Versunkene Schätze

Als die Götter im Meer verschwanden

Von Dieter Bartetzko

Auge in Auge mit der Sphinx: Archäologe Franck Goddio

Auge in Auge mit der Sphinx: Archäologe Franck Goddio

11. Mai 2006 Verschollene Kunstwerke scheinen immer die schönsten: Die gigantische Zeusstatue und die Athene des Phidias befeuern noch heute unsere Phantasie, für einen einzigen Blick auf Leonardos verbrannte Anghiari-Schlacht würde mancher ein Vermögen geben.

Nicht anders steht es um die legendären versunkenen Städte - Atlantis wird, je länger die Suche nach ihm dauert, in unseren Köpfen um so prächtiger, von Vineta hören wir als Kinder und haben als Erwachsene noch immer dieselbe Sehnsucht. Einer, der seine Sehnsucht zu Taten werden ließ, ist der Unterwasserarchäologe Franck Goddio. Für das Institut Europeen d'Archeologie Sous-Marine und das Supreme Council of Antiquities erforscht er seit 1992 das riesige Hafengelände von Alexandria und die Bucht von Abukir.

Sagenumwobene Städte

Manchmal guter Geist, oft aber auch quälender Dämon oder spöttische Chimäre, so Goddio, sei die legendäre Kleopatra als seine imaginäre ständige Begleiterin gewesen. Von ihr, nach der alle Welt gierte, fand er keine Spur. Dafür aber weit Erstaunlicheres: Rund eintausendzweihundert Jahre nachdem mit einem Teil des antiken Hafens auch Alexandrias Königsviertel im Meer versunken war, entdeckten die Taucher dessen Kolonnaden, Tempel und Statuen wieder, und in der Bucht von Abukir konnten sie zwei sagen- und rätselumwobene Städte Altägyptens aufspüren: Thonis-Heraklion und Teile von Kanopus.

Letztere, als mondäne Kurstadt im antiken Rom so sehr in aller Munde, daß jeder römische Park ihren legendären Pracht-Kanal en miniature nachahmte, zeigte sich den Archäologen als zentrale Tempelstadt, insbesondere des altägyptischen Toten- und Auferstehungsgottes Osiris. Heraklion, bis zum Jahr 2000 spurlos verschwunden, erwies sich nicht nur als jene Stadt, die schon Jahrhunderte vor Alexander dem Großen eine griechische Handelskolonie gewesen ist, sondern auch als ein buchstäblicher Schmelztiegel, in dem sich die Kulturen Griechenlands und Ägyptens mischten. Inschriften bestätigten, daß der Ort obendrein identisch ist mit Thonis, der geheimnisvollen heiligen Stadt des ägyptischen Gottes Amun-Gereb, neben den die Griechen Herakles stellten.

Erlesene Qualität

Fünfhundert Objekte aus diesen drei Städten sind nun vom kommenden Samstag an im Berliner Martin-Gropius-Bau zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Empfangen wird man von Caesarion, dem Sohn der Kleopatra und Caesars, der so kläglich unterging wie die Weltmachtpläne seiner Eltern. Die Bergung seiner Büste aus rosafarbenem Granit machte vor einigen Jahren Sensation. In Berlin dagegen bezeugt er als Auftakt wohltuend diskret die Mühen der Unterwasserarchäologie - und die erlesene Qualität vieler Kunstwerke, die der Hafenschlick freigab.

So stört es denn kaum, daß in inzwischen gewohntem inszenatorischem Raffinement grün-türkisfarbenes Dämmerlicht den Kopf des pharaonischen Jünglings umspielt und einem fortwährend das Blubbern submariner Erkundungen in die Ohren dringt. Wer es dennoch als nervtötend empfinden mag, der wird es gewiß vor dem lebensgroßen Torso einer Frauenfigur aus dunkelgrünem poliertem Stein vergessen. Man steht einer hochbrüstigen Schönheit gegenüber, üppig und doch zierlich wie eine Aphrodite, würdevoll posierend wie Isis, Ägyptens Hauptgöttin.

Durchnäßtes Gewand

Auf diese verweist auch das hauchdünn und wie durchnäßt dem Körper anliegende, über der Brust geknotete Gewand. Doch Stil und Details ergaben, daß es sich um die ptolemäische Königin Arsinoe handelt, die in Zwiegestalt, nämlich als dem Meer entsteigende Aphrodite und als lebenspendende Isis, wiedergegeben ist. So perfekt sind hier hellenistisches und ägyptisches Formengut kombiniert, so selbstverständlich verbinden sich altorientalisches Ewigkeitspathos und mediterrane antike Momenthaftigkeit, daß man neidvoll auf diese Synthese schaut, die unser klapperdürres Bemühen um „multikulturelle“ Verfassung zur Stümperei macht.

Alexandria, zu Beginn unserer Zeitrechnung nach Rom die zweitgrößte Stadt der Welt, war nicht nur durch seine Bibliothek der Kulturwächter und -vermittler der alten Welt. Seine Architekten, Bildhauer, Maler und Mosaizisten lieferten die Vorbilder für die Villen und Päläste, die Kunstwerke und das Kunsthandwerk des gesamten Imperium Romanum. Nicht Menschen-, sondern Naturgewalt ließ erst durch Versanden der Hafenbecken, dann durch ein Erdbeben am Ende des achten Jahrhunderts wichtige Teile der Stadt verschwinden. Neben der Bibliothek, den ptolemäischen Palästen und dem Leuchtturm war auch die Synagoge ein Staunen der antiken Welt: Von ihr hieß es, sie übertreffe die Schönheit des zerstörten Tempels in Jerusalem. Schlagender lassen sich Vielfalt und Hochstand der Mischkultur Alexandrias kaum darlegen.

Atemberaubende Eindringlichkeit

In Berlin bezeugt dies ein Standbild von atemberaubender Eindringlichkeit. Es wurde bei einer Kapelle der versunkenen Palastinsel gefunden. Zu sehen ist ein Isispriester aus schwarzem Granit, der eine Darstellung des Osiris ehrfürchtig in den Armen hält. Der Gott ist als menschenköpfiger Krug dargestellt, ein archaisierender Verweis auf sein Ende und sein Wiederauferstehen im fruchtbringenden Nildelta. Das Gesicht aber des Isispriesters gibt der Gottesscheu, die in der Gestaltung der Hände formelhaft angedeutet ist, lebendigen Ausdruck: Die Hände sind umwickelt mit dem priesterlichen Umhang, um den direkten Kontakt von Mensch und Gott zu vermeiden; die Miene des Mannes aber, schwankend zwischen Verzückung und namenloser Furcht, bezeugt das magische Denken und Fühlen jener Epoche.

Ähnliches strahlen die gigantesken drei Granitstatuen aus, die den hohen Lichthof des Martin-Gropius-Baus beherrschen: Ein Pharao und seine Gemahlin sind hier porträtiert, die Gesichter in ptolemäischer Zeit gräzisierend überarbeitet. Die eigentliche Überraschung freilich ist der Dritte im Bunde, ein Gott. Selten wurden Götter in solch riesigen Dimensionen präsentiert und selten so öffentlich zur Schau gestellt wie hier Hapi, Gott der Fruchtbarkeit und des Nils, der wie die beiden anderen Statuen vor dem zentralen Tempel von Heraklion stand. Zum Zeichen seiner segenspendenden Kräfte hat er pralle Brüste. Zwittrigkeit einer letztlich doch im Primitiven verhafteten Kultur? Nein: Selbst den heutigen Betrachter fesselt diese numinose Zeichenhaftigkeit, die sich zupackender Sinnlichkeit entzieht.

Kerben von Mahlsand und Meersalz

Die Begeisterung, mit der Franck Goddio vom Fund der Monumentalskulpturen erzählt, läßt nicht nach, wenn er vor dem klassisch elegant in Spiralen sich windenden bronzenen Helmbusch steht, der einst eine Statue der Athene in Heraklion krönte. Doch fiebrig begeistert wird er, wenn er eine große Stele kommentiert, auf deren schrundiger Oberfläche Meersalz und Mahlsand ebenso viele Kerben hinterlassen haben wie die eingemeißelten griechischen Buchstaben und die Hieroglyphen. Unter größtem technischem Aufwand hat Goddio diesen zweitgrößten bisher in Ägypten entdeckten Schriftstein aus Fragmenten wieder zusammensetzen und standfest machen lassen. Er verkündete, daß denen, die ihr Leben dem Gott weihten, Freiheit geschenkt werde. So war er auf seine Art in Heraklion ebenso bedeutend wie der Leuchtturm von Alexandria.

Für Goddio ist das abstrakte Modell des alexandrinischen antiken Hafens derzeit ebenso wichtig wie die faszinierenden Sphingen, die Pharaonenhäupter, die Waffen, Münzen und Schmuckstücke, die er vom Meeresgrund geholt hat. Denn nur dort kann er den von ihm vermuteten Standort des berühmten Leuchtturms plausibel machen, den alle Archäologen vor ihm woanders suchten. Ob Goddio je Fragmente finden wird, ist zweifelhaft. Denn im zwanzigsten Jahrhundert baute man neue Molen über die alten Anlagen.

Folgen eines Bildersturms

Wissenschaftlich nüchtern, wo unsereinen nachträgliche Wut packt, erzählt der Unterwasserarchäologe von Zerstörungen, die nicht die Natur angerichtet hat, sondern menschlicher Fanatismus: Die Beschädigungen der wunderbaren Statuen aus dem Serapistempel von Kanopus - darunter eine herrliche hellenistische Allegorie des Nils - sind Folgen eines Bildersturms. Christen zerschlugen im Jahr 391 die in ihren Augen gefährlichen Götzen, bei denen noch immer Tausende Heilung und Frieden suchten.

Immerhin setzten die Christen diese Tradition fort, als sie an derselben Stelle ein Kloster gründeten, von dem prompt Heilungswunder überliefert wurden. Selbst in byzantinischer Zeit, wie Münzfunde belegen, pilgerte man noch nach Kanopus. Es folgten - auch sie hinterließen Geldstücke - die islamischen Eroberer, ehe kurz darauf ein Erdbeben deren Bauten, das Kloster und den Serapistempel im Meer versinken ließen. Dort, so ist sich Franck Goddio sicher, warten noch zahllose Kunstwerke auf ihre Wiederentdeckung.

Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 4. September. Der Katalog kostet 29 Euro.



Text: F.A.Z., 11.05.2006, Nr. 109 / Seite 39
Bildmaterial: Franck Goddio/ Hilti Foundation, Foto: Christoph Gerigk, Franck Goddio/Hilti Foundation, Franck Goddio/Hilti Foundation, Foto: Christoph Gerigk, Franck Goddio/Hilti Foundation, Fotograf: Christoph Gerigk, Franck Goddio/Hilti Foundation, Fotograf: Jérôme Delafosse, Reuters

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