitsgrad noch nicht Schritt hält. Dabei macht er keineswegs nur engagierte Nischenfilme, sondern durchaus Unterhaltungsstücke; sein geringer Starfaktor dürfte eher mit seinem Faible für unscheinbare, zerrissene Charaktere zu tun haben, denen er ein Geheimnis erhält.
Das Potential zum emotionalen Ausbruch legt Brandt in seinen Figuren genauso an wie die Möglichkeit zum Kompromiß, Ernsthaftigkeit genauso wie unvermutete Komik. Das verleiht seinen Rollen Echtheit und läßt den Schauspieler hinter sie zurücktreten. Er selbst verweist nur mit bescheidenem Stolz auf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Stephan Wagner, Torsten C. Fischer und eben Storz: Wenn Leute gerne wiederholt mit einem arbeiten, heißt das ja, daß das nicht so verkehrt ist, was man macht, zumindest für die.
Verständlich, daß er angesichts solch gut getarnter Ambition den Wunsch hat, nicht mehr über seine Herkunft, sondern über seine Arbeit zu sprechen. Um so ungeschickter wirkt es, daß er sich entschloß, an dem Dokumentarfilm-Experiment Schattenväter mitzuwirken. Dessen Autorin Doris Metz stellt die Biographien Matthias Brandts und des Guillaume-Sohnes Pierre Boom nebeneinander und behauptet so eine Verbundenheit, die nicht existiert hat.
Das ist ja kein Reklamefilm für mich
Während Brandt nach eigenem Bekunden die Hoffnung hatte, in den zugrundeliegenden neuntägigen Interviewsitzungen abschließend noch einmal alles gesagt zu haben, was ich zu dem Thema heute zu sagen habe, provoziert der mit erdenschwerer Musik unterlegte Film neue Fragen: Setzt der Sohn seine Herkunft nicht doch zur Eigenwerbung ein? Da widerspricht Brandt energisch: Das ist ja kein Reklamefilm für mich. Er sei eben gefragt worden, und das Konzept der Regisseurin sei ihm in der Theorie relativ schlüssig erschienen.
Daß die Prämisse konstruiert sei, habe er auch eingewendet: Wird da nicht anhand der Söhne etwas verhandelt, das man eigentlich mit den Vätern hätte verhandeln müssen? So 'ne Stellvertretergeschichte. Er habe sich letztlich aber zurückgenommen, weil er ja nicht Macher des Films, sondern sein Gegenstand sei. Und die Begegnung mit Guillaume jr.? Das war insofern unspektakulär, als wir kein Problem miteinander haben. Worin sollte das liegen? Es war so, wie das eben ist, wenn sich zwei einander fremde Menschen ohne Arg begegnen, sagt er lachend. Brandt besitzt die Fähigkeit, sich deutlich auszudrücken, ohne anderen auf die Füße zu treten oder viel von sich selbst preiszugeben. Im übrigen sagt er: Mein Leben ist eigentlich gar nicht so traurig wie das von dem komischen Mann in dem Film.
Akt der Überwindung
Wer ihm begegnet, hat keinen Zweifel an seiner Ausgeglichenheit. Er habe kein Problem damit, an der Legende seines Vaters zu kratzen, erklärt er unaufgeregt, weil der für ihn keine Legende sei. Daß es für andere Leute vielleicht ein Problem darstellt, wenn etwas mit dem Bild, das sie sich aufgebaut haben, nicht zusammenpaßt, ist ja nichts, worauf ich ernsthaft Rücksicht nehmen könnte. Da würde ich ja verrückt werden, wenn ich dauernd dieses Idol bedienen müßte. Er plädiert für mehr Humor im Umgang mit dem Denkmal Willy Brandt und beklagt, daß man bei dem Thema immer sofort die Bleiweste anhabe.
Aber ist es nicht erstaunlich, daß er sich mit seiner zurückhaltenden Natur und einer Kindheit im ungewollten Rampenlicht so einen exponierten Beruf ausgesucht hat? Es gibt ja viele Kollegen, die zu einer gewissen Zurückhaltung und Schüchternheit neigen, für die dieses Nach-außen-Treten auch immer erst mal einen Akt der Überwindung bedeutet. Und er sehe nicht ein, seiner Biographie wegen seiner Begabung und seinem Wunsch, Geschichten zu erzählen, nicht zu folgen.
Zu authentisch geraten?
Die Chancen, künftig wieder stärker an seiner Arbeit gemessen zu werden, stehen für Matthias Brandt nicht schlecht: Sein bisher wohl wichtigster Film, In Sachen Kaminski, hat seine ARD-Ausstrahlung schließlich noch vor sich. Nachdem der Film zunächst im Spätprogramm versendet werden sollte, sorgte seine Prämierung auf dem Filmfest München dafür, daß er nun im Frühjahr 2006 zur Primetime ausgestrahlt wird.
Im Sender sorgte man sich, daß die Geschichte um ein lernbehindertes Ehepaar, dem das Sorgerecht für die Tochter aberkannt wird, zu authentisch geraten sei - was Brandt richtiggehend sauer macht: Ich bin mir nicht sicher, ob diejenigen, die so was sagen, überhaupt wissen, was sie damit meinen. Ob ihnen der Film zu dreckig war oder die Leute scheiße aussahen oder was. Das ist Kram, mit dem man sich rumschlägt, das ärgert einen in dem Moment, aber letztlich ist das Wesentliche, daß es den Film gibt und daß es ihn so gibt, wie wir ihn haben wollten.
Gebranntes Kind
Brandt schafft es, seine Figur drastisch, aber nie denunzierend zu verkörpern. Mit dicker Brille und erbarmungswürdig reduziertem Ausdrucksvermögen strahlt er als um sein Kind kämpfender Vater eine ergreifende Würde aus, gerade weil sie so uneitel und unkalkuliert wirkt. Diese Entäußerung, sagt Brandt, habe er nur wagen können, weil er wußte, daß Regisseur Stephan Wagner damit richtig umgehen würde. Überhaupt habe die Skepsis der Auftraggeber beim Team die Reihen noch mal geschlossen. Man entwickelt dann eine besondere Energie.
Derzeit dreht Brandt am laufenden Band: Allein in den nächsten Monaten stehen unter anderem der neue Storz Drei Schwestern made in Germany, die Kinoadaption des Moritz-Rinke-Stücks Vineta, die ZDF-Romanverfilmung Der Tote am Strand / Rosas Rückkehr und ein Adolf-Winkelmann-Film über den Contergan-Skandal an. Genrevielfalt sei ihm wichtig, sagt Brandt, er suche halt immer nach einem Punkt zum Andocken an eine Rolle. Deshalb komme ein Rosamunde-Pilcher-Film, wie ihn jetzt der Kollege Sebastian Koch dreht, für ihn nicht in Frage: Dazu würde mir nichts einfallen. Da würde ich nur doof in der Gegend rumstehen.
Ob es etwas gibt, das seine wichtigen Rollen gemein haben? Hmm, sagt Brandt, Oliver Storz meinte, seine Figuren hätten alle so einen gewissen Punkt der Verlorenheit. Darüber habe er nachgedacht. Daß er, das gebrannte Kind, bei seinem Spiel natürlich aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpft, ist ihm vollkommen bewußt: Man hat ja nur sich selber, mit seinem ganzen Kram und seiner ganzen Geschichte, als Material für den Beruf.
Schattenväter läuft am Donnerstag in den Kinos an. 3Sat wiederholt den Stich des Skorpion am 20. November, In Sachen Kaminski am 23. November.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.11.2005
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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