Film-Kritik: Marlin in "Findet Nemo"
19. November 2003 Das derzeit erfolgreichste Studio im amerikanischen Filmgeschäft hört auf einen einprägsamen Namen: Pixar. Es beschäftigt keine Schauspieler, und es baut auch keine Kulissen. Und dennoch sind die fünf Spielfilme, die Pixar in den vergangenen acht Jahren produziert hat, allesamt Kassenknüller gewesen. Sie stammen aus dem Computer und haben die Konkurrenz derart düpiert, daß nunmehr eine ganze Branche eine Revolution durchlebt. Die Rede ist vom Trickfilm.
Disney hatte - wie fast immer in diesem Metier - den richtigen Riecher, als das Unternehmen 1995 einen Vertrag mit Pixar abschloß. Bis dahin hatten John Lasseter und seine Mitstreiter nur Kurzfilme hergestellt, allerdings bereits alle restlos computeranimiert. An diesem hehren Ziel war Disney selbst gescheitert, weil man sich zu früh an entsprechende Versuche gewagt hatte. 1982 war "Tron" in die Kinos gekommen (Lasseter arbeitete daran mit), aber die Rechnerkapazitäten reichten damals einfach noch nicht aus, um das hohe Niveau des klassischen Zeichentrickfilms zu erreichen.
Vertrag mit Haken
Sieben Jahre später erhielt Lasseter für seinen zauberhaften Kurzfilm "Tin Toy" einen Oscar, und man sah, daß der Charme der alten Animationstradition mit den modernen Mitteln eines Datentrickfilms zu verbinden war. Fortan ließ Disney den Kontakt zu seinem ehemaligen Angestellten nicht mehr abreißen, und als 1995 Pixars "Toy Story" in die Kinos kam, lag der weltweite Vertrieb bei Disney. Der Rest ist bekannt: "Toy Story" wurde ein Sensationserfolg, und seine vier Nachfolger "A Bug's Life", "Toy Story 2", "Monsters Inc." und nun "Finding Nemo" standen ihm nicht nach, so daß Disney es verschmerzen konnte, daß die Gewinne aus Eigenproduktionen immer weniger mithielten. Der Vertrag mit Pixar hatte allerdings einen Haken: Er lief nur über fünf Filme.
Die sind nun abgedreht, und ausgerechnet der letzte, der von morgen an als "Findet Nemo" in die deutschen Kinos kommt, ist zum erfolgreichsten Trickfilm aller Zeiten geworden - erfolgreicher als "Schneewittchen und die sieben Zwerge", die große Legende von 1937, und erfolgreicher als Disneys "König der Löwen", der 1994 in finanzielle Dimensionen vorgestoßen war, die man für einen Trickfilm nicht für möglich gehalten hätte. Das Einspielergebnis von "Findet Nemo" liegt bislang bei rund vierhundert Millionen Dollar. Seine Produktionskosten werden in bester Disney-Tradition geheimgehalten; es sollte jedoch ein schönes Sümmchen übrigbleiben. Ein Ende der Erfolgssträhne von Pixar ist nicht absehbar. Wer also wird der neue Partner werden?
Was macht Disney?
Natürlich ist Disney weiterhin die erste Adresse, aber niemand zweifelt daran, daß der kleine Gigant den großen nicht mehr wirklich braucht. Umgekehrt verhält es sich anders. Die Tricksparte bei Disney stünde ohne die Pixar-Erträge traurig da. Deshalb wird in Branchenkreisen gemunkelt, daß bald das letzte Stündchen für den klassischen Zeichentrick schlagen könnte, wenn Disney seine altgedienten Künstler feuert oder anderweitig beschäftigt, um gleichfalls ganz auf Computeranimation zu setzen. Zumal die härteste Konkurrenz, das Dreamworks-Studio, mit "Shrek" bereits einen Renner des Datentrickfilms produziert hat, dessen zweiter Teil für nächsten Sommer bereits angekündigt ist. Doch was dürfen wir erwarten, wenn das Pixar-Rezept überall nachgekocht wird?
Zunächst einmal Filme ohne persönliche Handschrift, wie es schon bei "Shrek" zu beobachten war, der aber durch eine gute Vorlage, das Kinderbuch von William Steig, und seinen Einfallsreichtum gerettet wurde. Der aber scheint sich an diesem einen Projekt schon erschöpft zu haben. Die Nachfolgeproduktion "Der wilde Mustang" geriet jedenfalls zu einem künstlerischen wie kommerziellen Desaster. "Shrek II" dürfte hier zum Prüfstein werden.
Die eigene Geschichte
Was in Hollywood nicht richtig beachtet wird, ist die Ursache von Pixars Erfolgen. Jeder ihrer Filme erzählt nicht weniger als die Geschichte des Studios, denn alle bisherigen Handlungen stellen eine Gruppe von Spezialisten in den Mittelpunkt, die erst gemeinsam reüssieren können - besonders deutlich im Ausbruchsversuch eines halben Dutzends Zierfische aus einem Aquarium in "Findet Nemo". Den wunderbaren älteren Pixar-Gespannen aus Woody und Buzz Lightyear, aus Flik und Hopper oder aus Sulley und Mike Wazowski stehen John Lasseter und seine treuen Helfer als Modelle parat, und wie in den Filmen bewährt sich das Pixar-Team durch konsequente Nutzung seiner individuellen Stärken.
So hat bei "Findet Nemo" nun erstmals Andrew Stanton Regie geführt - und das Drehbuch geschrieben und auch noch eine Hauptrolle selbst gesprochen -, der zuvor in allen möglichen anderen Funktionen an den bisherigen Filmen mitgewirkt hatte. Ihm zur Seite stand Lee Unkrich, dessen Anteil an "Monsters Inc." gar nicht überschätzt werden kann, während Lasseter diesmal auf die Produktionsleitung verzichtete, die mit Graham Walters ein nahezu unbekannter Mitarbeiter übernahm. Man muß sich Pixar als eine Talentschmiede vorstellen, die eine Parallele bestenfalls bei Disney hat - aber im Disney-Studio der dreißiger Jahre.
Genre ohne Stars
Wie kein anderes Genre ist Trickfilm Autorenfilm, also zur Gänze abhängig von der Handschrift der Beteiligten. Doch er kennt paradoxerweise keine Stars, die ein schwaches Drehbuch kaschieren könnten, und er kennt auch keine Kult-Regisseure. Es zählen nur Ensembleleistungen, doch dazu gehört ein ausgeprägter Esprit de corps, der jederzeit spürbar bleibt. Das ist es, was Pixar vor der gesamten gegenwärtigen Konkurrenz auszeichnet.
Warum so lang über das Studio reden? Weil "Findet Nemo" seinem Erfolg zum Trotz die erste Enttäuschung geworden ist, die Pixar produziert hat - und das in dem Moment, wo seine Filme angeglotzt werden wie Weltwunder. Das Scheitern hat zwei Gründe. Der erste ist simpel: Wir kennen die Geschichte. Ein Jungspund, hier der kleine Clownfisch Nemo, der sich, gewaltsam von den Eltern getrennt, in der großen Welt behaupten muß - das hatten wir von "Pinocchio" über "Dschungelbuch" bis zu "König der Löwen", um nur die bekanntesten zu nennen. Immerhin ist es eine Leistung, gleich zu Beginn des Films vierhundert Anverwandte (inklusive der Mutter Nemos) sterben zu lassen, ohne daß das gesamte Kino wie bei "Bambi" in Tränen ausbricht. Aber "Bambi" ist eben auch der viel bessere Film.
Fehlende Glaubwürdigkeit
Der zweite Grund ist komplexer: Fische taugen nicht recht zur Trickfigur. Deshalb sind sie so selten. Die Stärke des Animationsgewerbes - der Name sagt es ja bereits - liegt in der Beseelung von Tieren oder Gegenständen, darin also, das zu zeigen, was sonst schlechterdings nicht zu filmen ist. So gesehen sollten die Abenteuer eines Fisches einen idealen Trickfilm-Gegenstand abgeben. Pixar sagte sich: Seltener Fisch? Her damit, den machen wir zu Geld. Doch der Zwang zur Authentizität, den die Dreidimensionalität des Datentricks erzeugt, also zur peniblen Rekonstruktion eines Ozeans samt dessen Bewohnern, ist Hybris, weil auf einmal Wesen mit Emotionen, Mimik und Gefühlen versorgt werden, die in Wirklichkeit stoischer kaum gedacht werden können. Darunter leidet just das, was der Film anstrebt: Glaubwürdigkeit.
Wie weit sich Pixar von seinen genialen Anfängen entfernt hat, zeigt der Vorfilm, der "Findet Nemo" beigegeben ist: "Knick Knack" von 1989, in dem Lasseter einen Plastik-Schneemann beim verzweifelten Bemühen zeigt, seine Schneekugel zu verlassen. Am Schluß - das ist die Parallele zu "Findet Nemo" - landet auch er im Aquarium: größer, aber genauso beschränkt. Vielleicht hat Pixar damit die Entwicklung der Branche vorweggenommen - und die eigene auch.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003, Nr. 263 / Seite 39
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