12. Oktober 2004 Mit einem "Jawoll", so scharf wie Peitschenknall, jagte Nana Mouskouri 1982 dem Pariser Publikum Schauder über den Rücken. Vieles hatte man der gefühligen Griechin zugetraut, aber nicht diese entlarvende Interpretation von "Mein Leben für die Liebe", jenem zackigen Liebestod-Schwur, den Zarah Leander 1942, den Wankelmut jeder Liebe leugnend, in befehlshörige deutsche Ohren geschmettert hatte.
Nana Mouskouri war auf dem Höhepunkt ihres Könnens, ein internationaler Star mit Standbein in Frankreich und Stammplätzen in deutschen und griechischen Herzen. Ihr flirrender, zuweilen heiser grundierter Sopran, der viele mitten ins Gefühl, anderen aber den Nerv traf, war pure Kunst, einem Alt und einem Stimmbandschaden mit Gesangstechnik abgerungen.
Die hatte Nana Mouskouri am Konservatorium in Athen erlernt, aus dessen eisernen Reglements sie in Jazzklubs der Altstadt ausbrach, wo sie Swing, Blues und griechische Volkslieder sang. Harry Belafonte hörte sie dort, Melina Mercouri, der Dichter Odysséas Elytis und Manos Hajiidakis, Griechenlands damals berühmtester Schlager- und Chansonkomponist. Er schrieb Lieder für sie, die ihr Hits und das vorzeitige Ende der klassischen Ausbildung eintrugen.
Das Griechenland der Diktatur gemieden
Ihr wichtigster Förderer aber wurde Mikis Theodorakis, dessen todernste Lieder sie mit derselben Inbrunst vortrug wie die romantisierenden von Hajiidakis. Völlige Hingabe an das, was sie sang, Arie wie Schnulze, blieb bestimmend für Nana Mouskouri. So überzeugte sie sogar die mißtrauischen Studenten, vor denen sie, als Tourneepartnerin Belafontes, 1964 in den Auditorien der größten amerikanischen Universitäten mit Folksongs auftrat.
Zurück in Griechenland, im Gepäck ein fabelhaftes, doch kaum beachtetes Jazzalbum, das Quincy Jones 1962 mit ihr produziert hatte, bereitete sie sich 1967 auf Theodorakis' Aristophanes-Adaption "Die Vögel" vor, in der sie den Hauptpart singen sollte. In der Nacht vor der Uraufführung putschten die Obristen, Theodorakis wurde verboten, Nana Mouskouri zögerte kurz und reiste dann nach Paris, um bis zum Ende der Diktatur ihre Heimat zu meiden.
Frankreichs Vertreterin in der internationalen Folkszene
Sie machte kein Aufhebens um dieses freiwillige Exil. Was sie darüber zu sagen hatte, offenbarten Lieder. "Le jour ou la colombe" zum Beispiel, eine Freiheitsklage, die sie 1967 bei ihrem Debüt im Pariser Olympia sang. Der Appell wurde genauso ergriffen bejubelt wie ihre französische Version von "Guantanamera", Pete Seegers Exillied, oder "Adieu Angelina", die französische Fassung der Antikriegsballade von Joan Baez.
Deswegen und wegen weiterer Adaptionen der Songs von Bob Dylan, Donovan oder Leonard Cohen galt Nana Mouskouri damals als Frankreichs Vertreterin in der internationalen, politisch mündig gewordenen Folkszene. Sie selbst machte später ihre Kindheitserinnerungen an die deutsche Besatzung Griechenlands und den Bürgerkrieg zwischen Royalisten und Demokraten dafür verantwortlich.
Souverän auf dem Grat balanciert, der Tief- von Flachsinn trennt
Im Olympia sang sie neben Dylan auch "Roses blanches de Corfoue", eine Version ihres Welthits "Weiße Rosen aus Athen" von 1961. Mit welchen Folgen sie so souverän wie ignorant auf dem Grat balancierte, der Tief- von Flachsinn trennt, belegt beispielsweise der Abgrund zwischen ihrem "La vie, l'amour, la mort", einem Chanson mit Piaf-Format, oder dem Kult gewordenen Jazzduett "Quand on s'aime" mit Michel Legrand und "Sieben schwarze Rosen", das 1977, die Trivialität des Urbilds ins Bodenlose treibend, den hiesigen Nachfolgehit für "Weiße Rosen" bringen sollte.
In Deutschland und zur selben Zeit aber bewies sie auch, daß ihr griechischer Patriotismus nicht blind war: In der Fernseh-Show "Bios Bahnhof" sang sie, die griechisch-türkischen Animositäten beiseite schiebend, spontan im Duett mit einem türkischen Sänger ein in beiden Ländern beliebtes Volkslied. Man habe, so ihr Kommentar, gemeinsame kulturelle Wurzeln. Ihre Landsleute, vor allem die in Deutschland, reagierten unmutig.
Die Makel zur Ikone stilisiert
Als Nana Mouskouri 1961 die weißen Rosen veröffentlichte, präsentierte die deutsche Plattenhülle Blumen statt einer Fotografie der Sängerin. Man scheute ein Bild der damals sehr korpulenten, Schmetterlingsbrille und enorme Dauerwellen tragenden jungen Frau.
Pariser Diätspezialisten, Visagisten und Couturiers stilisierten dann die Makel zur Ikone, lange schwarze Strähnen mit Mittelscheitel, schwarze Existentialistenbrille über kajalgerahmten Glutaugen. Irgendwann genügte ein Plakat der Brille auf rotem Samt als Ankündigung von Mouskouri-Konzerten.
Synthese aus Madonna und Seminaristin
Extrem scheu, nur zu verhaltenen Gesten fähig, leise bei jeder Conference, wurde die Sängerin zur Projektionsfigur kompensatorischer Phantasien der zu kurz Gekommenen. Synthese aus Madonna und Seminaristin, eine Stille, deren Tönen unvermutet Eruptionen der Leidenschaft, des Muts, gelegentlich gar der Erotik und oft der Verzweiflung entstiegen, so überzeugte sie an manchen Abenden selbst die, denen sie gewöhnlich als Heulsuse zuwider war.
Klug trug die Sängerin in den letzten Jahren der Tatsache Rechnung, daß die Stimme verschliß. Die zunehmende Heiserkeit, die wachsende Neigung der zuvor glasklaren langen Töne zu bersten, wurden auf einem Gospelalbum Stil. Nach kurzem skeptischem Staunen - am längsten zögerten die Deutschen - akzeptierte das Publikum.
Eine lebenskluge Frau, die Unheil kündet - und dann Erlösung
Ein glücklicher Zufall wollte es, daß 2001 ihr frühes Jazzalbum wiederveröffentlicht und sofort zum Riesenerfolg wurde. Konzerte vor einem staunenden Fachpublikum während der Stuttgarter Jazztage folgten, seither stellt Jazz wieder einen wichtigen Teil ihres Repertoires. Auch "Le ciel est noir", ihre Version von Bob Dylans "A Hard Rain's A-Gonna Fall", ist erneut dabei.
Wenn sie den Song heute vorträgt, mit rauher Stimme rücksichtslos gegen schonende Arrangements ansingend, steht eine Klytemnästra auf der Bühne, eine lebenskluge, von heute an siebzigjährige Frau, die Unheil kündet - und dann Erlösung, wenn sie Hadjiidakis' Lied vom griechischen blutroten Sommervollmond interpretiert, der tröstend sanft die vergeblichen Träume junger Leute eines Dorfs streichelt. Wer fragt da noch nach weißen oder schwarzen Rosen?
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2004, Nr. 239 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb
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