Von Jan Grossarth
13. Juli 2008 Sie brachte einen Pferdesattel. Ist großes Gepäck ein Problem?, hatte sie mit rauer Stimme am Telefon gefragt. Das sonderbare Stück nahm Rückbank und den halben Kofferraum ein, der Mitfahrer auf dem Beifahrersitz musste vier Stunden lang einen Hartschalen-Trolly zwischen die Beine klemmen. Der Pferdesattel brachte mir fünfzehn Euro und hunderte borstige, kleine Härchen, die noch heute auf dem Sitzpolster kleben. Sprit ist ein Luxus geworden, man tut viel dafür.
Ach was, jeder gemeinsam gefahrene Autobahnkilometer ist pure Lebensfreude! Zumindest war das einmal so, als nicht einmal die schlimmsten, malthusianisch inspirierten Neurotiker einen Preis von drei Mark pro Liter Superbenzin für möglich gehalten hatten (oder in flammenden Reden fünf Mark forderten). Jeder freie Sitz ist heute verbranntes Geld.
Der stillste Mitfahrer: Ein Zwanzig-Liter-Eimer, Aufschrift: Humus
Noch vor wenigen Jahren waren die Mitfahrgemeinschaften eine Institution der neugierigen Amüsiergesellschaft. Studenten in Puma-Sneakern schüttelten sich die Hände, pendelten am Mittwoch ins Wochenende zur Pflege der frischen Fernbeziehung, man machte Rauchpausen, tauschte betroffen Impressionen von den vergangenen Weltreisen aus Südamerika und Thailand aus, deren Protagonisten arme Menschen in Wellblechsiedlungen und die Bonzen gleich daneben waren. Manche Nummer blieb im Handy gespeichert. Neulich saß wieder so ein Zweitsemester bei mir im Auto, er sprach über die Unwichtigkeit von Geld und Karriere, doch diesmal war es Belästigung und Strapaze. Auch der zweite Mitreisende, ein Mann um die fünfzig, blieb still. Es wäre nicht schlecht gewesen, hätte sich eines der Pferdehärchen auf die Stimmbänder des Freizeitstudierenden gelegt.
Mein stillster Mitfahrer war das Granulat. Morgens brachte ein Mann in Lederjacke in Frankfurt einen Zwanzig-Liter-Eimer, Aufschrift: Humus. Abends wurde das rätselhafte Teil in München von einer Frau im Sportwagen abgeholt. Angeblich spezielle Blumenerde, Dringlichkeitsstufe: hoch. Fünfundzwanzig Euro. Kein Blick hinein.
Der idealtypische Mitfahrer ist anspruchslos und sparsam
Die Pioniere der Internet-Mitfahrbörsen sind längst im Beruf, haben vielleicht Kinder - und teilen sich immer noch miefige Kleinwagen mit vier Leuten. Immer neue Menschen schließen sich den Autofahrgemeinschaften an, jeder kennt die kostenlosen Portale. An den Autobahnraststätten sammeln sich am beginnenden Wochenende Gruppen wartender Reisender wie früher die Tramper, für die jetzt irgendwie kein Platz mehr ist. Für die klassischen Mitfahrzentralen mit einem Büro irgendwo am Bahnhof ist das Internet offenbar die Todeskugel. In ganz Berlin soll es nur noch eines davon geben.
Der idealtypische Mitfahrer ist anspruchslos und sparsam, er wählt sich schnell durch die Nummern auf der endlosen Liste am Bildschirm und bucht die gemeinsame Reise, sobald die Stimme am Telefon nicht klingt wie der Chefsekretär der Organ-Mafia oder ein Kellerbesitzer aus einer österreichischen Kleinstadt. Frankfurtmünchen, Freitagabend, mit der geheimnisvollen Willkür der Anzeigenmärkte erfolgt die Zuteilung auf rostige Golfs, ächzende Twingos und geschäftsreisende Mercedes-Limousinen, die alle gemeinsam mit schwitzender Routine auf den üblichen Wochenendstau bei Biebelried zurollen. Auf zauberhaft zufällige Weise sacken die Pendlermenschen in den erstbesten Sitzplatz, Woche für Woche wird neu gewürfelt. 160.000 Anzeigen verzeichnet die Internetseite mitfahrgelegenheit.de im Monat, von Jahr zu Jahr mehr, zuletzt vierzig Prozent, so lässt der Betreiber, die Agentur Mikini Media aus München, in einer lockeren E-Mail wissen.
Die Füße der Studentin auf dem Beifahrersitz riechen wie ein schwitzender Ziegenkäse
Mikini klingt wie Bikini, und der Name ist Programm; denn trotz aller Ölpreisschocks soll das ökonomisch zwangsverordnete Leutekennenlernen noch ein wenig nach Sommer schmecken. Wir senken unseren Lebensstandard mit Spaß, Spaß, Spaß und unter dem Etikett der ökologischen Korrektheit.
Vollsperrung, Sonnenschein, der Stau bei Fürth wird mal wieder zum zweistündigen Saunagang. Die Füße der Studentin auf dem Beifahrersitz riechen heute wie ein alter, schwitzender Ziegenkäse. Sie hört nicht auf, Fragen zu stellen. Ich habe Halsschmerzen. Einen Mitfahrer an der Autobahn abzusetzen wäre versuchter Totschlag. Auch sie wird am Ende fünfundzwanzig Euro zahlen.
Ich bin Killerspieleprogrammierer
Genau wie Tomasz, sicher hieß er Tomasz, Fensterplatz null-null-drei, zweite Klasse, hinten rechts. Am Telefon hatte er wie ein älterer Kirmesboxer geklungen, doch er ist ein ganz netter junger Deutschpole, der zu Frau und Kind pendelt. Ich bin Killerspieleprogrammierer. Hinten rechts sitzt ein Marokkaner, der die Fahrgemeinschaft herzlich mit halb geschmolzener Schokolade füttert. Hätte der liebe Gott uns in dieser Konstellation in irgendeiner S-Bahn zusammengepfercht, man läse Zeitung, äße seine Schokolade allein, dächte still über Bäume und Bahnschranken nach und würde das Gespräch nicht vermissen.
Der Raum im Twingo ist eng, intim abgeschlossen im Gegensatz zur unverbindlichen Weite des Fernzuges, man muss nach Herkunft, Reiseziel und Beruf fragen. Der Blick ist auf die Straße gerichtet, vier Stunden Gespräch mit nur wenigen Blickkontakten über den zitternden Rückspiegel, das Hirn hat wenig Gelegenheit, die Leute in Schubladen einzusortieren. Der Killerspieleprogrammierer erzählt von Äxten, Blutspritzern und davon, dass diese Spiele die Reflexe der Jugendlichen schulten und damit wertvoller seien als Killerfilme, von seiner sinkenden Freude daran, so einen Mist selbst zu spielen. Der Innenraum eines Kleinwagens hat vielleicht dreieinhalb Quadratmeter. So viel wie ein Beichtstuhl.
Und beim Aussteigen wundert man sich, wie fremd die Gesichter sind
Mitfahrergruppen sind Zweckgemeinschaften, in denen sich ganz unterschiedliche Menschen zwangsweise nahe kommen, so wie Mehrbettzimmer in Krankenhäusern. Jeder kann Geschichten erzählen von Nervensägen und irren Rasern, von Normopathen, die ihre Durchschnittlichkeit mit besonders viel Redezeit kompensieren. Manchmal vergehen vier Stunden im Auto mit der verschwiegenen Anonymität, wie sie zwischen Chauffeur und Fahrgast herrschen mag, doch während das Gehirn die Information, wer nebenan im Klinikbett lag, schnell löscht, speichert es die Geschichten einiger exponierter Mitfahrer lang.
Das spricht für sie: Der Fluglotse mit dem Wahnsinnsgehalt, der Äthiopier, der seine hungernde Familie putzend ernährt, die Politologin, die von Münster bis Nürnberg gern über Karl Marx und die Gegenwart diskutiert, der gehfähige Bundesliga-Rollstuhlbasketballer, der strenggläubige Berber, der für eine Stelle in Marokko demnächst seine Familie hier sitzenlassen will, die türkische Ärztin, die einen Job in Istanbul sucht, weil die Patienten hier türkische Ärzte nicht schätzten. Das ist spannender als Deutschlandfunk, trotz der Schweißfüße. Die Straße immer im Blick.
Im Auto erzählt man sich plötzlich Betriebs- und Beziehungsgeheimnisse, hat die alte Lust an naiver Geschwätzigkeit wiederentdeckt, erreicht das Fahrtziel, öffnet den Kofferraum, händigt das Gepäck aus - und wundert sich, Freitagnacht in München, wie fremd diese Gesichter sind. Man hat sie eigentlich nie gesehen. Man ist froh, sie nicht mehr sehen zu müssen. Und wird die eine oder andere Geschichte nicht so schnell vergessen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Ventura Film/Cinetext
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