Klassiker der Comic-Literatur

Literatur in Bildern: Tarzan

Von Andreas Platthaus

21. Oktober 2005 Er starb in einem fremden Land, in Paris, auf der Rückreise vom Comicfestival in Angouleme, dem größten Jahresereignis, das die in Frankreich fest als kulturelle Größe etablierte Comic-Szene ausrichtet.

Burne Hogarth war dort wieder einmal gefeiert worden für die unglaubliche Leistung, die er mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor mit Tarzan begonnen hatte. Die Begeisterung für eine Legende der Comic-Geschichte war weitaus größer, als man es in Amerika kennt, wo sich neben den Superhelden-Zeichnern nur wenige Künstler allgemeiner Popularität erfreuen. Selten so geehrt worden, konnte Hogarth sich sagen, doch sein Herz hielt der Freude darüber nicht stand. In Paris, vor dem Rückflug in die Vereinigten Staaten, ereilte den Vierundachtzigjährigen ein Infarkt.

Seine eigene Lehranstalt

Mit Hogarth starb einer der streitsüchtigsten Comic-Zeichner, einer, der sein eigenes Metier immer nur als Mittel zur Durchsetzung guter Graphik und nicht als eigenständigen Wert betrachtet hatte. Comics waren für ihn Teil der Kunstgeschichte, und den größten Teil der Bildergeschichtenproduktion verachtete er ohnehin als minderwertig. Damit hatte er recht. Deshalb war er 1947 auch angetreten, diesen Zustand zu verändern. Er gründete seine eigene Lehranstalt: die Cartoonists and Illustrators School.

Der Zulauf war gewaltig. Denn Hogarth stand auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Zwei Jahre zuvor hatte er sogar leichten Herzens die Serie aufgeben können, die ihn bekanntgemacht hatte: Tarzan. Er spürte, daß seine eigene Virtuosität mittlerweile wichtiger für das Gedeihen des Strips war als dessen Held. Doch noch einmal lockte man ihn zur wöchentlichen Fron ans Zeichenbrett zurück, räumte dem eigensinnigen und empfindlichen Künstler alle Freiheiten bei der Konzeption der Geschichten ein, ließ ihn gar selbst die Abenteuer schreiben, und so wurden die gewaltigen „Tarzan“-Sonntagsseiten, die in den vergangenen zwei Jahren die Signatur eines gewissen „Rubimor“ (das stand für Ruben Moreira) getragen hatten, wieder zu jenen optischen Extravaganzen, die die Liebhaber so begeisterten, seit Hogarth am 9. Mai 1937 die schwere Aufgabe übernommen hatte, das Erbe Harold Fosters fortzuführen, der aus ähnlichem Grund wie später sein Nachfolger „Tarzan“ den Rücken gekehrt und „Prinz Eisenherz“ ins Leben gerufen hatte.

Tarzan das Fliegen lehren

Ohne Fosters Vorarbeit wäre Hogarths Karriere undenkbar gewesen, denn er erhielt als Spielfeld für seine graphische Phantasie just jene Comic-Serie, die dafür am meisten Platz bot. Foster hatte als gelernter Werbegraphiker und Bewunderer der Illustratoren des späten neunzehnten Jahrhunderts nie etwas für Sprechblasen übrig gehabt, und gerade sein Verzicht auf dieses comictypische Element hatte wiederum den „Tarzan“-Erfinder Edgar Rice Burroughs begeistert, der in den schlichten Textzeilen, die Foster seinen Zeichnungen beigab, eine adäquate Fortführung seiner literarischen Vorlage zu erkennen glaubte. Deshalb hätte Hogarth auch an diesem Unikum der Comic-Geschichte gar nichts ändern können, selbst wenn er es gewollt hätte. Doch er war froh darüber, keine Rücksichten nehmen zu müssen, denn so blieb ihm Platz dafür, das zu tun, was er am besten konnte: Tarzan das Fliegen zu lehren, das Drehen, das Springen, das Dehnen. Gegen diesen Fürsten der Leibesertüchtigung und des Körperkults sah Fosters Figur aus wie ein lustfeindlicher Kohlrabiapostel.

1972, Hogarth war mittlerweile in seinen Sechzigern, ließ er sich noch einmal auf ein Rendezvous mit Tarzan ein. In das neue Buch packte er alles, was er selbst gelernt und was er vor allem im letzten Jahrhundert selbst gelehrt hatte. Daß dieses artistisch-ästhetische Spektakel zudem noch die Ursprungsgeschichte von Tarzan erzählt, läßt es vollends zum Juwel werden - denn nicht selten hatten die lieblosen Geschichten, die Burroughs selbst oder später seine Lohnschreiber um Tarzan gerankt hatten, die Leser zweifeln lassen, ob das noch ihr Held von ehedem sein sollte. Für das Beste, was er künstlerisch zu bieten hatte, wählte Hogarth auch das Beste, was er als Vorlage bekommen konnte.

Ein neuer Hyperrealismus

„Tarzan“ hat nicht nur dadurch Epoche gemacht, daß er als erster Abenteuer-Comic gehandelt wird und durch Hogarths Arbeit einen neuen Hyperrealismus hervorbrachte, der die Idealfiguren des Superheldengenres vorwegnahm. Er kam auch einem Trend zuvor, der 1941 eingeleitet wurde, als das erste Heft von „Classic Comics“ erschien. Das war der Versuch, der gerade entstehenden Kritik von Elternverbänden, Psychologen und Erziehern, die in den für Kinder konzipierten Comic-Heften, die mit „Superman“ 1938 populär geworden waren, ein pädagogisches Unglück sahen, etwas entgegenzusetzen. „Classic Comics“ wurden gegründet, um Klassiker der Jugendliteratur als gezeichnete Geschichten aufzubereiten.

Los ging es mit „Die drei Musketiere“, dann folgten „Ivanhoe“, „Der Graf von Montechristo“, „Der letzte Mohikaner“ und „Moby-Dick“. Mit Dumas, Scott, Cooper und Melville glaubte man den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, und tatsächlich entwickelte sich die bald zu „Classics Illustrated“ umbenannte Serie zu einem Dauerrenner, ehe sie in den sechziger Jahren mit dem neuen Erstarken der Superhelden mehr und mehr als Anachronismus betrachtet wurde. Ein letzter Versuch der Modernisierung des Konzepts durch Einbeziehung modischer Themen scheiterte, und das letze Heft von „Classics Illustrated“ erschien 1971. Drei Nummern vor Toresschluß hatte man noch „Faust“ adaptiert, die Schlußnummer trug dann den Titel „Negro Americans The Early Years“. Das Heft selbst war nun Geschichte.

Ahnherr der Literaturadaption

„Tarzan“ hätte grandios in dieses Konzept gepaßt, in dem weiß Gott nicht nur Meisterwerke der Literatur die Vorlagen abgaben, sondern auch allerlei Kolportage, Pulp und sonstiger Schmuh. Doch die Serie um Tarzan lief ja bereits und wurde auch immer weiter fortgeschrieben, während niemand daran dachte, beispielsweise weitere Abenteuer um den weißen Wal oder die drei Musketiere zu verfassen. Dennoch darf „Tarzan“ somit auch als Ahnherr der Literaturadaptionen im Comic gelten, und hätten die Autoren und Zeichner von „Classics Illustrated“ etwas mehr von dem in Zeitungen publizierten Strip abgeschaut, hätten sie spannendere Geschichten hervorgebracht als jene biederen Werke, die die zur Besänftigung des Widerstands gegen ein neues Medium gedachte Serie als das entlarvte, was sie ja auch war: pure Anbiederung.

Wie man literarische Vorlagen interessant in Bilder umsetzen kann, das wurde kurz nach dem sanften Entschlafen von „Classics Illustrated“ noch einmal von „Tarzan“ vorgeführt, denn nur ein Jahr später, 1972, rief der DC Verlag eine neue Heftserie ins Leben, die dem Dschungelfürsten gewidmet war. Ihre Vorläuferin, die angesichts des Erfolgs des „Tarzan“-Strips schon 1940 gestartet worden war, hatte immer darunter gelitten, daß hier nur durchschnittliche Zeichner verpflichtet wurden, und so wäre es auch beim neuen Verlag weitergegangen, wenn nicht just zum Debüt der Serie bekannt geworden wäre, daß Hogarth noch einmal einen illustrierten „Tarzan“-Band machen würde. Dieser Konkurrenz galt es zu begegnen, zumal auch in der Heftreihe noch einmal der Anfang des ganzen Saga erzählt werden sollte. Es entwickelte sich somit einer der interessantesten Wettstreite in der Comic-Geschichte: DC ließ seinen damaligen künstlerischen Direktor Joe Kubert höchstpersönlich antreten, um Hogarth ästhetisch Paroli zu bieten.

Rabiate Verkleinerungen

Über den Ausgang dieses Kampfs kann sich jeder Leser unserer „Tarzan“-Ausgabe selbst ein Bild machen, denn wir präsentieren beide Geschichten. Kubert setzte gegen die manierierte Übermacht des Hogarthschen Strichs seine vollendete Beherrschung des realistischen Stils amerikanischer Prägung. Effizienter ist selten in einer Comic-Publikation gezeichnet worden, und gleichzeitig zog der Veteran Kubert alle Register, die ihm das Heftformat einräumte. So beginnt jedes Kapitel mit einem über den Mittelsteg hinwegreichenden querformatigen Bild, das eine bis dahin nie gesehene Cinemascope-Wirkung erzeugt. Zugleich aber wagt Kubert auch rabiate Verkleinerungen, wie man sie auch in unserer Bildstrecke sehen kann: Zur Verdeutlichung der Stille nach dem stürmischen Ringen zwischen Tarzan und Tublat wird der Betrachter ganz weit weg versetzt, und der Raum um das Kämpferpaar bleibt vollkommen leer, damit kein Dekor von der Einsamkeit der Kombattanten ablenkt. Hier wurde um den Führungsanspruch in der Affenhorde gerungen, und die Ruhe nach dem Sturm ist Ausdruck des Staunens aller Beteiligten über diesen Titanenzweikampf.

Dabei fallen zwei weitere Besonderheiten auf, die Kubert aus dem Strip übernommen hat: zunächst die Gewohnheit, mittels einer Erzählstimme zu agieren, obwohl in der Heftserie Sprechblasen durchaus vorkommen. Doch das Gros der Texte ist in Kästen gesetzt und soll den spezifischen Burroughs-Tonfall für den Comic sicherstellen, wie es Foster vorgemacht hatte. Das zweite Spezificum ist der Verzicht auf Onomatopöien. Gerade in der amerikanischen Comic-Tradition hat der Siegeszug der Superhelden zu einer Inflation von Lautmalereien geführt, die als eigenständiges graphisches Element nicht selten in Kampfszenen das ganze Bild prägen. Bei „Tarzan“ war das seit Foster und Hogarth anders, und Kubert rührte überraschernderweise auch daran nicht. Das macht seine Version, die sich graphisch von den großen Heftzeichnern inspirieren ließ, narrativ jedoch von den großen Stripzeichnern, zu einem der interessantesten Grenzgänger des gesamten Genres.

Burne Hogarth: Geboren am 25. Dezember 1911 in Chicago, gestorben am 28. Januar 1996 in Paris. Als Fünfzehnjähriger nahm er seinen ersten Illustrationsauftrag an: die Bebilderung eines Buches mit dem Titel „Famous Churches of the World“. 1929 stieg er dann ins Comicgeschäft ein und wurde 1937 Nachfolger von Hal Foster als Zeichner der Sonntagsseiten von „Tarzan“. 1945 kündigte Hogarth aus Ärger über mangelndes Mitspracherecht bei den Geschichten seine Mitarbeit auf, kehrte aber nach Zugeständnissen des Syndikats 1947 noch einmal für drei Jahre zurück. Danach lehrte er an der von ihm selbst gegründeten Cartoonists and Illustrators School, ehe er 1972 noch einmal jenes Tarzan-Abenteuer zeichnete, das in unserer Klassiker-Reihe zu lesen ist.

Joe Kubert: Geboren am 18. September 1926 in New York. Ausgebildet wie so viele Comic-Künstler seiner Generation bei Will Eisner, machte er sich in den vierziger Jahren einen Namen als Tuschezeichner für Jack Kirby. Nach dem Militärdienst, den Kubert von 1950 bis 1952 in Deutschland absolvierte, kehrte er den Superhelden weitgehend den Rücken und verlegte sich auf realistische Comics, unter denen zwei Serien herausragen: der Kriegscomic „Sgt. Rock“ und seine Tätigkeit für „Tarzan“ in den Jahren 1972 bis 1974. Von 1976 an lehrte Kubert an der School of Cartoon and Graphic Art. 2003 erschien mit „Yossel“ sein bislang ambitioniertester Comic: die Schilderung des Warschauer Ghettoaufstands von 1943.

Tarzan: Der Dschungelfürst trat erstmals 1912 in dem Roman „Tarzan of the Apes“ von Edgar Rice Burroughs auf. Das in mehreren Fortsetzungen erschienene Buch war von Beginn an ein gewaltiger Erfolg und wurde von Burroughs immer weiter fortgesetzt. Die erste Verfilmung entstand bereits 1918, die von Hal Foster gezeichnete Comic-Serie kam 1929 dazu. Tarzan zählt zu jenen populären Figuren, die über die Jahrzehnte hinweg von wechselnden Zeichnern gestaltet wurden.



Text: F.A.Z. vom 22. Okotober 2005
Bildmaterial: Edgar Rice Borroughs Inc., Dark Horse Comics

FAZ.NET-Buchshop

AutorenBlicke

Sehen Sie Ingo Schulze im Gespräch mit Felicitas von Lovenberg - jetzt im FAZ.NET-Buchshop.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche