Von Jürgen Dollase
09. Februar 2007 Am morgigen Samstag wird mit Jamie Oliver der weltweit wohl bekannteste Fernsehkoch der Gegenwart in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst zwei Kochshows geben. Der einunddreißigjährige Brite ist zum Rollenmodell für eine ganze Generation von Fernsehköchen geworden, die Kochen in aufgelockerter Manier und mit, wie sie behaupten, weniger dogmatischen Inhalten vermitteln wollen.
Die so vorgeführte Art des Kochens ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil die volkstümlichen Schulmeister die kulinarischen Sozialisationsdefizite und deren gewaltige Auswirkungen nicht ernsthaft beim Namen nennen, sondern letztlich nur das alte, geschmäcklerische System in vereinfachter oder trivialisierter Form weiterbetreiben. Hinter der Befreiung, die die Showköche den nachkochenden Amateuren versprechen, steht, was man bisher allgemein übersieht, ein autoritäres Muster, wird doch ein in vielerlei Hinsicht reduziertes kulinarisches Verhalten absolut gesetzt.
Kampf gegen die Mikrowelle
Es ist eine merkwürdige Fügung, dass ausgerechnet der Urheber des Ganzen andere Akzente setzt. Oliver scheint Verantwortung übernehmen zu wollen für die Entwicklung, die er losgetreten hat. Schon vor fünf Jahren hat er damit begonnen, arbeitslose Jugendliche in einem Restaurantprojekt einzusetzen (Fifteen), das eben nicht als einmalige Medienaufführung begann und endete, sondern fortgeführt wurde und sich international verbreitet. Im Jahre 2004 begann er eine Kampagne zur Verbesserung der britischen Schulnahrung, die mit Unterstützung durch Premierminister Blair zur Umstellung von Speiseplänen in Musterschulen führte - allerdings auch große Schwierigkeiten der Akzeptanz offenbarte.
Befragt man Oliver zu seinen pädagogischen Ideen, tritt eine ausgewogen wirkende Mischung aus Kritik und realistischen Perspektiven hervor. Es zeigen sich aber auch erste Spuren der Begegnung mit der zähen Realität. Oliver gibt an, dass seine Bemühungen nicht als Strategie zu verstehen sind. Er möchte kein Politiker im weiteren Sinne werden und beklagt, dass seine Ideen in der Umsetzung meist sehr, sehr schwierig und zeitaufwendig seien. Von der kulinarischen Erziehung verspricht er sich ganz grundsätzlich einen genuin positiven Effekt auf die Gesellschaft. Das Kochen solle Pflichtfach an den Schulen werden, wo eine ganze Generation heranwächst, die glaubt, eine Mikrowelle sei der Höhepunkt des Kochens. Die Bedeutung des Faches ordnet Oliver mindestens auf gleicher Höhe mit Fremdsprachen oder Naturwissenschaften an: Es ergibt keinen Sinn, die Schule zu verlassen und zwar etwas über Mathematik zu wissen, nicht aber darüber, wie man sich ein nahrhaftes, gut schmeckendes und nicht zu teures Gericht zubereitet.
Die Methodik des fun
Die Bilder von den ersten Reaktionen auf seine Versuche zur Verbesserung der Schulverpflegung gingen rund um die Welt. Man sah verhüllte junge Mädchen muslimischen Glaubens, die den angebotenen Rosenkohl einfach ekelhaft fanden, oder christliche Mütter, die in der Pause Fastfood über den Zaun der Schulen reichten, damit ihre Kinder etwas Vernünftiges zu essen bekamen. Die Enttäuschung bei Oliver über die Aufnahme dieser eben nicht strategisch geplanten und daher etwas zusammenhanglosen Aktion war groß. Mittlerweile glaubt er an Chancen zur Verbesserung nur unter der Voraussetzung, dass alle Beteiligten in der Nahrungskette, von den Eltern und der Schulleitung bis hin zu den zuständigen Verwaltungen und andererseits den Mitarbeitern bei der Essensherstellung und -ausgabe gemeinsame Sache machen: Wenn nur einer von diesen nichts davon wissen will, fällt alles auseinander.
Wenn Jamie Oliver für seine Methodik den Ausdruck fun benutzt, meint dies in britischem Verständnis sicher eher Freude und Spaß weit diesseits der in deutschen Medien stark verbreiteten Slapstick-Kocherei. Es macht Freude, etwas wie Brotbacken zu tun, und am Ende hat man nicht sich einen Jux gemacht, sondern hat eine große Befriedigung, wenn man hinterher Selbstgemachtes essen kann. Während kleinere Kinder vor allem über diese Freude zu erreichen seien, verspricht er sich Erfolg bei Älteren eher von einer erzieherischen Annäherung, wozu er auch Formen des Erschreckens zählt, wie etwa die Aufklärung über die Bestandteile der geliebten Chicken-Nuggets.
Keine Angst vor Sternen
Für die fünfzehn bis Anfang zwanzig Jahre alten Mitarbeiter seines Unternehmens Fifteen gibt es eine ganz klare Ausbildung - aber eben immer mit ein bisschen Spaß dabei. Oliver, der nur einen normalen Schulabschluss ohne weitere Qualifikationen hat und als Schüler schon in der Küche des väterlichen Pubs arbeitete, ist stolz auf das von ihm Erreichte, sucht für sich aber keinen Platz im Kategorienkosmos der Spitzenköche. Unlängst hat er damit begonnen, eigenes Gemüse und Kräuter anzubauen, und beschreibt dies als eine ihn sehr interessierende, neue Erfahrung.
Gleichwohl ist seine Haltung gegenüber der Spitzenküche - anders als die vieler Medienkollegen - offen und scheuklappenlos. Er bevorzugt für Restaurantbesuche zwar eine etwas lebendigere Atmosphäre (wie er sie auch in seinen Fifteen-Restaurants produziert) und nennt das, was die Spitzenküche macht, nicht meinen persönlichen Kochstil, fand das Essen in besternten Restaurants aber fast immer beeindruckend. Den neben Oliver zweiten großen Star der britischen Küche, den Experimentalkoch Heston Blumenthal, schätzt er sehr und nennt ihn einen great guy. Das Essen bei ihm sei wirklich phantastisch. Pläne für eine irgendwie geartete Zusammenarbeit existieren allerdings im Moment nicht.
Gute Sanitäter
Das mag auch daran liegen, dass Jamie Oliver aus britischer Sicht bei den jüngeren Leuten keinen Trend zur experimentellen Küche, sondern eher einen Trend zu regionaler und saisonaler Küche erkennen kann - und das durchaus vor einem ökologisch motivierten Hintergrund. Das Ziel seiner Bemühungen sieht er eher in der Wiederherstellung eines verlorenen Zustands: Wenn man sich und seine Familie mit frischen Zutaten gut ernähren und dieses Wissen weitergeben kann, dann macht man seine Sache ordentlich. Am Ende solle stehen, dass jeder ein wenig vom Kochen versteht, neue Sachen ausprobiert, neue Aromen entdeckt und Freude daran hat.
Das alles klingt im ersten Moment so unforciert, wie alle Bemerkungen Olivers ausfallen. Der Hintergrund dürfte allerdings nicht eine Art kokettierendes Tieferhängen möglicher Ziele sein, sondern die Erkenntnis, dass die Zerstörung der Esskultur bereits so weit fortgeschritten ist, dass man sich mit quasi therapeutischen Zielen begnügen muss. Der Einfluss Jamie Olivers auf sein deutsches Pendant (und seinen ehemaligen Kollegen) Tim Mälzer scheint glücklicherweise auch im pädagogischen Fach wirksam zu sein. Nehmen wir also einmal an, eine Erstversorgung der Fälle würde gelingen - dann wären die beiden vielleicht gute Sanitäter. Wo aber sind die Ärzte?
Text: F.A.Z., 09.02.2007, Nr. 34 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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