Meat Loaf

Im Land der Schweine ist der Metzger König

Von Andreas Obst

19. Oktober 2006 Das Musikgeschäft hat es mit Meat Loaf nicht immer gut gemeint. Die Bilanz des amerikanischen Sängers indes kann sich sehen lassen: Mehr als fünfzig Millionen Mal verkauften sich die beiden Alben, die seinen Ruhm begründeten und - fast zwei Jahrzehnte später - ins geradezu Mythische verlängerten: das mehrteilige Fantasy-Sound-Spektakel um die Fledermaus, die aus der Hölle kam.

Die erste „Bat Out Of Hell“-Platte wurde 1977 veröffentlicht, sie machte den schwergewichtigten Texaner, am 27. September 1947 als Marvin Lee Aday geboren, schlagartig berühmt. Im Schatten blieb hingegen sein kongenialer Partner. Der Komponist Jim Steinman hatte dem Sänger mit der Vier-Oktaven-Stimme das komplette Repertoire geschrieben und als bekennender Wagner-Fan mit Sounds dekoriert, wie sie sogar im prinzipiell hysterischen Bombastrock der späten Siebziger ohne Beispiel waren.

Am Rand der Selbstparodie

Im überdrehten Kreischen der Gitarren, dem Hämmern von Klavier und Schlagzeug, zwischen Jubelchören und Streichertorbögen posaunte Meat Loaf mit Stentorstimmen Banalitäten und tiefe Wahrheiten - was im Rock oft genug dasselbe ist - über die Liebe und das Leben heraus: haarscharf am Rand der Selbstparodie und in kalkulierten Momenten weit darüber hinaus. So ließ sich das Werk jenseits seines stadiontauglichen Aplombs auch als Ausdruck einer Rockmusik hören, die in den Spiegel schaute und sich dabei ihres verlorengegangenen Grundantriebs neu vergewisserte - den Spaß am Lärm. Danach kam es wie oft im Rock: Plattenfirma, Autor und Interpret verkrachten sich, Meat Loaf erlebte Zusammenbrüche und raffte sich Anfang der Neunziger dennoch zur neuerlichen Zusammenarbeit mit Steinman in der abgestaubten Kulisse des selbstentworfenen Fledermaus-Kosmos auf.

Er erlebte alle Höhen und Tiefen Sangespartnerin von Meat Loaf auf “Bat Out Of Hell III“: Marion Raven Anfang der Neunziger kehrte Meat Loaf in den Fledermaus-Kosmos zurück. Konzer... Der Spaß am Lärm ist wieder da 1978 im Duett mit Karla de Vito 1974 in der “Rocky Horror Picture Show“

„Bat Out Of Hell II - Back Into Hell“ tönte trotz neuerlich hypertrophen Auftrumpfens vielleicht sogar noch leichter, unbekümmerter, übermütiger als das Original. Doch hinter der Fassade der Erfolgsfortschreibung ging der Kampf der Schöpfer weiter. Er führte, und das ist tatsächlich ein Wunder, zum dritten Fledermaus-Album in nunmehr fast drei Jahrzehnten. Vierzehn Songs als neuerliche Wegzehrung für alte Fans und Erweckungspaukenschlag einer nachwachsenden Generation von Rockmusikhörern, der vielleicht die Kenntnis der Geschichte fehlt, nicht jedoch das Gespür für unmittelbare Großrockdarstellung. Sie speist sich bei Meat Loaf seit je aus Leidenschaft, Sentimentalität und zunehmend sarkastischem Witz. Diesmal singt er etwa vom Land der Schweine, in dem der Metzger König sei.

Meat Loafs Plattenfirma wäre froh, heißt es, wenn sich das neue Album, das von morgen an in den Läden steht, fünf Millionen Mal verkaufen würde: Dann wäre damit noch einmal ein Zehntel des Umsatzes zu erzielen, den die Vorgänger einspielten. Unterdessen enthüllte Meat Loaf, der zuletzt lieber als Filmschauspieler denn als Rocksänger auftrat, seine eigene Vision des wahren Fegefeuers: eingesperrt zu sein in einem Schallplattenstudio für alle Ewigkeit.



Text: F.A.Z., 19.10.2006, Nr. 243 / Seite 42
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv

 
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