Eine Fahrt um die alte Mauer

Ich bin und bleibe DDR

Von Martin Sonneborn

Ein Mann sucht den Osten und findet die DDR: der Satiriker Martin Sonneborn

Ein Mann sucht den Osten und findet die DDR: der Satiriker Martin Sonneborn

09. Juni 2008 Als Bundesvorsitzender der Partei „Die Partei“ freute ich mich natürlich ganz besonders, als mich der Regisseur Andreas Coerper ansprach, ob ich mir vorstellen könnte, Berlin entlang des früheren Mauerstreifens zu umwandern. Coerper wollte aus dieser Wanderung einen Film drehen und hatte dafür bereits Angela Merkel und Guido Westerwelle angefragt, die aber keine Zeit hatten. Ich dagegen nahm mir diese Zeit gern, weiß ich doch, wie wichtig es ist, das Gespräch mit den einfachen Leuten zu suchen, zumal an der Zonengrenze, schließlich sind wir, „Die Partei“, ja für die endgültige Teilung Deutschlands.

Unsere Reise begann zwischen Berlin und Potsdam, an der Glienicker Brücke, einem geschichtsträchtigen Ort, an dem früher gescheiterte Spione ausgetauscht wurden. Das Gewässer, das Ost und West trennt, kann man heutzutage durchschwimmen. Ich glaube, ich bin der erste Mensch, der von West nach Ost geschwommen ist, früher hat man das ja eher und vor allem in der Gegenrichtung versucht. Übernachtet haben wir in Pensionen und billigsten Privatunterkünften, die teilweise recht eigenartig waren. Oft stöhnte der Regisseur: „Puh, ist das wieder eine muchtige Bude!“ Ich lernte diesen Ausdruck fürchten, denn Tapeten, Bettzeug, Farben und nicht zuletzt die Luft in den Zimmern waren dann grauenhaft, wahrscheinlich stammten sie noch aus der Zone.

Detonationen über dem Pool

Und plötzlich steht einem das Wasser bis über das Knie: Martin Sonneborn im Pool seiner Gastgeberin

Und plötzlich steht einem das Wasser bis über das Knie: Martin Sonneborn im Pool seiner Gastgeberin

Wir waren eine Woche auf Wanderschaft, da verspürte ich plötzlich das starke Bedürfnis, mich zu waschen. In einem der Dörfer am Flughafen Schönefeld kamen wir nämlich gerade an einem Haus mit Garten und so einem großen aufblasbaren Gummipool vorbei. Ich habe dann geklopft und den Leuten gesagt, dass ich mich schon länger nicht mehr gewaschen hätte und gern in ihren Pool tauchen würde. Sie waren erst skeptisch, ließen sich aber überzeugen, und so stand ich wenig später nur mit Unterhose bekleidet in einem fremden Pool, zitternd, die Arme verschränkt, das Wasser war überraschend kalt. Abends sagte unser Kameramann, das sei das Skurrilste, was er je durch sein Objektiv gesehen habe.

Um mich herum paddelte die Dame des Hauses auf einer Luftmatratze. Sie war unfassbar kompakt, mit einer wesentlich größeren Wasserverdrängung als vier oder fünf von meiner Sorte. Und über dieser Poolidylle setzten pausenlos riesige Flugzeuge zur Landung an. Der Hausherr antwortete auf die Frage, ob schon mal eine Maschine vom Himmel gestürzt sei: „Nein, das passiert nur ganz selten, eigentlich nur die Iljuschin damals, aber das war nicht so spektakulär. Klar, durch die Explosionen wurde es taghell, als die mitten in der Nacht runtergekommen ist, da ein paar hundert Meter weiter. Wir sind dann aufgewacht, als die ganzen Treibstofftanks nacheinander detonierten.“

Komik im Alltag

Ich habe irgendwann in meinen frühen „Titanic“-Jahren festgestellt, dass man sich komische Sachen zwar ausdenken kann, die größere Komik aber oftmals dem innewohnt, was ganz normale Bürger von sich geben, wenn man ihnen nur die Gelegenheit bietet. Der Aufenthalt bei diesen skurrilen Poolbesitzern war übrigens einer der härtesten unserer sechswöchigen Reise. Als ich mich abtrocknete, erklärte mir der Besitzer, das Wasser sei seit drei Jahren nicht gewechselt worden, weil Wasser teuer sei. Er vertraue ganz auf die Chemie, die er regelmäßig ins Becken kippe. Das erklärte mir dann auch den schleimigen grünen Bodenbesatz, in dem ich gestanden hatte.

Die besten Begegnungen auf unserer Reise waren Zufallsbegegnungen, zumeist mit Leuten, die uns entgegenkamen oder die ihr Boot an einem der vielen Seen liegen hatten. Einmal fiel mir ein Boot an einem Steg auf. Die Leute, die darin saßen, hatten schon aus der Ferne so eine merkwürdige Motorik. Eine total betrunkene Familie torkelte da an Bord eines kleinen Motorbootes herum, das nicht ansprang. Ich habe mich zum Bootsfachmann erklärt und versucht, das Ding zu starten, aber nicht einmal mir ist das gelungen. Ich fragte den Familienvater dann, ob er überhaupt Boot fahren könne, so betrunken wie er sei.

Er sagte „ja“ und meinte, es reiche, wenn einer an Bord einen Führerschein habe und einer nüchtern sei - der, der nüchtern ist, müsse aber nicht unbedingt den Führerschein haben. Das war wirklich bizarr, auch weil unsere Kamera, die ja die ganze Zeit lief, erst nach zwanzig Minuten bemerkt wurde. Der Mann rief dann andauernd: „Hier stimmt was nicht, wir fahren seit vierzig Jahren mit diesem Boot über den See, und jetzt kommen so Leute mit Kamera, und das Boot springt nicht an. Hier stimmt was nicht!“ Ich habe ihm letztendlich bestätigt, dass wir von der „Versteckten Kamera“ seien und seine Zündkerzen ausgebaut hätten. Daraufhin war er zufrieden und gab Ruhe.

Alle Systeme machen ratlos

Karibische Sehnsuchtsorte in einer schief beleuchteten Idylle: Martin Sonneborn fremdelt im Osten

Karibische Sehnsuchtsorte in einer schief beleuchteten Idylle: Martin Sonneborn fremdelt im Osten

Natürlich haben wir auch oft versucht, mit den Leuten über das Gesellschaftssystem zu sprechen, über Ost und West, BRD und DDR, der Ost-West-Konflikt ist ja hochinteressant, und in „Titanic“ haben wir ihn entsprechend oft satirisch ausgeschlachtet. Auch der Bootsbesitzer erzählte stolz: „Drei Systeme habe ich mitgemacht, unter Hitler, unter Honecker und jetzt.“ Ich fragte natürlich nach, welches System am besten gewesen sei. Daraufhin stemmte er die Arme in die Hüften, seufzte auf „pfffffft“ und starrte minutenlang ratlos in den Himmel.

Ein Resümee dieses Films ist wohl, dass es die DDR nie gegeben hat und dass sie besser war als der Westen. Wir sind vielen jungen Menschen begegnet, die nichts über die DDR wussten, gar nichts. „DDR? Kenn ick nicht.“ Einmal sagten zwei sechzehnjährige Mädchen, „ja, das haben wir in der Schule gehabt. DDR, das war Krieg.“ Das Ausmaß, in dem die DDR unbekannt ist oder glorifiziert wird, hat mich schon überrascht. Die Plattenbauwohnungen im Osten seien zum Beispiel besser, weil sie alle den gleichen Schnitt haben, erklärte mir ein freundlicher Mittvierziger in Marzahn, „wenn man umzieht, kann man seine Auslegware einfach mitnehmen, die passt überall“.

Fast wie im richtigen Leben

Gut gefallen hat mir auch ein arbeitsloser Straßenbahnschaffner, der von sich sagte: „Ich bin und bleibe DDR.“ Der ging damals ins Bett, als die Grenze fiel. Seine Frau klebte vor dem Fernseher, und er ging ins Bett, weil er am nächsten Tag Frühschicht hatte. Er hat sich bei uns bitterlich beklagt, dass morgens nur vierzig Prozent seiner Kollegen zum Dienst erschienen seien, der Mauerfall war für ihn eine Störung im Betriebsablauf.

Ich glaube, die Leute haben gern mit uns gesprochen. Wir wollten ja auch niemanden bösartig vorführen. Manche haben sich förmlich ins Kameralicht gedrängelt, solchen Gesprächspartnern gibt man natürlich gern Raum. Andere hat die Kamera vorsichtiger werden lassen, Jörg Schönbohm etwa, der ein Haus an der Grenze bewohnt. Der ein oder andere Stasi-Mann wollte vor der Kamera um keinen Preis den Mund aufmachen, aber das waren eigentlich eher Ausnahmen. In Marzahn traf ich einen Vietnamesen, der hat die ganze Zeit in die Kamera gewinkt. Er dachte, man könne ihn live im vietnamesischen Fernsehen sehen. Was mich beeindruckt hat, ist, dass es Leute gab, die völlig unbeeindruckt waren, die mit mir sprachen, als würden sie gar nicht gefilmt.

Die Wirkung der Satire

„Heimatkunde“ ist ein satirischer Dokumentarfilm geworden, es ist offenbar nicht meine Stärke, ernsthaft mit Menschen zu sprechen, und wir trafen wohl auch zu viele skurrile Randexistenzen. Unser schönstes Erlebnis hatten wir in einem Ort namens Stahnsdorf. Dort wurde gerade hochfeierlich ein neuer Platz eingeweiht, mit einem Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Es gab zwei Bänke, ein bisschen Grün und ein paar Bäume. Es gab daneben allerdings auch noch vier große, nagelneue, überdimensionierte und um das Mahnmal herum plazierte sogenannte Hundekotbehälter.

Wir haben den Bürgermeister interviewt und gefragt, in welchem Zusammenhang die Hundekotbehälter zum Mahnmal und zum Hitlerfaschismus stünden. Er hat volltönend angesetzt, um dann vor laufender Kamera immer leiser und wortkarger zu werden und stockend zu enden. Die Kamera war noch nicht ganz aus, da rollte schon ein Abrisskommando an, um die Behälter zu entfernen. Das hat den Regisseur sehr begeistert, weil seiner Klage zufolge alle satirischen Filme, die er bisher gedreht hatte, komplett wirkungslos geblieben sind. Und hier hatten wir eindeutig und nachweislich eine Wirkung erzielt, die Welt zum Besseren gewendet. Denn, ja, natürlich kann Satire Folgen haben, wie viele unserer „Titanic“-Aktionen beweisen. Ich glaube zum Beispiel, dass dieser Film Deutschland wieder spalten wird, wenn er im September in die Kinos kommt. Zum Glück hat der RBB, der ihn zur Hälfte finanziert hat, in den Vertrag aufnehmen lassen, dass er nicht verpflichtet ist, ihn auch auszustrahlen.

Martin Sonneborn war von 2000 bis 2005 Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“. Protokolliert von Melanie Mühl.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Smacfilm Gbr

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