Von Péter Zilahy
28. Juni 2008 Ein blinkender, hupender, fahnenschwenkender Konvoi braust die Karl Marx-Allee hinab auf den Alexanderplatz zu. Sie sitzen in den Fenstern und stehen in den Dachfenstern, mehr als vierzig Leute in sieben Autos: Männer, Frauen, Kinder, Greise schwenken selbstvergessen den Halbmond, hupen und singen. Hunderte solcher Konvois sind in Berlin unterwegs, Tausende türkische Fahnen wehen im Wind. Die Oranienstraße stinkt nach Böllern, die Anwohner tanzen und johlen Aug in Aug mit den weniger festlich gestimmten Sondereinsatzkommandos. Man sieht den Beamten an, dass sie gerade lieber mit einem Cocktail am Strand von Hawaii wären anstatt mit dem Schlagstock am Kottbusser Tor. Die lassen sich noch den Abend verderben - als seien sie nicht deswegen beängstigende zwei Meter groß, damit sie die Straße absperren können. Als würden sie nicht deshalb bezahlt, weil in Kreuzberg immer etwas los ist.
Die Umgebung ist abgesperrt wie für eine Kundgebung zum 1. Mai, nur Fußgänger werden durchgelassen. Der Auftritt der Sondereinsatzkommandos unterstreicht die professionelle Seite der Fußballwelt, schattengleich folgen sie den größeren Zusammenrottungen, die Uniformen erinnern an die Ausrüstung von American-Football-Spielern. Schon bald errichten auch die Türken Straßensperren - auf der Kreuzung der Adalbertstraße lassen sie die Fahrzeuge nur durch, wenn die Passierenden dem Sieger hupend die Ehre erweisen. Ein erheblicher Teil der Menschenmenge besteht aus Frauen, vom alten Mütterchen bis zum Vorschulmädchen ist jede Altersstufe vertreten. Im Meer der Halbmondfahnen taucht eine irakische Flagge auf. Irgendwas stimmt nicht mit meiner Visage, denn man bittet mich auf türkisch um Feuer.
Schweinsteiger als Bundesgenosse
Lasst uns nicht darüber streiten, wer hier wen umgebracht hat, sagt der pragmatische Burgherr der Ritter der Kokosnuss, oder wer welches Land erobert hat und wer in welche Union eintreten möchte. Aber nach dem Spiel habe ich einen aufgewühlten Brief von einer kroatischen Freundin namens Snjezana erhalten. Sie schreibt, das ganze Land befinde sich im Schockzustand, weil es den Türken in der ihnen eigenen hinterlistigen Art wieder gelungen sei, sich an den Kroaten vorbeizumogeln, wie schon einmal vor vierhundert Jahren. Sie schwört einen heiligen Eid, dass mit dem heutigen Tag Bastian Schweinsteiger ihr Idol und oberster Bundesgenosse sei, nicht ohne zu leugnen, dass sie bei der Niederschrift seines Namens jedesmal von erheblichen Widerwillen erfasst werde. Aber aller Anfang ist schwer, und bis hierhin ist das schon eine beträchtliche Leistung für eine ex-jugoslawische blonde Rakete.
Mit den Türken kann man gut spielen - sie spielen mit Herz und Seele -, wenn nur am Ende nicht immer die Köpfe rollen würden. Osteuropa sieht im Türken den Erzfeind, dessentwegen man dem Westen gegenüber in einen uneinholbaren historischen Rückstand geraten sei. Während die Engländer und Holländer mit Gewürzhandel und der Unterwerfung ferner, exotischer Länder beschäftigt waren, kämpfte Europa im Osten einen Kampf auf Leben und Tod gegen die osmanischen Türken, die zwei Mal bis vor Wien gelangten. Das wäre nun das dritte Mal gewesen. Und der Fußball ist nichts anderes als die Fortsetzung des Kriegs mit friedlichen Mitteln. Zweimal nacheinander an der Seite der Deutschen zu kämpfen und dabei zwei Weltkriege zu verlieren, ist unter den ehemaligen Ostblock-Staaten nur Ungarn gelungen, die übrigen sind stets rechtzeitig zur Besinnung gekommen. Aus diesem Grund ist es besonders bitter, dass das, was die Welt als ,deutschen Fußball‘ kennt, 1954 mit ungarischer Vermittlung das Licht der Welt erblickte. Auf dem Feld in Bern, nicht weit von Basel, verlor Ungarn den dritten Weltkrieg, und Deutschland zog in die Fußballgeschichte ein.
Befriedung durch Sport
Die Katastrophe (zu deutsch: das Wunder) von 1954 ist das ewig gültige Beispiel für die Befriedung einer Nation durch den Sport. Bei eben dieser WM betrat zum ersten Mal die türkische Nationalmannschaft die Bühne eines internationalen Turniers und unterlag den Deutschen 7:2 (die in der Vorrunde ihrerseits 8:3 von den Ungarn geschlagen wurden). Für die Türken ist ein Sieg ebenso wichtig wie 1954 für Deutschland (nur fehlt eben eine ungarische Mannschaft, die ihnen dazu verhilft).
Die Habsburger Auswahl bestand aus österreichisch-ungarisch-kroatischen sowie türkischen Spielern. Das einzige Turniertor der Österreicher hatte ein gebürtiger Kroate, die deutschen Treffer ein gebürtiger Pole geschossen. Bei den Schweden ist ein Bosnier, bei den Schweizern ein Türke für das Toreschießen zuständig, sogar die Polen haben einen Brasilianer, der erst im April die Staatsbürgerschaft erhalten hat, genau so wie die Türken, die Deutschen und die Spanier, die meisten natürlich die Portugiesen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Regel erlassen wird, dass nicht mehr als fünf Brasilianer in einer Nationalmannschaft spielen dürfen. Sollte man diese Regelung allerdings vergessen, wäre sogar der ungarische Fußball noch zu retten. Es ist viel teurer, den Nachwuchs auszubilden, als elf Brasilianer einzubürgern.
Die Nationalteams sind bald genauso gemischt wie die Vereinsmannschaften, nur die Russen und Tschechen kommen noch ohne Gastarbeiter aus. Man müsste die nationalen Eitelkeiten in der europäischen Union nicht konkurrieren lassen, sondern vereinigen. Wer über eine stabile nationale Identität verfügt, ist weniger manipulierbar, denn er sieht ja um so deutlicher, wie lächerlich ähnlich die Eitelkeiten der anderen sind. Einen nationenübergreifenden Fußball kann man bei einer Europameisterschaft aber nicht spielen, aber der neben mir sitzende Pole startet dennoch ein solches Experiment, indem er einfach für alle schreit, für Podolski und Ballack ebenso wie für die Türken.
Das Spiel Deutschland-Türkei sehe ich mir im Kreuzberg-Museum am Kottbusser Tor an. Den Vorankündigungen zufolge wird heute in Kreuzberg Blut fließen. Erfahrungsgemäß fließt Blut aber nicht auf Vorankündigung, sondern quillt eher unerwartet hervor. Zweite Vorhersage: Es werden heute mehr Polizisten in Kreuzberg sein als Türken. Das ist nun wirklich besorgniserregend: Wenn die Polizisten das Spiel nicht sehen können, werden sie um so leichter Zoff mit den kurdischen Jungs anfangen. Man müsste das ganze Spektakel auf die Feuermauern projizieren, es ist noch nicht zu spät, Vorsorge für eine niveauvolle Unterhaltung der Staatsgewalt zu treffen.
Die gesamte deutsche Presse verkündet die unvergänglichen Werte der Völkerfreundschaft, und zwar so bemüht, als würde sie sich vor Angst in die Hosen machen. Neuankömmlinge werden auf dem Moritzplatz mit der Lautsprecherdurchsage Willkommen in der Türkei begrüßt. Nachdem die Iren gegen den Lissabonner Vertrag gestimmt haben, werden die Türken noch wer weiß wie lange vor den Toren stehen. Hätten sie die EM gewonnen, könnten sie ohne Probleme in Wien einmarschieren. Es gibt im Fußball keine historische Gerechtigkeit, und doch bereiten sich die Türken auf etwas derartiges vor: den Beweis, dass sie zur ersten Riege der Europäer gehören.
Vielleicht haben sie wirklich vor nichts Angst, aber sie sind sichtlich nervös und schießen im Vergleich zu ihrem perfekten Timing in den vorangegangenen Spielen ihre Tore zu früh. Damit geben sie den Deutschen Zeit, das Spiel zu drehen. Die Deutschen spielen englischen Fußball, die Türken deutschen, aber kann man denn überhaupt deutsch gegen die Deutschen spielen?
Die schlechteren Engländer
In der letzten Spielminute erzielten die Deutschen traditionsgemäß den Endstand zum 3:2, wie damals in Bern gegen Ungarn. Wir waren die besseren Türken, sagte Lehmann, also die besseren Deutschen. Oder waren die Türken die schlechteren Engländer? Jedenfalls haben sie die Wiener Burg schon wieder nicht erobert, aber hier bekommt niemand eine seidene Schnur, sie weinen nicht wie meine Landsleute seit Bern, das Land liegt nicht in Trauer. Die Türken feiern schon wieder. In Kreuzberg Europäer zu sein, ist eine besondere Form der Großherzigkeit, die der Einsicht entspringt, dass derjenige, der nur für eine Mannschaft hält, auch dann verliert, wenn er gewinnt. Wer viele Mannschaften unterstützt, kann öfter feiern. Je mehr Mannschaften, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Lieblinge das Finale erreichen. Die Türkei und Deutschland haben in Kreuzberg einen Sieg gegen Irland errungen.
Die Oranienstraße füllte sich mit feiernden Türken, die Arm in Arm deutsche und türkische Fahnen schwenkten, manchmal mischten sich Regenbogenfarben darunter. Am Kottbusser Tor, im Herzen des Ghettos, springen Kurden mit deutschen Fahnen umher und gestikulieren heftig mit den umherstehenden Türken, inmitten eines Dutzend parkender Sturmfahrzeuge mit grimmigen Grünröcken. Die Polizisten drängen die Kurden höflich, aber bestimmt vom Platz. Und tatsächlich floss Blut in Kreuzberg, hier durch meine Adern, als ich zum Rhythmus des Saxofons ohne Ball durchs Mittelfeld tanzte. Und wen kümmert es, dass all dies schöner ist als die Wirklichkeit. Wer feiern möchte, findet immer seinen Platz.
Péter Zilahy wurde als Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft Europameister und Torschützenkönig der im vergangenen Monat in Wien veranstalteten Literaten-Euro. Sein letzter Roman Die letzte Fenstergiraffe erschien 2004 im Eichborn Verlag, diesen Herbst erscheint seinen Dramenband Der lange Weg nach nebenan im Passagen Verlag.
Aus dem Ungarischen von Nicolas Pethes
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP
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