Wenn Sie jemanden für einen Apologeten halten, der, lediglich die Blechtrommel sowie Katz und Maus schätzt, sich schon bei Hundejahre gelangweilt hat, und Grass' politische Stellungnahmen, wenn es eben geht, ignoriert: bitteschön.
Dass Broders (wie auch Wiglaf Drostes) Polemiken böse sind, stört mich nicht. Sondern dass sie hier nur in der Abneigung der Autoren und nicht in der Sache fundiert sind.
Die Fehlerhaftigkeit des Vergleiches und des SS-Dings habe ich nachgewiesen.
Wegen der Moralisiererei von Grass war ich auf journalistische Schnellschüsse hereingefallen, was mich ärgert. Bis ich es dann doch widerwillig für nötig befand, Grass' Interviews und Äußerungen in dieser Sache nachzulesen.
Ich jedenfalls messe Grass an meinen eigenen Maßstäben und nicht an dessen wohl überzogenen.
Der ganze Skandal besteht darin, dass einige, denen Grass als Person oder in seiner politische Richtung nicht passt, auf billige Weise Aufmerksamkeit erregen. Andere wollen über die Demontage eines "Nationaldichters" lediglich ihre Auflage steigern. So wie Bild es bei Popstars und Fußballern macht: Rauf und runter schreiben.
Zum geschickten und geschäftstüchtigen Timing des Geständnisses: Sie dürfen die Leute nicht für dümmer halten als sie (klein geschrieben) sind: Wenn der Verlag Vorabexemplare (immerhin 500 an der Zahl) an alle wichtigen Literatur-Redaktionen schickt, kann er mit Sicherheit davon ausgehen, dass einige das Vorab-Exemplar lesen (und dessen Brisanz auch verstehen) und dann natürlich mit einer Exklusiv-Story aufwarten möchten. Damit ist bei einer Größe wie Grass der Weg zu einem Interview mit ihm 100%ig sicher vorgezeichnet. Nach außen kann sich der Meister dann so gerieren, als antworte er nur auf Fragen. In Wirklichkeit handelt es sich aber um einen gut eingefädelten Coup seines Verlages, der diese Fragen durch die Versendung der Vorabexemplare geradezu provoziert hat. Geschäftstüchtiger geht es nicht.
Zur Aufwertung der Waffen-SS: Dieses (notwendige, aber zu späte!) Geständnis birgt objektiv die Gefahr in sich, dass die Verbrecher-Organisation der Waffen-SS aufgewertet wird, da es auch heute leider immer noch viele Unverbesserliche gibt, die in ihr lediglich einen straff geführten Kampfverband sehen. Dass Grass mit diesem Geständnis solche Diskussionen neu entfacht, lässt sich redlicherweise nicht bestreiten.
Was soll diese zwiebelige Dünnhäutigkeit, mein Guter, die Sie und andere Grass-Apologeten - wie übrigens der Meister selbst - derzeit erkennen lassen? Natürlich ist Broders Vergleich böse. Aber derjenige, der sich - wie Grass - Jahrzehnte lang zu Unrecht als moralische Instanz dieses Landes aufgespielt hat und über andere gnadenlos den Stab brach, obwohl er selbst feige die Leiche der SS-Mitgliedschaft über 60 Jahre im Keller seiner Lebenslüge verbarg, wird sich bitteschön schon ein wenig Schadenfreude, Häme und Polemik gefallen lassen müssen. All diese Untugenden erreichen sicher bei weitem nicht das Ausmaß, das Grass trotz seiner Verstrickungen anderen an Gnadenlosigkeit stets hat angedeihen lassen. Und dass Grass diese Polemik nun, wo sie sich gegen ihn selbst richtet, auf einmal weinerlich-beleidigt als schändlich brandmarkt, wirft ein weiteres bezeichnendes Licht auf ihn: Er kann zwar sehr gut austeilen, aber einstecken kann er nichts!
Zum verquasten Stil: Sätze wie "In Kaskaden stürzte seitenlang gebändigter Wortfluss." oder "In mal heißen, mal kalten Sprachbädern verjüngten sich althergebrachte Erzählweisen." mögen Ihnen gefallen. Für mich sind sie statt dessen verquast - um es freundlich auszudrücken.
>> Es ist schon schlimm, dass er mit seinem späten Geständnis eine Verbrecher-Organisation wie die Waffen-SS gleichsam aufwertet (denn wenn Grass dort Mitglied war, kann´s ja so schlimm nicht gewesen sein). <<
Was ist nun schlimm? Dass GG so spät gestanden hat? Oder dass er gestanden hat? Weil dadurch die Waffen-SS gleichsam vielleicht aufgewertet werden würden können sein sollte?
Im Ernst: Wenn einer sagt, die Waffen-SS könne deswegen keine verbrecherische Organisation gewesen sein, weil nicht jedes Mitglied ein Verbrecher gewesen ist, dürfte er nur Kopfschütteln hervorrufen.
Im übrigen aber Respekt, Herr Friedrich: Haben Sie doch wohl in so kurzer Zeit das Buch durchgelesen, um es schon ob "der verquasten Sprache" verreißen zu können.
"Es ist, als würde eine Familie kurz vor Weihnachten erfahren, dass Oma als junge Frau auf den Strich gegangen ist, ausgerechnet Oma, die sich immer als besonders sittenstreng gebärdet und ihren Enkeltöchtern das Tragen von Miniröcken verboten hat. Und nun fragen sich alle: Wohin mit Oma?" (Broder)
Wenn man den angestrengt-albernen Vergleich aufnimmt: GG hatte keineswegs verschwiegen, dass er "ein brauner Stricher" , nämlich als Hitlerjunge begeistert von Führer, Volk und Vaterland gewesen war. Nur dass er darüberhinaus sich auch im SS-Puff rumgetrieben hat, hatte er uns bisher nicht gesagt.
Insgesamt hat Broder nur mal wieder ein Beispiel geliefert, dass er Polemik nicht immer von Sudelei unterscheiden kann. Schreibt er doch in einem Blog den Namen des verhassten Autors "GraSS".
Die Unterstellun, Grass habe zur Verkaufsförderung seines Buches einen Skandal inszeniert, halte ich für überaus billig. Anders als Dieter Bohlen hat er schließlich einen Ruf zu verlieren und finanziell dürfte er ohnehin ausgesorgt haben.
Ich weiss die Vorgeschichte des Interviews nicht genau. Aber laut C. Keese (WamS) war die SS-Episode von allen Rezensenten nur F. Schirrmacher aufgefallen, der wohl daraufhin GG um ein Inverview gebeten hat!
Henryk M. Broder hat es in einem Artikel in Spiegel Online hart, aber sehr treffend auf den Punkt gebracht: "Es ist, als würde eine Familie kurz vor Weihnachten erfahren, dass Oma als junge Frau auf den Strich gegangen ist, ausgerechnet Oma, die sich immer als besonders sittenstreng gebärdet und ihren Enkeltöchtern das Tragen von Miniröcken verboten hat. Und nun fragen sich alle: Wohin mit Oma?" Eine ähnliche Frage stelle ich mir bei Herrn Grass. Es ist schon schlimm, dass er mit seinem späten Geständnis eine Verbrecher-Organisation wie die Waffen-SS gleichsam aufwertet (denn wenn Grass dort Mitglied war, kann´s ja so schlimm nicht gewesen sein). Schier unterträglich ist es m.E. aber, dass Grass mit seinem geschickt getimten Geständnis einen in jeder Hinsicht widerlichen Marketing-Coup für seine Memoiren gelandet hat, die ansonsten - nicht nur der verquasten Sprache wegen - ohne Zweifel wesentlich weniger Leute interessiert hätten. Man kann nur hoffen, dass der Autor die mit Hilfe seines SS-Geständnisses geschmacklos aufgebesserten Verkaufszahlen seines Buches zum Anlass nimmt, wenigstens einen Teil seines Honorars einer Organisation zu spenden, die sich nach wie vor für die Interessen der Verfolgten des Nazi-Regimes einsetzt!
Ich bin dem Günter Grass direkt dankbar dafür, daß er mit seinem späten Eingeständnis der Waffen-SS-Soldatenschaft aufgezeigt hat, wieviel moralisch perfekte Aufreger sich zum großen Empörerauftritt melden. Augenmaß und ein Blick auf die Umstände der letzten Kriegsmonate könnten die furiose Empörung nur hemmen. Ich selbst kann mich halt daran erinnern, daß er nicht zu jenen gehörte, die dem Willy Brandt NICHT vorhielten, daß er emigriert war. Das zeigte schon damals, wo Grass einzuordnen war, ganz bestimmt nicht zur SS.
Mit freundlichem Gruß
Franz P.
es gab ja in den letzten jahren zwei "problemfälle", sinnfällige übersetzungen ins deutsche betreffend, mit denen stockender smalltalk wieder in schwung zu bringen war: einmal ging es um "sense and sensibility", dann darum, ob "schuld und sühne" nicht zu ungenau wäre für ... (das erspare ich Ihnen jetzt mal). (obwohl zum thema ja paßt swetlana geyers tätigkeit in den letzten kriegsjahren...)
könnte common sense auch mit so etwas wie "bürgersinn" zu tun haben? es gab im winter im feuilleton einige halbherzige bzw. witzig gemeinte texte zur Neuen Bürgerlichkeit. ich hatte mich im architekturstudium mit beiträgen dazu aus den sechzigern beschäftigt & mir scheint die diskussion durch die zeitläufte ziemlich abgebrochen und noch nicht wieder aufgenommen.
Tilman Krause und Roman Bucheli fand ich erhellend diese woche betreffend Grass und (groß)bürgerlichkeit.
Diese recht einseitigen Perspektiven über das damalige Geschehen läßt berechtigte Kritik am eigentlichen Motiv der jetzigen Veröffentlichung des Buches von Herrn Grass vermissen. Wenn man 50 Jahren mit und über ihn diskutiert, muß es auch diesmal in aller Ausführlichkeit geschehen. Mal ehrlich: Ein so erfahrener, vor allem auch im Zeitgeschehen versierter Mann, kann schon als schlitzohrig bezeichnet werden, wenn er erst jetzt eine etwas dunklere Seite seiner Vergangenheit zugibt. Zumal alles in und um sein neues Werk passt. Wer sollte da nicht unweigerlich mußmaßen, daß die heutige Offerte schon seit dem Erfolg seines ersten Buches endgültig bis auf weiteres - also bis dato - vertagt wurde. Verwunderlich, wie die Medien (und Freunde) ihn immer noch streicheln, obwohl viele seiner Kollegen bei ähnlichen Geständnissen sofort degradiert und zerfleischt wurden. Herr Grass hat eben den errechneten Bonus der letzten 50 Jahre, den Bonus des Moralapostels, des Friedensbotschafters, der antifaschistischen Instanz. Es kommt wirklich zur rechten Zeit - gut gemacht.
Die Entidealisierung um die Person Günter Grass' führt zu einer leider typisch deutschen Denunziations- und Demontierungskampagne. Es ist die Umkehr von dem einen zum anderen Extrem. Was fehlt ist die Einsicht: wir sind alle nur Menschen, ob König, Schriftsteller oder Bettelmann.
Leider fehlt den meisten Menschen die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, do dass es zu dem von Muschg erwähnten Pharisäertum kommt. Schade, denn so viele herausragende Schriftsteller haben wir nicht!
Claudine Borries
Wie wohl tun die weisen Worte des Adolf Muschg, der die Angelegenheit in das rechte, was hier richtig meint und deshalb zumindest der Erwähnung wert war, Licht rückt.
Günter Grass hat gezeigt, wie aus der deutschen Geschichte gelernt werden kann sein Bekenntnis, das ihn nun wirklich nicht zum siebzehnjährigen Kriegsverbrecher macht, verstärkt die Wirkung seiner Reue noch, er hat sie gelebt.
Wir sollten über uns und unser Land nachdenken, wie Muschg uns unbequem und richtig sagt, wenn wir unsere moralischen Autoritäten und das wofür sie standen so schnell demontieren können. Um zweier Monate kurz vor Kriegsende willen, in denen längst allgemeine Auflösung begann, vergessen wir fünfzig Jahre wichtige moralische und demokratische Autorität. Zumal der Betroffene schamvoll gestand.Schämen sollten wir uns für solches Hardern, würdelos ist es.
Als geistigen Anstand will Muschg, höflich wie er ist, den gesunden Menschenverstand oder öffentlicher Sinn genannten common sense uns übersetzen und nahelegen. Wen wundert, dass ihm kaum eine Entsprechung im deutschen einfiel?
Vielen Dank für diesen wunderbaren, mit Weitsicht geschriebenen Artikel.
Schnell (ver-)urteilen ist einfach. Bevor man das tut, sollte man sich die Zeit nehmen sich mit dem literarischen Werk von Günter Grass befassen. In seinen Büchern geht es ja gerade um das eine: die Verstrickung des Einzelnen mit der Geschichte. Man sollte ersteinmal versuchen, Matzerath und Mahlke zu verstehen, bevor man mit Steinen wirft.
