Gespräch mit der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot

Wer über die Vergangenheit schweigt, riskiert sein Leben

Die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, Jahrgang 1954, lebt halb in Paris, halb in Berlin. Das Thema ihrer Bücher ist das Wechselspiel von Schweigen und Erinnern.

18. April 2008 

Sie haben Paris den Rücken gekehrt und sind nach Berlin gezogen. Warum?

“In Berlin kann man freier atmen“: die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot

"In Berlin kann man freier atmen": die französische Schriftstellerin Cécile Wajsbrot

Ich fühle mich in Berlin besser als in Paris. In Berlin lässt es sich freier atmen. In Paris ist der Kulturbetrieb sehr eng, geschlossen, auch narzisstisch. Da denke ich, wenn ich in Frankreich schon außen vor stehe, dann kann ich mich auch noch weiter aus der Stadt zurückziehen.

Wie würden Sie denn die derzeitige Atmosphäre in Frankreich beschreiben?

Es gibt einen riesigen Reformstau. Ich weiß nicht, wie lange es noch gutgeht, dass ständig Reformen in Aussicht gestellt werden und nichts passiert. Die Kluft zwischen den Gutausgebildeten und jenen, die keine Perspektive haben wie etwa die jungen Menschen in der Banlieue, wird immer größer. Es sind schon bald Zustände wie vor der Französischen Revolution oder im Mittelalter. Doch es ändert sich nichts. Auch unter Sarkozy nicht. Das finde ich gefährlich. Mein Gefühl ist, dass sich etwas zusammenbraut, und ich fürchte, dass die Rechtsradikalen weiter an Zulauf gewinnen werden. Hinzu kommt, dass Frankreich sich noch immer gerne als Grande Nation begreifen möchte, es aber schon längst nicht mehr ist, sondern ganz einfach ein mittelgroßes Land. Wahrnehmung und Wirklichkeit stimmen bei uns nicht überein.

Die Ergebnisse bei den letzten Kommunalwahlen deuteten aber in eine andere Richtung, denn Sarkozys UNP hat vor allem an die Sozialisten Stimmen verloren und nicht an den Front National.

Die Rechtsradikalen haben bei den Kommunalwahlen in Frankreich nie eine entscheidende Rolle gespielt. Hoffen wir, dass sie momentan tatsächlich weniger gefährlich sind. Was mich allerdings erstaunt, sind die jähen Richtungswechsel. Zuerst das Votum für Sarkozy, dann für die Sozialisten. Ob die letzten Kommunalwahlen wirklich das Indiz für einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung waren, das muss sich aber erst noch zeigen.

Wenn man die französischen Reaktionen auf Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ betrachtet, könnte man allerdings meinen, dass sich etwas geändert hat: In Frankreich ist ein Buch über einen deutschen SS-Offizier sehr positiv aufgenommen worden.

Ich habe die Debatten in Frankreich und Deutschland verfolgt. Und muss sagen, dass ich - aus literarischen Gründen - auf Seiten der Kritiker stehe. Mir ist das Buch zu eindimensional. „Die Wohlgesinnten“ wirkt auf mich wie ein historischer Roman, wie eine Rekonstruktion der Vergangenheit - obwohl ich weiß, dass das Buch vom heutigen Standpunkt aus geschrieben ist. Ich denke durchaus nicht, dass man keine Fiktion über den Holocaust schreiben dürfe. Aber literarisch gesehen, finde ich es einfach nicht interessant, wenn ein Autor einer nachgeborenen Generation sich in die Perspektive derjenigen hineinversetzt, die die Jahre von 1933 bis 1945 erlebt haben, und er dies ohne jede Brechung tut, mit einem realistischen Erzählstil des neunzehnten Jahrhunderts.

Und doch hat Littell einen Nerv getroffen, denn die intensiven Debatten über sein Buch sind ja ein Indiz für Verschiebungen in unserer Erinnerung an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg.

Ja, das Buch ist zweifellos ein Indikator. Denn es ist sehr kalt geschrieben, sehr genau - und dies kann man nur mit großem Abstand tun. Der Roman wäre früher so nicht möglich gewesen. Und das sagt etwas über unsere Zeit aus, über die Distanz, die wir mittlerweile gegenüber jenen Jahren haben und empfinden.

Hat es denn im Zuge der französischen Debatte auch Verschiebungen im französischen Erinnerungstext gegeben - weg von der Konzentration auf die Résistance hin zu einem differenzierteren Bild, das eine Mitschuld an der Deportation der Juden in Frankreich mit einschließt?

Es hat sich einiges geändert, seit Chirac 1995 die Mitverantwortung Frankreichs eingeräumt hat. Aber der französischen Erinnerungskultur fehlt noch immer das richtige Maß. Sarkozys Vorschlag, dass jedes Kind eine Patenschaft für ein ermordetes jüdisches Kind übernehmen soll, finde ich furchtbar, weil er das Gegenteil bewirken wird: dass sich keiner mehr damit beschäftigen möchte. Bei diesem Teil der Geschichte gibt es in Frankreich immer ein Zuviel oder Zuwenig, aber keinen richtigen Abstand.

Ihr unlängst erschienener Roman „Aus der Nacht“ handelt vom Schweigen und vom Verdrängen der Erinnerung.

Er handelt vom Schweigen zwischen den Generationen und von der Kluft, die sich zwischen ihnen auftun kann. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Das Problem ist, wie man mit ihr umgeht - ob man sich ihr stellt und sie zu bewältigen versucht oder nicht. Bleibt die Konfrontation aus, kann das im wahrsten Sinne tödlich sein, sowohl für den Einzelnen als auch für ein Land. Wobei es mir um mehr geht als nur um die Geschichte von Holocaust-Überlebenden und ihren Kindern: nämlich um die Schwierigkeiten der nachgeborenen Generation und die Frage, wie man mit einer Geschichte umgeht, die man selbst nicht erlebt, aber als Erbe mit auf den Weg bekommen hat. Diese Frage betrifft nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Deutsche genauso wie jene, deren Eltern aus Afrika oder dem Maghreb nach Frankreich eingewandert sind.

Halten Sie das Erbe, das die Nachgeborenen der Opfer wie der Täter als Last mit sich tragen, für vergleichbar?

In gewisser Weise ja. Ich würde nie innerhalb jener Generation Vergleiche anstellen, deren Angehörige Krieg und Deportationen erlebt haben, also nie vergleichen zwischen Opfern, Tätern und Mitläufern. Aber wir Nachgeborenen müssen alle mit der Last der Vergangenheit leben.

Die Diagnose in Ihrem jüngsten Buch ist bedrückend: Ihre Hauptfigur schafft es nicht, sich von den Erinnerungen ihrer Familie frei zu machen.

Ja, aber dieses Scheitern hängt damit zusammen, dass die Hauptfigur ein Kind von Überlebenden ist. Ich selbst habe es so empfunden, als ich noch nicht wusste, dass es psychologische Studien über Überlebende gibt. Denn ich bin ein Kind von überlebenden Eltern, und als solches verspürt man eine besondere Verantwortung für seine Eltern, als hätte man etwas wiedergutzumachen. Diese Konstellation ist im Buch in extremis beschrieben: Die beiden Vertreter der Elterngeneration haben in meinem Roman Alzheimer, also kein Gedächtnis und keine Sprache mehr, so dass die Ich-Erzählerin die ganze Last allein tragen muss. Das ist der Grund ihres Scheiterns. Man kann nicht sein Leben und das der Eltern noch dazu leben.

In „Mann und Frau den Mond betrachtend“, Ihrem Buch über die deutsche Nachkriegsgeschichte und das Berlin der neunziger Jahre, plädieren Sie dafür, um der Gegenwart und Zukunft willen die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Wie kam es dazu?

Mich hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit tief berührt, die man in Berlin auf Schritt und Tritt spürt. Denn es gibt keinen Raum für die Gegenwart und Zukunft, wenn man sich nicht zuvor mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Das erklärt für mich auch die schwierige innere Verfassung, in der sich Frankreich derzeit befindet. Frankreich ist ein Land des Euphemismus. Frankreich hat die Konversation erfunden, die nach außen so schön und gepflegt wirkt. Was sich dahinter verbirgt, ist mitnichten schön, doch darüber wird nicht gesprochen. Frankreich hat sich kaum mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt. In Berlin dagegen, ja in Deutschland generell, scheint mir die Konfrontation mit der Vergangenheit wirklich stattgefunden zu haben. Und sie findet bis heute statt. Deshalb gibt es hier Raum für Gegenwart und Zukunft. Und das kann ich hier spüren.

Befürchten Sie nicht, dass es mit der Hinwendung der letzten Jahre zu deutschem Leid - der Bombardierung von Dresden, dem Untergang der Gustloff, Flucht und Vertreibung - zu einer allmählichen Umwertung der Geschichte kommen könnte?

Es hängt davon ab, in welcher Weise die Auseinandersetzung stattfindet. Solange sich die Deutschen weiterhin der Tatsache bewusst sind, woher die Erfahrungen ihres Leides rühren, und sie dies nicht vergessen, ist es möglich, über Dresden oder die Gustloff zu sprechen. Denn es nicht zu tun wäre auch unnatürlich. Die einzige Lösung ist wahrscheinlich, dass die Zeit noch weiter verstreicht und wir oder die nächsten Generationen die Jahre von 1933 bis 1945 anders betrachten, als einen Teil der ganzen Geschichte. Ich glaube, das lässt sich nicht vermeiden, wie sich auch nicht vermeiden lässt, dass in Deutschland die Rede von Dresden und der Gustloff ist. Die Frage ist allein, wie, in welcher Weise dies geschieht.

Die Fragen stellte Katharina Narbutovic.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Thiel

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