Von Rainer Hermann
10. März 2004 Unverschleiert und scherzend sind Suha und Nadschla ins Studio gekommen. Erst dort winden sich die beiden Nachrichtensprecherinnen der Fernsehstation "Al Nahrein" den Schleier um. Vor der blauen Leinwand setzen sie sich in Position, Folien dämpfen das grelle Neonlicht. Erst seit vier Monaten sind die beiden beim Fernsehen. Wie die anderen Redakteure und Techniker des Lokalsenders hatten auch sie keine Medienerfahrung, als sie zu "Nahrein" gekommen sind. Zum Sender, den die Koalitionstruppen aufbauen helfen.
Tagsüber wird die Sendung aufgezeichnet, die von sechs Uhr an im Südirak auf der Frequenz des nationalen Senders "Al Iraqija" ausgestrahlt wird. Am späten Nachmittag bringt ein Bote die Diskette zum Telekommunikationszentrum. Denn das Studio ist in einer Villa eines ehemaligen Arztes untergebracht, und dort besteht es aus einem einzigen Raum, der nicht gerade groß ist. Zwei graue Stellwände teilen das Zimmer: in einen Teil für die Aufnahmen, in den anderen für die Techniker. Ein Techniker hat berufliche Erfahrungen in Iran gesammelt, an seinem Computer setzt er den Hintergrund zusammen: eine Weltkugel mit einem herausgehobenen Irak, in den ist die Provinz Basra rot eingezeichnet. Dazu fügt er das Logo von "Al Nahrein" ein.
Von ihm wissen die Leute, daß er fair berichtet
Suha und Nadschla lesen ihre Texte von einem Laptop ab. Ein stabiler Druckerkarton stapelt ihn unter der Kamera in die richtige Höhe. Nadschla verliest die Nachrichten und kündigt eigene redaktionelle Beiträge aus Basra an. Immer wieder unterbricht sie der Sprachredakteur, er korrigiert ihre Aussprache, schlägt eine andere Betonung vor. Gerade wird ihr auf gelbem Papier eine Eilmeldung gebracht: Die Polizei hat im Zentrum von Basra in zwei Autos Sprengstoff gefunden. Dann kündigt sie einen Bericht des Anchorman Haidar an. Sein Kopf ist vernarbt, gezeichnet also von Saddams Regime. Selbstverständlich spricht der 1971 geborene Iraker nicht vom Ende des Kriegs, sondern von der Befreiung des Iraks.
Es folgt ein Bericht über eine Demonstration. Fast jeden Tag gebe es sie, sagt der hochgewachsene Mann mit dem Dreitagebart. Während man früher nicht habe protestieren können, übertrieben es heute manche, sagt er und lacht. Über Demonstrationen wollten manche ihre Ziel erreichen, während es doch viel bessere Wege gebe. Korrespondenten des arabischen Nachrichtensenders "Al Arabija" würden bei solchen Demonstrationen schon mal geschlagen, sagt er. Er aber sei bekannt. Von ihm wüßten die Leute, daß er fair berichte.
Angelernt durch amerikanischer Journalisten
Dabei war ihm am Anfang durchaus mulmig zumute gewesen. Denn schließlich arbeitet er für einen Sender, den die Besatzungsmächte eingeführt haben. Die ließen ihm aber alle Freiheiten, versichert er. Nie sei in seine Arbeit eingegriffen worden, und die Iraker sähen, daß er gute Arbeit mache. Angst habe er nur zuletzt bei einer Recherche über den Schmuggel von Benzin gehabt. Nahe Basra war er auf einen Tank von 33.000 Litern gestoßen. Gefüllt wurde er mit Mengen, die eigentlich den Tankstellen von Basra zustanden. In kleinen Tanklastwagen wird das Benzin an den Auslauf des Schatt al Arab gebracht. Von dort aus schmuggeln kleine Boote das preiswerte irakische Benzin für teures Geld nach Dubai und an andere Golfhäfen. "Diese Schmuggler schießen jederzeit", sagt Haidar.
Auch er ist erst seit einem halben Jahr beim Fernsehen. Er hat Bauingenieurwesen studiert. Obwohl er bei "Al Nahrein" ein Gehalt von 200.000 Dinar erhält, rund 150 Dollar, braucht er einen zweiten Job. Daher unterrichtet er an der Hochschule das Fach Materiallehre. Der Journalismus reizt ihn aber, und als seinen Lehrer nennt er den amerikanischen Fernsehjournalisten Robert Stanley. Über mehrere Monate war dieser immer wieder in Basra und hat Haidar, der nie im Ausland war, beigebracht, wie man recherchiert und Beiträge produziert. In Basra hatte es nur einmal einen eigenen Fernsehsender gegeben, in den siebziger Jahren. Saddam Hussein schloß ihn, als er 1979 die Macht an sich riß. Seither gab es für den ganzen Irak nur das Medienmonopol in Bagdad.
Der lokale Fernsehsender "Al Nahrein" gehört zum nationalen Kanal "Al Iraqija" und ist ein Teil des "Iraqi Media Network" (IMN). Dieses ist an die Stelle des aufgelösten Informationsministeriums getreten. Unter seinem Schirm und mit amerikanischer Anleitung sollen die Iraker selbst eine freie Presse aufbauen - Printmedien, Radio und Fernsehen. Dazu vergeben die Koalitionstruppen Aufträge an Medienunternehmen. Am 15. Februar hat die amerikanische Mediengesellschaft Harris diese Aufgabe übernommen. Sie beschafft die Ausrüstungen und organisiert die Fortbildung der Journalisten und Techniker. Dafür wird sie aus dem Budget der Besatzungsmacht bezahlt. Die meisten Rundfunkmitarbeiter müssen ganz neu angelernt werden. Nur Dschalal, der seit 29 Jahren Kameramann ist, wurde vom früheren staatlichen Fernsehen übernommen.
Die Chance von "Al Iraqija"
Die Akzeptanz von "Al Nahrein" sei bereits sehr gut, freut sich Ahmad Salimi, der stellvertretende Direktor des IMN für den Süden des Iraks. Noch haben die Satellitenkanäle "Al Arabija" und "Al Dschazira" höhere Einschaltquoten, doch wer weiß? Immer mehr Menschen wollten ein einheimisches, irakisches Fernsehen haben, das bei den Nachrichten und in der Unterhaltung auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sei, sagt Salimi. Das sei die Chance von "Al Iraqija" und seines Ablegers im Süden, "Al Nahrein". Sonst würden aus Basra nur noch die beiden politischen Parteien "Sciri" von Abdalaziz al Hakim und "Al Wifaq al Watani" von Iyad Allawi senden. Wenn auch mit beschränkteren Mitteln als "Al Nahrein".
Dabei beschäftigt Haidar weniger als zwanzig Personen. Aber es geht aufwärts. Seine Sendungen werden, anders als die seiner politischen Wettbewerber in Basra, landesweit ausgestrahlt. Und bald wird er ein großes Studio beziehen. Noch machen Suha und Nadschla ihre Aufsager in der ehemaligen Arztvilla. Wie jeden Tag endet Nadschla auch heute mit den Worten: "Das waren die Nachrichten aus Basra. Auf Wiedersehen - ila l-liqa." Einer winkt ab, und ein befreiendes Lachen bricht die Spannung. Alle im Raum atmen auf. Wieder sind sie ein Stück weitergekommen. Suha hat unterdessen längst ihren Schleier abgezogen und ihr gelocktes braunes Haar freigegeben. So betritt sie wieder die Straße.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2004, Nr. 59 / Seite 44
Bildmaterial: Helmut Fricke F.A.Z.
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