Von Ingeborg Harms
17. August 2009 Wie ein mechanisches Klavier klappert die Debatte zur Neuen Bürgerlichkeit alle Vorurteile ab und wiegt uns in einen Richard-Clayderman-Sound vaporisierender Ideen. Bürgerlichkeit kann jeder, wie er will, definieren, der eine hört mehr Marx’ Bourgeois, der andere Marats citoyen heraus, der Dritte flüchtet sich ins Zitieren. Gut hat Tenbruck herausgearbeitet“, heißt es im Westend“-Beitrag des Dresdener Soziologieprofessors Karl-Siegbert Rehberg, dass bürgerliche Kultur als eines ihrer Merkmale Selbstkritik entwickelt hat – politisch fundiert in den parlamentarischen Parteikämpfen, wissenschaftlich im Prinzip einer Überprüfung jedes Ergebnisses.“
Davon abgesehen, dass man selbst die Moskauer Schauprozesse noch als bürgerlich bezeichnen müsste, wenn Selbstkritik das Wesen dieser Haltung wäre, möchte Rehberg ihr zudem den überbordenden Absicherungszwang im akademischen Diskurs in die Schuhe schieben. Die Scheu, einen eigenen Gedanken zu äußern, bei gleichzeitiger geflissentlicher Herbeizitierung kanonischer Namen liest sich über weite Strecken wie folgt: Bei Max Weber, Max Scheler, Ludwig Klages oder Alfred Seidel findet sich ausgesprochen, was Max Horkheimer und Theodor W. Adorno der ,Totalität des Tauschprinzips‘ zuschrieben: In einer durch und durch ,verdinglichten Welt‘ erschienen die Spielräume persönlicher Entscheidung und Verantwortung eingeengt, ja nahezu aufgelöst. Aus ,strukturellen Gründen‘ – wie es Gehlen (2004: 157) formulierte – werde ,der Mensch der Industriegesellschaft von objektiven Mächten ins Private abgedrängt‘.“
Die Studenten sind zu bedauern, die sich durch solche Sätze zwängen müssen. Man kann es ihnen kaum verübeln, wenn sie daraufhin ihre Seminararbeiten mit einem entsprechenden Verweiswust aus dem Internet aufpolstern.
Bürgerliche DDR
Gerade die gönnerhafte Diskussion der Bürgerlichkeitsfrage zeigt eine Autoritätsfixiertheit, die bürgerlicheren Epochen fremd gewesen ist; eigenverantwortete Gedanken waren lange nicht so inopportun. Originell immerhin Rehbergs Behauptung, es habe auch in der DDR eine ordnungspolitische“ Bürgerlichkeit gegeben, die sich nicht zuletzt aus den neuen Funktionärsschichten“ rekrutierte: Dabei wurden selbstbewusst vertretene Ordnungskriterien wie Anständigkeit, Pünktlichkeit oder Vorschriftentreue gesamtgesellschaftlich verankert.“ Dass es sich beim Bau der Mauer um eine Selbstabschließung“ gehandelt habe, ist der Euphemismus der Woche.
Ausgerechnet eine längere Paraphrasierung des Tellkamp-Romans Der Turm“ dient der Folgerung, es seien auch östlich der Mauer Ansätze zur Schaffung eines neuen, realsozialistischen ,Bildungsbürgertums‘ absehbar“ gewesen. Dabei wertet Rehberg die polizeistaatlich erzwungene Passivität der DDR-Bewohner als melancholische Stagnationsergebenheit“, die groteskerweise protestantisch eingeübt“ gewesen sein soll. Bürgerlich ist für ihn alles, was jenseits des Massenkonsums und der Reichtumsgesellschaften“ angesiedelt ist; als bürgerliche Existenzinsel“ qualifiziert sich bei ihm letztlich nur die gute alte DDR.
Sich selbst überlassene Mütter
Man kann noch vier weitere kasuistische Westend“-Beiträge zum Thema Bürgerlichkeit an sich vorbeirauschen lassen, ohne je an die Gegenwart erinnert und einen Moment hellwach zu werden. Interessant immerhin der Aufsatz Cornelia Raus, die Bürgertum traditionell mit Geselligkeits-, Bildungs- und Gesangsvereinen“ gleichsetzen möchte und doch aus feministischer Sicht Sympathie für eine Zeit durchblicken lässt, in der Verantwortungsethik im lebensweltlichen Bereich“ Müttern wenigstens in der Ehe das Leben leichter machte.
Ein Dorn im Auge ist der Hannoveraner Professorin für Zeitgeschichte besonders der jüngste Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtshofs, wonach geschiedene Alleinerziehende, faktisch meist Mütter, für sich nur sehr befristet einen Versorgungsanspruch durch den oder die geschiedene Partner/in geltend machen können“. Korrekt wäre dem grammatischen Pas de deux noch eine Klammer hinzuzufügen: den oder die geschiedene(n) Partner/in“, doch hier scheint sich das Sprachgefühl gesträubt zu haben.
Liebe zur Statistik
Der Grazer Professor für Entwicklungspsychologie Heiner Rindermann möchte den familiären Zusammenhalt so hoch einschätzen, dass er im Merkur“ geradezu die menschliche Intelligenz von ihm abhängig macht. Allerdings nur, wenn die Eltern gebildet sind und das Umfeld leistungswillige Kinder nicht stigmatisiert. Kann es sein“, fragt er, dass Intelligenz und Wissen, als Produkte von Erziehung und Bildung, einen Indikator für bürgerliches Denken, Verhalten und Leben darstellen, sie selbst damit ein Merkmal der bürgerlichen Welt sind, ihrer Praxis und Weltanschauungen?“ Neuere Stimmen, die den gesellschaftlichen Rekurs auf Intelligenzmessungen wie Tom Holert das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus“ nennen, als altmodisch, rassistisch, antidemokratisch“ anprangern, setzt Rindermann ins Verhältnis zur nationalsozialistischen Polemik gegenüber jüdischen Mitbürgern, die durch IQ-Prüfungen ihre Vormachtstellung zu befestigen“ versucht hätten.
Eine übertriebene Liebe zu statistischen Fakten und die Gleichsetzung von NS-Staat und Sozialismus in Sachen Intelligenzforschung verleiten den Autor zur bierernsten Statuierung von Gegenwahrheiten: Menschen sind in sozialistischen Ländern aber nicht nur weniger intelligent und wissen weniger, sie sind auch durch den geringen Wohlstand deutlich kleiner. Auf gesellschaftlicher Ebene wird damit deutlich: Sozialismus führt nicht nur zu intellektueller Selbstverzwergung, sondern auch zu physischem Kleinwuchs.“ Für Rehberg ist der Sozialismus das Eiland des Bürgers, für Rindermann ein Liliput, die Nemesis des Übermenschen. Damit sind alle Klarheiten restlos beseitigt.
Text: F.A.Z.