"Reden gut und richtig halten!"

Hätten sie doch geschwiegen: Politiker im Gefühlstaumel

Von Andreas Platthaus

Was der Duden weiß: Starke Emotionen beeinflussen das Denken

Was der Duden weiß: Starke Emotionen beeinflussen das Denken

21. Februar 2005 Generäle sind nicht dazu da, Niederlagen einzugestehen. Politiker auch nicht. Wie sehr gilt das dann erst für die Generalsekretäre der Parteien. Deshalb schweigen sie im Moment einer Pleite, doch dieses Schweigen ist beredt. Die rhetorische Theorie hält dafür den Begriff der "Paralipse" parat: Ein Redner kündigt an, zu einem bestimmten Thema nichts sagen zu wollen, und bringt es gerade damit bei den Zuhörern in Erinnerung.

"Man versucht, uns diese Niederlage einzureden", wandte Klaus Uwe Benneter vorgestern abend in der "Berliner Runde" der Generalsekretäre ein, "doch dem ist nicht so." Abgesehen davon, daß da schon semantisch einiges im argen liegt, war das nichts anderes als eine Durchhalteparole: die sich allerdings als prophetisch erweisen sollte; denn als die Bemerkung des SPD-Mannes fiel, galten CDU und FDP noch als sichere Gewinner der Landtagswahl in Schleswig-Holstein.

Wenn es nur Verlierer gibt

Benneters CDU-Kollege Volker Kauder tat denn auch direkt danach sein möglichstes, um ja keinen Zweifel am Ausgang des Urnengangs aufkommen zu lassen. Als er in derselben Runde um eine Einschätzung für den Fall gebeten wurde, daß seine Partei zusammen mit den Liberalen doch keine Mehrheit zusammenbekommen würde, meinte er lapidar: "Das ist jetzt kein Thema." Doch es wurde eins - und Kauder mußte keine vier Stunden später wesentlich weitschweifiger werden, um das Eingeständnis einer Niederlage zu vermeiden, die man den ganzen Abend lang als Wahlsieg verkauft hatte.

Benneters Einschätzung von 19 Uhr 30 wurde da zum Muster für Kauder, und so stand schließlich wieder nur das fest, was in der deutschen Politik ohnehin gewiß ist: Am Ende einer Wahl haben alle Beteiligten gewonnen. Diesmal aber gibt es nur Verlierer: SPD und Grüne sind ihre alleinige Mehrheit los; CDU und Liberale sahen sich schon als Machthaber. Wie geht man mit allseitiger Entäuschung um?

Eine Minute Lektürezeit hätte gereicht

Der gerade neubearbeitete und ergänzte Band "Reden gut und richtig halten!" aus der Duden-Redaktion kennt neben der Dankesrede nur noch einen einzigen weiteren gängigen Anlaß für Ansprachen im öffentlichen Raum: die Beileidsbekundung bei einem Todesfall. Das ist für unsere Lage gut gewählt; denn politische Aussagen nach Wahlen sind stets eine Mischung aus beidem: Dank an die Wähler und Beileid für den Gegner.

Unter den "Musterreden", die der "Reden-Duden" auf mehr als 230 Seiten versammelt, gibt es denn auch nur ein Beispiel für eine "Ansprache nach einer Niederlage". Es ist zudem der knappste aller abgedruckten Vorschläge, und er besteht neben einem dürftigen Witz zum Auftakt nur aus Durchhalteparolen: Ein guter Verlierer will man sein, an sich arbeiten will man und beim nächsten Mal wieder gewinnen. Eine Minute Lektürezeit hätte gereicht. Doch so etwas wird man niemals aus politischem Munde in der Bundesrepublik hören. Es wäre ja das Eingeständnis einer Niederlage.

Dock kein Ratgeber für Politiker

"Prächtig gekämpft" hatte vielmehr Rot-Grün in Schleswig-Holstein selbst dann, als nichts danach aussah. Franz Müntefering sah seine Partei noch im Angesicht des drohenden Machtverlusts aus dem "tiefsten Tief herausgebuddelt" - eine Hyperbel, die bereits andeutete, wie schwarz die jüngste Vergangenheit von der SPD-Spitze gemalt werden sollte, um die prognostizierte Kieler Niederlage nur ja rosarot umdeuten zu können: "Hyperbel" definiert der "Reden-Duden" als "Überbietung des eigentlichen Wortes" und nimmt sie in seine Liste des Redeschmucks auf.

Leider fehlt in dieser Liste ausgerechnet die Figur der Paralipse, und das zeigt, daß das Buch sich doch nicht als Ratgeber für Politiker versteht. Sonst hätte die Redaktion ihnen ja erklären können, daß die antiken Begründer der Rhetorik die Paralipse als durchaus bewußt eingesetztes sprachliches Mittel begriffen haben, durch dessen Einsatz der Redner die Aufmerksamkeit gerade auf das Verschwiegene lenken will. Politiker möchten dagegen Pleiten nicht rhetorisch, sondern tatsächlich verschweigen.

„Da fällt mir schon was ein“

Also schweigen auch wir über die Paralipse; der Band enthält ohnehin genug Ratschläge für Verlierer, die ihre Enttäuschung in Worte verkleiden möchten. Leider hatte wohl niemand Zeit, ihn vor der Wahl zu studieren. Sonst hätten Heide Simonis und Peter Harry Carstensen folgenden Hinweis entdeckt: "Starke Emotionen beeinflussen das Denken so sehr, daß nicht mehr produktiv zur Sache gedacht werden kann." Carstensen sah sich schon als Ministerpräsident und agierte dementsprechend großsprecherisch. Frau Simonis dagegen entrutschte unter dem Eindruck der Schlappe die Äußerung: ",Heide' stand für die Inhalte, die die SPD vertrat."

Durch diese metonymische Verknüpfung - "Die Person steht für die Sache", erläutert der "Reden-Duden" - band sie nolens volens ihr eigenes politisches Gedeih und Verderben an den Wahlausgang. Die Parteigenossen hatten zuvor viel vorsichtiger formuliert: "Heide hat bis zur Erschöpfung gekämpft." In dieser vorsichtigeren Wortwahl stand "Heide" nur für die Person der Ministerpräsidentin. Von Frau Simonis selbst als Metonymie gebraucht, signalisierte der Name dagegen Größenwahnsinn.

In vermeintlicher Niederlage wie vermeintlichem Sieg agierten beide Spitzenkandidaten denkbar ungeschickt. Der "Reden-Duden" warnt zu Recht vor zu blumiger Sprache. Und er warnt vor Unentschlossenheit. Auf die frühabendliche Frage, was Heide Simonis machen würde, wenn sie nicht mehr Ministerpräsidentin sein sollte, äußerte die da noch sichtbar angeschlagene Politikerin: "Da fällt mir schon was ein." Angesichts dieser einfallslosen Antwort muß man wohl froh sein, daß sie nun eine gute Chance besitzt, weiterzumachen wie bisher. Auch das hat in der deutschen Politik Tradition.

Text: F.A.Z., 22.02.2005, Nr. 44 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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