Raucher

Die Ausgeschlossenen

Von Helmut Klemm

Rauchen in Hollywood: Marilyn Monroe und Sir Laurence Olivier, 1956

Rauchen in Hollywood: Marilyn Monroe und Sir Laurence Olivier, 1956

14. April 2005 Sartre ließ sich noch unbefangen mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern portraitieren. Sie war keineswegs ein bloßes Requisit, sondern fast schon ein Attribut des Philosophen. Er qualmte bekanntlich wie ein Schlot - am liebsten angeblich die Marke „Bastos“, auch Pfeife - und hat wie kaum ein anderer das Rauchen mit dem Habitus des Intellektuellen verflochten.

Daß er auch aufzuhören versuchte, muß nicht erst enthüllt werden. Sartre berichtet davon schon in seinem Werk „Das Sein und das Nichts“, in dem er bis ins Kaffeehaus hinunterstieg und über das Gebaren von Kellnern und auch über jenes „kleine Brandopfer“ philosophierte. Dabei erkannte er, daß ihm weniger der Geschmack des Tabaks als die Handlung des Rauchens abging. Sie hatte nahezu all seine Aktivitäten begleitet, jede neue Erfahrung umhüllt, so daß er sich sorgte, sein Leben werde verarmen, wenn er der Welt nicht mehr rauchend begegnen könnte. Er mußte eine „Entkristallisation“ vornehmen, den Tabak darauf reduzieren, „nur noch er selbst zu sein“. Sartre: „Ich zerschnitt seine symbolischen Bindungen zur Welt.“

Gefährdet den Bundeshaushalt

An solche Einsichten knüpfen allenfalls noch Entwöhnungsprogramme an. Sie lehren, das Rauchen aus dem alltäglichen Handeln herauszulösen und zu ersetzen - etwa durch Wassertrinken. Ansonsten zählt der Handlungs- und Bedeutungskomplex kaum noch. In der Politik gilt die Aufmerksamkeit den Kosten und der Erwartung, gleichzeitig die Ausgaben für die Gesundheit senken und die Einnahmen durch die Tabaksteuer erhöhen zu können. Dieses Kunststück zog jüngst sogar den Spott der Karnevalisten auf sich. Sie hatten bei einem der großen Umzüge einen Wagen mit zwei Parolen drapiert: „Rauchen gefährdet den Bundeshaushalt“ - „Nichtrauchen gefährdet den Bundeshaushalt“.

Die Paradoxie löst sich zuungunsten der Raucher auf. Sie sehen sich in die Illegalität getrieben. Rund 10 Prozent der konsumierten Zigaretten - in grenznahen Regionen bis 60 Prozent - sollen bereits unversteuert sein. Dazu kommen fortwährend Meldungen über die Ausweitung rauchfreier Räume. Das Ziel ist von der Weltgesundheitsorganisation fixiert worden: umfassender Nichtraucherschutz.

Der Feldzug wird von der Bundesregierung unterstützt, der Nichtraucher-Initiative Deutschland zufolge aber nur halbherzig. Sie deklariert das Rauchen auf Plakaten zur „Kindesmißhandlung“ und hat im Kampf für eine „rauchfreie Gesellschaft“ am 13. Januar die Gewerbeaufsicht in Berlin aufgefordert, den Nichtraucherschutz nach Paragraph 5 der Arbeitsstättenverordnung im Bundeskabinett durchzusetzen. Dort sind Raucher gesichtet und namentlich benannt worden.

Der Selbstgenuß des Ich

Angesichts dieser Null-Toleranz-Politik sind schon abweichende Gedanken fast mutig. Davon gab es jede Menge, als Leonhard Richter vor kurzem in einem Vortrag das Rauchen aus dem „Wesen des Menschen“ abzuleiten versuchte. Der Privatdozent für Philosophie an der Universität Würzburg entwarf dabei ein Szenario, nach dem die Bezähmung des Feuers und die Erfahrung der „Höhlengeborgenheit“ zum Rauchen disponiert habe und die Raucher eine „Avantgarde“ geworden seien. Diese atemberaubende Gedankenschleife vom Abweichenden zum Abwegigen und zum metaphysischen „Grund“ des Rauchens endete allerdings reichlich banal. Man rauche, sagte Richter, „weil es eben Spaß macht“. Das Rauchen sei „Selbstgenuß des Ich“, „Genießen in Reinform“, habe „keinen Adressaten außer dem Raucher selbst“.

Vom Passivrauchen wußte diese Plauderei zwischen höherem Jux und Tiefsinn wenig. Sie zielte punktgenau auf die Parole „Ich rauche gern“ und könnte allenfalls die gut 3 Prozent der Bevölkerung von fünfzehn Jahren an ansprechen, die der Statistik zufolge „gelegentlich“ und vielleicht mit Genuß rauchen. Fast 25 Prozent rauchen „regelmäßig“, oft seit vielen Jahren, meist mit schlechtem Gewissen, zwanghaft. Viele davon schätzen sich vermutlich als „Stressraucher“ ein. Die meisten kennen auch die Risiken und haben oft schon mehrmals aufzuhören versucht, aber sie schaffen es nicht. 70 bis 80 Prozent der Raucher gelten als abhängig. Sie sind meist weit davon entfernt, das Rauchen noch genießen zu können.

Im 17. Jahrhundert: Kopf ab

Es scheint also weder der Genuß noch mangelnde Einsicht zu sein, was an das Rauchen fesselt, sondern doch das Nikotin. Dieser Wirkstoff macht angeblich schneller als Drogen abhängig und würde demzufolge ein Verbot rechtfertigen. Allerdings sind Drogen, Heilmittel und Genußmittel stets auch kulturell mit Bedeutung aufgeladen, sozial verankert und deshalb nicht beliebig umdefinierbar. Die Grenzen zwischen ihnen verschieben sich nur langsam wie etwa beim Zucker, der den Nimbus als Genußmittel inzwischen verlor. Den Alkohol will man noch hartnäckig dem Nahrungsmittelkomplex einverleiben; und Tabak hat „eine kulturelle Praxis etabliert, deren Deutungen zunehmend komplexer und heterogener wurden“, wie Thomas Hengartner darlegt, der als Kulturwissenschaftler an der Universität Hamburg forscht.

Er hat sich in jüngster Zeit darum bemüht, das Rauchen als „Totalphänomen“ verständlich zu machen, und mit dem Historiker Christoph Maria Merki in den Büchern „Tabakfragen“ und „Genußmittel“ auf Defizite in der Debatte verwiesen. Sie sei zu sehr von der Medizin geprägt, gibt Hengartner zu bedenken. Das war auch schon so, als die Tabakpflanze um 1500 nach Europa kam. Damals wurde sie zunächst als Heilmittel wahrgenommen. Argwohn und Polemik gegen das „Tabak sauffen“ - das Verb „rauchen“ war noch nicht geläufig - kamen erst im späten siebzehnten Jahrhundert auf. Da gab es Verbote und einen echten Raucherkrieg, in dem Köpfe abgeschlagen und Lippen aufgeschnitten wurden. Aus ihm führte die Erfindung der Tabaksteuer heraus. Damit war das „Teufelskraut“ legalisiert, zivilisiert und als Genußmittel normalisiert.

Umwertung durch Krebsforschung

Was als Genuß gilt, läßt sich aber gerade beim Rauchen nur schwer fassen. Es ist mehr als eine biochemische Reaktion, mehr als eine Empfindung, „geht über Gaumenfreuden hinaus“, schreiben Hengartner und Merki. Sie bezeichnen Genuß als „soziokulturelles Konstrukt“; das heißt, daß den Formen des Konsums Bedeutungen zugeschrieben und damit soziale Differenzen markiert werden. Das zeigt sich schon beim Rauchen von Zigarren deutlich. Es nahm zunächst demonstrativen und dann eher zeremoniellen Charakter an. Vor der bürgerlichen Revolution im neunzehnten Jahrhundert wurde es als „liberale Dreistigkeit“ empfunden, danach zunehmend als Inbild von Behaglich- und Behäbigkeit. In beiden Fällen wirkte die Zigarre integrativ und distinktiv - gemeinschaftsbildend und abgrenzend.

Anthropologisch oder gar metaphysisch dürfte bei den Genußmitteln also nicht viel zu holen sein. Sie haben - so Hengartner und Merki - „keine transhistorische Bedeutung“. Ihre Bewertung variiere historisch, geographisch und sozial, zwischen den Polen legal und illegal, legitim und illegitim werde Wert und Unwert der Rauchware „permanent ausgehandelt“. An die Zigarette lagerten sich sogar ganz neue Deutungen an - etwa erwachsen zu sein - und ein Verhaltenstypus, der sich in die moderne Welt gut einzupassen scheint. Das kürzer getaktete Rauchen kann auch unter Anspannung nahezu jede Handlung begleiten, verzögern, unterbrechen, aufschieben und Handlungspausen mit Scheinaktivität auffüllen. Es bietet in jeder Lebenslage eine zusätzliche Option, die von Rauchern offenbar als Bereicherung verbucht wird und von Freud als Ersatz für die „Ursucht“.

Goethe sah im Rauchen eher ein Ärgernis: „eine impertinente Ungeselligkeit“, die man durch zeitweilige Separation in Rauchzimmern und Raucherabteilen aber noch einzuhegen hoffte. Auch Mäßigung galt aus medizinischer Sicht lange als ausreichend. Erst seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Krebsforschung zu einer Umwertung geführt, die in der Diskussion um das Passivrauchen noch einmal eine Richtungsänderung erfuhr. Dabei setzten sich die Mediziner gegen die Verharmlosungsstrategie der Tabakindustrie durch. Sie haben laut Hengartner und Merki „eine nahezu uneingeschränkte Deutungsmacht“ gewonnen und den Blick so sehr auf Sucht und Risiko gelenkt, daß alle anderen Aspekte verstellt worden seien.

Wird der Raucher überleben?

Der Tabakindustrie zufolge versuchten vor allem Pharmakonzerne, das Rauchen zur medikalisierbaren Krankheit zu machen. In dem Buch „Tabakfragen“ warnt der Soziologe Peter Atteslander dagegen vor der Gefahr, daß Prioritäten von Kostenträgern im Gesundheitssystem definiert und Risiken dabei überbetont werden könnten. Vor allem im Hinblick auf das Passivrauchen registrieren die Kriminologen Michael Lindenberg und Henning Schmidt-Semisch eine „latente Überspanntheit des Risikoempfindens“. Das Ausmaß der Angst sei allein aus der Sorge um die Gesundheit nicht mehr zu erklären, schreiben sie; und auch Hengartner hält es für möglich, daß sich ein insgesamt gesteigertes Risikobewußtsein eher stellvertretend an den Rauchern festmacht - vielleicht weil sie so leicht greifbar sind.

Der Rat von Atteslander, Risiken nicht um jeden Preis vermeiden zu wollen, sondern vernünftig damit umzugehen, kommt vielleicht schon zu spät. Die „Denormalisierung“ des Rauchens - so Hengartner - ist jedenfalls weit fortgeschritten und tendiert zur Stigmatisierung. Diesem Druck können sich wahrscheinlich nicht viele entziehen, denn am Horizont winkt bereits die Frage, ob Raucher überhaupt noch Arbeitsplätze erhalten und Wohnungen mieten können oder nur noch Bilder von ihnen überleben: etwa von Freud, der bis zu zwanzig Zigarren täglich rauchte und sich damit umbrachte, oder von Sartre, dessen hundertster Geburtstag am 21. Juni ansteht und der 1946 von William Leftwich für das „Time Magazine“ fotografiert wurde, wie er der Welt rauchend entgegentrat. Auf dem Plakat der großen Sartre-Ausstellung in der Pariser Nationalbibliothek ist der Philosoph nun zum Nichtraucher geworden: Auf dem Foto von Boris Lipnitzki ist die Zigarette wegretuschiert worden.

Text: F.A.Z., 14.04.2005, Nr. 86 / Seite 40
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance / dpa/dpaweb

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