Von Nils Minkmar
16. November 2003 Muß das wirklich alles mit?" wird man stöhnend sagen, die x-te Bananenkiste voller Bücher vorwurfsvoll anhebend, und dann, zum Beweis, welcher Plunder hier mit umziehen muß, ein knallbuntes und verblichenes Taschenbuch herausklauben, auf dessen Umschlag ein alberner, dicker Mann mit einer Kappe abgebildet ist. Dann wird man drin rumblättern, einfach so, um die Absurdität des zu schleppenden Gutes zu dokumentieren, und etwas vorlesen, und in den wenigen Sätzen wird zwölfmal der Name George W. Bush vorkommen. Dann werden alle die Stirn in Falten legen und die Augen zusammenkneifen: Namen, die keiner mehr nennt. Den hatte man, kaum war die Wahl verloren, ebenso rasch vergessen wie einst seinen Vater. Und den Autor all dieser Taschenbücher auch: Michael Moore. Was war das noch mal für einer gewesen?
Volle Deckung
"Brandaktuell aus USA" steht in Rot auf dem Titel von "Volle Deckung, Mr. Bush (Dude, where is my country?)"; das Buch stapelte sich schon Tage vor dem offiziellen Erstverkaufstag in den Bahnhofsbuchhandlungen. Die Startauflage? Gewaltig natürlich, in Harry-Potter-Dimensionen. Der ist sein einzig verbliebener Konkurrent: Im letzten Jahr hat nur Potter mehr Bücher verkauft als Michael Moore. Deutschland ist dabei so etwas wie das Musterland seines Erfolgs: Das letzte Buch, "Stupid White Men", hat sich allein in Deutschland 1,1 Millionen Mal verkauft, zeitweise war es gleichzeitig auf Platz eins und sechs der Bestsellerlisten in der englischen und der deutschen Ausgabe.
Viele der Auftritte der heute in der Berliner Columbiahalle beginnenden Deutschlandtournee sind längst ausverkauft. Wenigstens in diesem Punkt, im Pro-Kopf-Verbrauch an Michael-Moore-Produkten, ist Deutschland noch Weltspitze.
Die transatlantische Allianz, Säule der europäischen Nachkriegsordnung und zentraler Bestandteil der bundesrepublikanischen Identität, drittes "Essential" der Arbeitsverträge im Axel-Springer-Verlag - die Treue zu unseren amerikanischen Verbündeten, sie lebt gegenwärtig vor allem in der heißen Liebe des Landes zu einem mittelalten, übergewichtigen, weißen Mann mit einer Baseballkappe.
Ich will nach Hause. Hilfäääää!
Mancher möchte auch das der Bush-Administration vorwerfen: Brachte die Opposition zu Franz Josef Strauß einen energischen, todesmutigen "Spiegel" unter Augstein hervor, der Widerstand gegen Margaret Thatcher die Filme von Stephen Frears, Romane von Martin Amis und einige der schönsten Songs von Paul Weller, so bescherte uns Bush junior Michael Moore, bei dem eine Super-Pointe so klingt: "Der Irak war kein Grenada, und jetzt ist uns die Sache langweilig geworden! Wir wollen Fernsehshows mit Happy-End! Hey, warum schießen die immer noch auf uns? Ich will nach Hause! Hilfäääääää."
Pointen aus der Zeit vor der Humor-Revolution, dagegen ist selbst Martin Buchholz ein Groucho Marx, und Woody Allen bewohnt ein anderes Universum. Vor Bush junior stagnierte Moores Karriere. Seine satirische Fernsehsendung "TV Nation" gewann zwar Preise, die Resonanz blieb aber auf ein Stammpublikum beschränkt. Irgendwie hatte sich der Moore-Stil - unangemeldetes Auftauchen vor den Konzernzentralen - erschöpft, glaubten viele Beobachter. Moore war pleite. Er hatte den konzernkritischen Bestseller "Downsize this!" geschrieben und eine Lesetournee dazu veranstaltet, diese Tournee wieder mit der Kamera aufzeichnen lassen und zu einem Film verarbeitet, dessen Kernthema die Frage der gewerkschaftlichen Organisation der Angestellten der Buchhandelskette "Borders" war: etwas für ganz eingefleischte Fans.
E-Mail-Proteste der Bibliothekare
Das folgende Buch, "Stupid White Men", war bereits fertig, als sich die Anschläge vom 11. September ereigneten, was den Verlag HarperCollins erst einmal davor zurückschrecken ließ, den Titel auf den Markt zu bringen. Das gedruckte Buch wartete in Lagerhäusern auf einen besseren Zeitpunkt, den Präsidenten lächerlich zu machen. Dann passierte etwas, das, wenn man die Moore-Bücher studiert, niemals hätte passieren dürfen: Im angeblichen Land der Analphabeten begann eine E-Mail-Protestbewegung der Bibliothekare, die gegen die Zensur durch den Verlag protestierten, ein Protest, der zunächst explizit gegen Moores Willen stattfand; er hätte sich lieber hinter den Kulissen mit den Verlagsleuten geeinigt.
Dieses Buch, der Film "Bowling for Columbine" und der Auftritt bei den Oscars ("Shame on you, Mr. Bush!") haben Moore an die Spitze einer Unterhaltungsindustrie gehievt, welcher er in umständlichen Monologen nachzuweisen versucht, daß sie durch Konzerninteressen und politische Einflußnahme so strukturiert ist, daß so etwas wie er niemals hätte passieren dürfen. Und er ist reich geworden, wo doch eine zentrale These seines jüngsten Buches lautet: "Vergeßt es, ihr werdet niemals reich werden!"
Moore macht Bush erst interessant
So wie der 11. September die Präsidentschaft Bushs definiert hat, ihr Ziel und Richtung vorgab, so gab diese Präsidentschaft wiederum Michael Moore Ziel und Richtung vor: Michael Moore ist nur so lange interessant, wie George Bush Präsident ist. Dann ist sein egomanisches, mittelkomisches Auftreten durch die pompöse und scheinbar übermächtige Statur des Gegners humorökonomisch wieder ausgeglichen. Aber, sehr zum Mißfallen derer, die in hellen Scharen zu Moore pilgern, der Satz gilt auch umgekehrt: George W. Bush ist um so interessanter, je mehr sich Michael Moore um ihn kümmert.
Und er kümmert sich gründlich. Fast jeden Monat gibt es einen neuen offenen Brief von Moore an Bush, dauernd wird er in den Büchern angesprochen, und der kommende Film Moores wird sich zu weiten Teilen mit der Bush-Familiengeschichte auseinandersetzen. So merkwürdig das klingt: Derartig intensive, vorsätzliche und persönliche Aufmerksamkeit dürfte Bush sonst kaum erfahren, gilt doch unter vielen Washingtonkorrespondenten längst der lakonische Satz von Gore Vidal: "Dick Cheney schmeißt den Laden." Das Nachrichtenmagazin "Newsweek" macht eine Geschichte über die Ursachen des Irak-Debakels und die Gründe für die Fehleinschätzungen der Regierung gleich mit einem Titelfoto von Dick Cheney auf. Die Frage "Wie konnte sich Bush dermaßen irren?" würde ja keinen Käufer neugierig machen - von Bush erwarten viele Menschen offenbar nichts anderes.
Sympathie mit dem überforderten Mann im Weißen Haus
Man tendiert einfach dazu, Präsident Bush zu vergessen. Moore aber sorgt dafür, daß es nicht soweit kommt. Er hat es mit George W., seinen Brüdern, seinen Eltern, Freunden und Geschäftspartnern. Das liegt womöglich an der nicht zu leugnenden Ähnlichkeit der beiden: Beide haben einen Ruf als feiererprobte Jugendliche, kriegen des öfteren die Fakten durcheinander, sind nicht gerade als intellektuelle Überflieger bekannt, lassen einen Abend eher öfter als selten vor dem Fernseher ausklingen, verdienen gern gutes Geld und schlafen gern in guten Betten. Und beide sind für ihre Anhänger die Führer der freien Welt.
Wenn man die Bücher hintereinander liest, wird eines immer deutlicher: Nach und nach schimmert in den Zeilen Moores die Sympathie mit dem leicht ratlosen, überforderten Mann im Weißen Haus durch, der von seiner Familie immer nur als das schwarze Schaf, das Sorgenkind betrachtet wurde. Moore beschreibt W. als einen Glückskeks, der einfach durchkam mit Wahlbetrug, seinen Jugendsünden und allerlei Lügen und der sich die längsten Ferien genehmigt, die sich je ein Präsident zu machen traute. Moore weiter: "Obendrein bleibt das Glück Leuten wie ihm meistens treu."
Bitte freundlich reagieren
Bush hat vor allem Glück mit Michael Moore: Dessen intensive Beschäftigung in seinen Bestsellern vermittelt ihm neben der Relevanz vor allem eine menschliche, loserhafte Seite, zu der das Publikum bereitwillig eine Beziehung aufbaut: Donald Duck im Weißen Haus. Er wäre nicht der erste Politiker, den heftige, persönliche Kritik aus scheinbar aussichtsloser Lage gerettet hat: Als Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, vom Kandidaten seiner eigenen Partei, Premierminister Balladur, aus dem Rennen um die Präsidentschaft geworfen zu werden drohte, war es vor allem die Gummipuppe mit den Zügen Chiracs in der Satiresendung "Les Guignols de l'Info", die die Bekanntheit und die Sympathie des Kandidaten, der in den Fernsehnachrichten kaum noch vorkam, wiederhergestellt hat. Und Helmut Kohl hat am gemütlichsten in den Zeiten regiert, als die Attacken gegen "Birne" am schrillsten waren.
In Corporate America ist diese Erkenntnis schon verbreitet: Längst bieten amerikanische Krisen-PR-Firmen Schulungen für den Fall an, daß Moore mit einem Filmteam vor der Konzernzentrale steht, klingelt und den Vorstandsvorsitzenden sprechen will. Freundlich soll man dann reagieren, nicht mit der Hand vor dem Objektiv rumwedeln, keine Floskeln verwenden und vor allem immer lachen und seinen Humor bewahren. So hielt es auch der Chef von Nike, Phil Knight, der Moore empfangen hat; es ist die letzte Sequenz des Films "The Big One!": Während Moore immer weitergehende Vorschläge macht, Forderungen stellt oder sogar ein Wettrennen anbietet, lacht Knight sich halbtot und schüttelt bloß den Kopf. Schließlich willigt er ein, etwas für einen guten Zweck zu spenden, feilscht aber noch lachend über die Höhe. Damit konnte er drei Dinge erreichen: Die Aktionäre waren beruhigt, die Kinozuschauer mußten lachen, und dennoch hat er dem Film auf geschickte Weise eine Antiklimax verpaßt und ihn seiner Pointe beraubt. Man kann also auch Nutzen von einem Moore-Angriff ziehen.
Die Demokraten werden nervös
Kein Wunder, daß Moores Erfolg die Demokraten nervös macht. Schon jetzt liegen die persönlichen Beliebtheitswerte von Bush zehn Prozent über jenen Werten, die er für seine Amtsführung erzielt: Die Leute mögen ihn halt, auch wenn sie seine Politik nicht mögen. Weiteres, mantraartiges Wiederholen der Geschichte von "W.", dem ungebildeten Glückspilz, wird, so die Befürchtung demokratischer Strategen, dessen Anhänger mobilisieren und ihm einen Sympathiebonus einbringen.
Moore und Bush gehören zusammen, und offenbar wachsen sie auch zusammen: Der Chefredakteur des Londoner "Guardian" hat vor einigen Tagen die Frage untersucht, wer denn den innenpolitisch komplizierten, aber dennoch unweigerlich bevorstehenden Besuch von Präsident Bush in Großbritannien gewünscht hat, zumal in der höchsten protokollarischen Form eines Staatsbesuchs, einschließlich der Unterbringung im Buckingham Palace - eine selbst für amerikanische Präsidenten sehr seltene Ehre.
Beide haben ihre beste Zeit, wir nicht
Während der Premierminister auf einen Wunsch der Krone verweist, die wiederum auf den Premierminister, landete der Journalist bei seinen Recherchen schnell im Weißen Haus selbst. Man sei ganz versessen darauf gewesen, Bush bei der Queen unterzubringen, wird ein "republikanischer Stratege mit engen Kontakten zum Weißen Haus" zitiert. Weiter sagt der dem "Guardian": "Schauen Sie, die Amerikaner haben von nichts eine Ahnung. Die würden kaum den Premierminister der Philippinen erkennen. Die einzigen ausländischen Staatsoberhäupter, die sie erkennen, sind die Queen und der Papst. Und Bilder mit dem haben wir schon."
Die Bush-Republikaner reden, und es klingt wie Michael Moore. Moore redet und redet, und man hört immer nur den Namen Bush. Sie gehören zusammen. Kein Wunder: Beide haben gerade ihre beste Zeit. Wir nicht unbedingt. Wir warten auf den Umzugswagen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.11.2003, Nr. 46 / Seite 25
Bildmaterial: AP, Tim Dinter
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