Computerspiele

Für 8,50 Dollar in den Krieg gegen Israel

Von Stefan Piasecki

19. November 2003 Schüsse peitschen durch die Tafelberge westlich des kleinen Ortes Tallousa im Südlibanon, die schwach vom bläulichen Mondschein erhellt werden. Faisal, so der Tarnname, duckt sich und versucht, sich zu orientieren. Die Warnschilder, die auf den Minengürtel eines israelischen Postens hinweisen, liegen ein paar Dutzend Meter hinter ihm. Abermals schlagen Kugeln in seiner Nähe ein. Langsam in der Hocke vorwärts kriechend, umrundet Faisal den großen Felsblock, der ihm als Schutz dient. Dann springt er kurz in die Höhe, bevor er sich wieder zu Boden fallen läßt. Ein israelischer Posten, bemannt mit zwei bis vier Soldaten. Mehr sind nicht zu sehen und auch keine schweren Waffen. Faisal greift zu seinen Handgranaten.

Faisals Geschichte ist Fiktion und könnte überall stattfinden: in einem Beiruter Internetcafé, in Duisburg-Marxloh oder in einer Pariser Vorstadt. Denn "Faisal" ist der selbstgewählte Spielername im ersten arabischen Computerspiel, das zwar nach westlichen Maßstäben, allerdings für vornehmlich arabische Spieler "daheim und in der Diaspora" entwickelt wurde. "Special Force" ist ein sogenanntes "Ego-Shooter"-Computerspiel, das weltweit in mehreren arabischen Staaten vertrieben wird. Es wurde von der libanesischen Firma "Hadeel" entwickelt und produziert vom "Central Internet Bureau" der Hizbullah in Beirut. Hintergrund des Spiels ist der Kampf gegen die israelische Armee im Südlibanon bis zum Abzug der Truppen im Jahr 2000. Von Übungsmissionen, bei denen auf Fotos des israelischen Premier- und Verteidigungsministers geschossen wird, bis zu historischen Aktionen nachempfundenen Einsätzen, ist es die Aufgabe des Spielers, Kommandoposten zu stürmen, israelische Helikopter abzuschießen und Soldaten zu töten.

Detaillierte Karten

Nach dem Durchlaufen der Übungsmissionen in einer Spielebene, die mit heldenhaften Bildern und patriotischer Hintergrundmusik ausgestattet ist, wird der zukünftige Kämpfer von Hizbullah-Anführer Scheich Hassan Nasrallah ausgezeichnet und mittels detaillierter Karten und Hintergrundinformationen über die militärischen Kräfteverhältnisse auf die zukünftigen Aktionen eingestimmt. "Special Force" basiert auf der Technologie von "Genesis 3D" der amerikanischen Firma Eclipse Entertainment, einer Entwicklungsumgebung für 3D-Welten und Spielprogramme. Diese ist frei verfügbar und wird für eine Vielzahl von internationalen Produktionen eingesetzt. Eclipse Entertainment hat sich allerdings vom Inhalt einiger Spiele distanziert.

Technisch gesehen, kann "Special Force" mit den aktuellen Standards westlicher Produkte nicht mithalten und präsentiert sich auf einem Stand von vor etwa zwei Jahren. Das Programm läuft jedoch flüssig auch auf älteren Computern, technische Probleme gibt es mit modernerer Hardware und modernen Windows-Versionen. Für die Zielgruppe jüngerer Spieler in arabischen Ländern dürfte dies kein Nachteil sein. Für 8,50 Dollar pro CD-ROM treten sie in den Kampf gegen israel ein. Es gibt eine Version in Arabisch und eine in Englisch. Die Beweggründe, die zur Entwicklung des Spiels geführt haben, werden auf der Homepage www.specialforce.net klipp und klar genannt: "Bislang haben unsere Jugendlichen amerikanische Spiele spielen müssen; mit amerikanischen Helden und arabischen Terroristen. Jetzt können sie unseren eigenen Kampf nachspielen."

Amerikanische Dominanz

In der Tat ist die amerikanische Dominanz auf dem Markt für Ego-Shooter-Computerspiele unbestreitbar. Vom Kampf gegen Entführer von Kreuzfahrtschiffen über den Sieg in 3D über die Vietkong oder den Häuserkampf in Somalia ist alles zu haben. Im Verbund von moderner westlicher Technologie mit libanesischem Einfallsreichtum und ideologischer (und wohl auch finanzieller) Unterstützung der Hizbullah ist nun "Special Force" entstanden, die Übungswiese für angehende Attentäter und solche, die sich nur so fühlen wollen.

Das Computerspiel der islamistischen Terrororganisation paßt sich perfekt ein in die antiisraelische Propaganda der Hisbollah. Die sich wenig darum scheren wird, daß allein ein "Spiel" wie dieses an sich, von vielen nicht ganz zu Unrecht mit Argwohn betrachtet wird. Zumal nach den Massakern in Littleton und Erfurt haben "Ego Shooter" ihre vermeintlich spielerische Unschuld verloren. Zwar konnte bislang in mehreren Untersuchungen etwa der Universität Köln nicht nachgewiesen werden, daß "Ego Shooter" Gewaltbereitschaft fördern. Doch macht es möglicherweise einen Unterschied, ob ein entideologisierter Westeuropäer ein technisch etwas biederes Actionspiel spielt oder ein im Libanon lebender Jugendlicher, der täglich mit Gewalt konfrontiert ist und spielerisch an kämpferische Propaganda herangeführt wird. Auch muslimische Jugendliche im Westen können für diese Art der Unterhaltung empfänglich sein, die sie ideologisch anfüttert - zumal, wie in allen Computerspielen, die dargebotenen Informationen und Gegenstände der militärischen "Mission" im Rahmen des Spiels nicht kritisch hinterfragt oder reflektiert werden.

Sender als Vermittler

Der iranische Sozialwissenschaftler Saied Reza Ameli, der die Auswirkung von Globalisierung und Amerikanisierung auf die Identität britischer Muslime untersucht hat, kommt in seiner Studie "Globalization, Americanization and British Muslim Identity" zum Einfluß internationaler Satellitensender auf in westlichen Ländern lebende Muslime zu dem Schluß, daß es "paradoxerweise einen Zusammenhang zwischen der Religiosität britischer Muslime und dem Zugriff auf transnationale Fernsehsender gibt. Eine Erklärung dafür könnte sein, daß ihnen heute der Zugriff auf viele der heimatlichen Fernsehsender möglich ist. Diese Sender vermitteln direkt zwischen muslimischen Zuschauern und den heimatlichen gesellschaftlichen Zuständen.“

Dasselbe könnte auch für Computerspiele wie "Special Force" gelten, die von Menschen gespielt werden, die von den Konflikten des Nahen Ostens ansonsten aus dem Fernsehen oder der heimatlichen Moschee erfahren. "Special Force" ist das erste ernstzunehmende arabisch-fundamentalistische Computerspiel. Als solches tritt es - computertechnisch - in die Fußstapfen der großen amerikanischen Vorbilder, nur unter umgekehrten inhaltlichen Vorzeichen.

Mittlerweile gibt es in einer Reihe von westlichen Autorennspielen die detaillierte und realistische Darstellung von Großstädten wie Berlin, Tokio, London, New York und bald auch Amsterdam mit der Abbildung filmreifer Actionszenen inklusive Explosionen, durch die Luft fliegenden Autowracks und zivilen Verlusten unter den Passanten. Die Zunahme religiöser Propaganda im Internet und die Verschärfung des globalen Kampfes gegen den Terror läßt erwarten, daß kommende Szenarien arabischer Spiele sich den auch geographisch immer realistischeren Szenarien anpassen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.2003, Nr. 270 / Seite 42
Bildmaterial: EPA

 
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