02. Dezember 2004 Die amerikanische Variante des Kopftuchstreits entfaltete sich in Muskogee, Oklahoma. Dort wurde die elf Jahre alte Nashala Hern vom Unterricht in der öffentlichen Schule, der Ben Franklin Science Academy, ausgeschlossen, weil sie sich weigerte, ihre muslimische Kopfbedeckung abzulegen.
Nashalas Vater protestierte, der Anwalt der Schule verwies auf die Kleiderordnung von 1997, das Justizministerium in Washington schaltete sich ein. Es kam zu einer Einigung, will heißen, die Schulbehörde machte einen Rückzieher. Sie verpflichtete sich, ihre Kleiderordnung zu ändern und das Mädchen mit dem Kopftuch zum Unterricht zuzulassen.
Unamerikanisch, zu hassen
Dieser Vergleich, sagte R. Alexander Acosta, der für Bürgerrechtsfragen zuständige Anwalt im Justizministerium, bestätigt das Prinzip, nach dem öffentliche Schulen von ihren Schülern nicht erwarten können, daß sie ihre Religion am Schuleingang zur Aufbewahrung geben. Und als wäre das noch nicht klar genug, fügte er im patriotischen Überschwang hinzu: Es ist unamerikanisch, Angst zu haben und zu hassen.
In Clymer, Pennsylvania, wurde die Hilfslehrerin Brenda Nichol nach Hause geschickt, weil sie eine Halskette mit Kreuz trug. Sie zog vor Gericht. Nach vier Monaten kam es zu einer Einigung mit ihrem Arbeitgeber, der Armstrong-Indiana Intermediate Unit 28, kurz ARIN genannt. Frau Nichol durfte wieder an die Penns Manor Elementary School zurückkehren, und zwar mit Kreuz. Die Firma ARIN mußte sich verpflichten, aus ihrem Handbuch für Angestellte den Vermerk zu streichen, der das Tragen religiöser Tracht (religious garb) untersagte und somit der entsprechenden Gesetzespassage des Bundesstaates Pennsylvania, dem Garb Statute, entsprach.
Keine Kleidung mit religiösen Botschaften
Da Frau Nichol aber als Hilfskraft in den Diensten nicht des Staates, sondern von ARIN stand, blieb ihr das Los erspart, das 1990 eine muslimische Lehrerin in Philadelphia traf. Die Equal Employment Opportunity Commission, eine Bundesbehörde, hatte gegen ihr Kopftuch und langes Gewand zwar nichts einzuwenden, ein Berufungsgericht sah jedoch in der Bewahrung religiöser Neutralität an öffentlichen Schulen ein zwingendes Staatsinteresse und schlug sich auf die Seite der Schule. Vier Jahre zuvor hatte das Oberste Gericht von Oregon ein ähnliches Urteil gefällt.
Die Frage, ob Lehrer an öffentlichen Schulen in religiöser Tracht vor ihre Schüler treten könnten, wenn sie sich nur jedes Bekehrungsversuches enthielten, beantwortet darum das Vanderbilt Institute of Public Policies Studies mit einem klaren Wahrscheinlich nicht. Auch Verweise auf den ersten Verfassungszusatz, der das Recht auf Meinungsfreiheit gewährleistet, auf den vierzehnten mit seinem umfassenden Diskriminierungsverbot sowie auf Title VII der Bürgerrechtsgesetzgebung von 1964 mit seinen ausführlichen Schutzgarantien vermochten die Richter bisher nicht zu beeindrucken. In dem vom First Amendment Center des Vanderbilt Institute herausgegebenen Teacher's Guide heißt es folglich, Lehrern sei erlaubt, unauffälligen Schmuck wie ein Kreuz oder einen Davidsstern anzulegen, sie sollten aber keine Kleidung mit religiösen Botschaften tragen, also auch kein T-Shirt mit der Aufschrift Jesus Saves.
Zusammenleben als Nationaldogma
Von einer Frau, die es ablehnt, auf ihrem Führerscheinfoto unverschleiert zu erscheinen, bis zu muslimischen Polizisten und Feuerwehrleuten, die sich nicht von ihrem Bart trennen wollen, reißt die Kette der gerichtlichen Auseinandersetzungen im Zeichen einer immer mal wieder stockenden Integration auch in Amerika nicht ab. Die Fälle sorgen dann für etwas Aufregung vor allem in den Lokalmedien, viel seltener aber geben sie Anlaß zu einer grundlegenden Integrationsdebatte, wie sie nun in Europa ausgebrochen ist. Selbst der 11. September hat da keine wesentlich neuen Akzente gesetzt. Statt immer sogleich die Fundamente des Staates in Gefahr zu wähnen, darf Amerika sich den Luxus leisten, über pragmatische Lösungen nachzudenken.
Während andernorts noch darüber gestritten wird, wie eine Transformation zum Einwandererland zu meistern oder ob sie überhaupt möglich und wünschenswert wäre, gründet hier ein Nationaldogma auf dem Zusammenleben der Völker unter einer gemeinsamen Flagge. Daß eine Kultur nicht mit der allumspannend amerikanischen verträglich sein könnte, ist ein Gedanke, den schon der Glaube an die Integrationskraft des amerikanischen Projekts nie zuließe.
Eine delikate Balance
Dadurch wird der Streit über die Integration von Neuankömmlingen nicht vermieden, aber er kann sich auf einer völlig anderen Ebene als in den europäischen Ländern austoben. Auf den Unterschied zwischen den Integrationsidealen hüben und drüben des Atlantiks hat in der New York Times Michael Teitelbaum, Programmdirektor der Alfred P. Sloan Foundation und mit Jay Winter Autor von A Question of Numbers: High Migration, Low Fertility and the Politics of National Identity (Hill and Wang, New York, 1998), hingewiesen. Wenn das angelsächsische Modell einer multikulturellen Gesellschaft es dem politischen System auferlege, die unterschiedlichen und unterschiedlich verbleibenden Bevölkerungsgruppen mit Kompromissen zusammenzuweben, strebe Frankreich zum Beispiel eine Assimilation unter eindeutig französischen Vorzeichen an.
Neben Teitelbaum empfiehlt Arthur C. Helton vom renommierten Council on Foreign Relations den Europäern, sich an den gesellschaftlichen Wandel zu gewöhnen, den Amerika von jeher dem Status quo vorziehe. Einwanderer wollten ihre Sprache und Kultur bewahren, deswegen aber nicht als Bürger zweiter Klasse abgestempelt werden. Sei diese delikate Balance nicht zu finden, hätten Intoleranz, Diskriminierung, Rassenunruhen freie Bahn. So ist Amerika auch als klassisches Einwandererland nicht gegen Strömungen gefeit, wie sie sich jetzt wieder in noch vereinzelten Vorstößen für eine sorgfältigere Auslese von Einwanderern oder gar einen Einwanderungsstopp bemerkbar machen. Im Gegenzug beklagt sich die Industrie immer bitterer über Einwanderungsbehörden, die seit dem 11. September den Nachschub an Arbeitskräften aus dem Ausland weitgehend ungerechtfertigt verzögerten.
Das historische Erfolgsrezept Amerikas
Für ein frischgebackenes Einwanderungsland wie Deutschland hält das nicht nur erfahrenere, sondern von Anfang auch offenere Amerika die eher ungemütliche Lehre bereit, daß Integration als Perpetuum mobile, als ein nie abzuschließendes work in progress zu begreifen ist. Ein Ende der Debatte wird es mithin ebensowenig geben wie eine Lösung von Problemen, die sich über Jahre und Jahrhunderte dem ständigen Wandel verschrieben haben. Allein die Rassenfrage, die den gesamten amerikanischen Integrationsprozeß durchzieht, mag eine Ahnung davon geben, wie hartnäckig sich über alle Erfolge hinweg die Kontroversen behaupten und neu erfinden.
Juristische und parlamentarische Endlosgefechte um die affirmative action, die eine Sonderbehandlung benachteiligter Bevölkerungsgruppen vorschreibt, gehören inzwischen zum Leben der Nation. Sie verschleiern aber auch den unbestreitbaren Erfolg einer Regelung, die der in Harvard lehrende Soziologe Orlando Patterson tadelt, weil sie die nationalen Ideale des Individualismus und leistungsbezogenen Wettbewerbs unterlaufe, und zugleich für die pragmatische Vernebelung dieser Ideale preist. Auf genau solche Schummeleien gehe das historische Erfolgsrezept Amerikas zurück.
Diversität als Gefährdung
Sorge bereitet Patterson dagegen der anschwellende Ruf nach Diversität, nach einer Bewahrung und einem Schutz ethnischer Wesenszüge im amerikanischen Schmelztiegel, den seine Kritiker ohnehin lieber zur Salatschüssel umfunktionieren würden. Diversität, so Patterson, gefährde eine hoffnungsfrohe Sicht auf Amerika. Er pflichtet da Samuel P. Huntington bei, dem Kollegen an der Harvard University, der so viel Aufsehen erregte mit seiner Forderung, Einwanderer müßten sich assimilieren, müßten die Leitkultur (core culture) Amerikas übernehmen, wozu er Individualismus, Arbeitsethos, englische Sprache und die überlieferten juristischen und sozialen Institutionen und Sitten zählt.
In Who are we? The Challenges to America's National Identity (Simon and Schuster, New York) warnt Huntington insbesondere vor dem Ansturm der Latinos, die heute bereits die Hälfte der Einwanderer ausmachen. Eine derart große einheitliche Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame nichtenglische Sprache sprechen, habe es in der Einwanderungsgeschichte des Landes noch nie gegeben. Huntington teilt die Ambivalenz der Gründerväter, die sich dafür aussprachen, Einwanderer der besseren Assimilation halber in alle Winde zu zerstreuen. Von Benjamin Franklin ist bekannt, daß er fürchtete, die Deutschen könnten am Ende Pennsylvania germanisieren.
Eine halbe Million Einwanderer pro Jahr
Wer den amerikanischen Traum auf spanisch träumt, mache aus Amerika, wie Huntington nicht eben leidenschaftslos vorträgt, so etwas wie Belgien oder Kanada. Gerade aus konservativen Kreisen kommen aber auch die eifrigsten Fürsprecher eines ungehinderten Einwandererstroms. Das Wall Street Journal hat sich schon dazu hinreißen lassen, einen Verfassungszusatz zu fordern, der lauten sollte: Grenzen sind offen. Auf den freien Markt und seine auch immigrationstechnisch vielversprechenden Segnungen bauen auch Philip Martin und Peter Duignan, die in Making und Remaking America, herausgegeben von der in ihrem Konservativismus kaum zu erschütternden Hoover Institution, gleichwohl und nicht völlig unerwartet die altgediente Assimilation dem experimentellen Multikulturalismus linker Spielart klar vorziehen.
Nach einem akribischen historischen Überblick kommen sie zu dem Ergebnis, daß eine halbe Million Einwanderer pro Jahr gut zu assimilieren seien. Zur Zeit nimmt Amerika jedoch rund eine Million auf. Auf keinen Fall sollten mehr als zehn Prozent der Neuankömmlinge aus einem einzigen Land stammen, und amerikanische Schulen, Ämter und Gerichte sollten ihnen nicht, wie heute bisweilen üblich, zweisprachig entgegenkommen. Nicht unapart ähnelt das alles dem französischen Modell. Dazu überleben aber auch Ralph Waldo Emersons smelting pot und Henry James' cauldron unter der Protektion der Hoover Institution, derweil Millionen von Latinos, legal und illegal, Amerika ohne jede wissenschaftliche Anleitung umdefinieren. Amerika und seine Einwanderer, schreiben Martin und Duignan, befänden sich auf einer Reise zu einem unbestimmten Ziel. Was ein Amerikaner ist, wird dabei unterwegs neu festgelegt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2004, Nr. 283 / Seite 35
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