
Ein Jahr im Kellerverlies: Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler spielen Marcel und Tosia Reich-Ranicki
09. April 2009 Marcel Reich-Ranicki und der Germanist Peter von Matt sind Weggefährten der deutschen Literaturgeschichte. Reich-Ranicki hat von Matt für die Frankfurter Anthologie entdeckt, deren erster Preisträger der Schweizer war. Wir haben die beiden getroffen, um mit ihnen über Mein Leben, die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie, zu sprechen, über das Warschauer Getto, Reich-Ranickis Rückkehr in das Land der Täter und das Überleben durch die Literatur.
Herr von Matt, Sie kennen Marcel Reich-Ranicki seit bald dreißig Jahren, Sie kennen seine Autobiographie Mein Leben“. Wie hat Ihnen die Verfilmung gefallen?
Peter von Matt: Ich hatte gemischte Gefühle – vorher. Und bin dann aber doch ganz außerordentlich beeindruckt, dass das überhaupt möglich war. Erst einmal sind es sehr gute Schauspieler. Und dann ist der Film ganz einfach geführt und vermeidet eigentlich alle die Fehler, die ich gefürchtet hatte, nämlich eine Psychologisierung im Sinne eines Spielfilms und dann eine Dramatisierung der Ereignisse, die ja am gewaltigsten wirken dadurch, dass sie nur in der größtmöglichen Einfachheit vorgeführt werden. Dass das möglich ist, zeigt, dass hinter diesem Film ein großes Sensorium steht.
Sie nicken zustimmend, Herr Reich-Ranicki?
Marcel Reich-Ranicki: Ja. Was Herr von Matt gesagt hat, ist sehr, sehr treffend. Der Regisseur ist ein Mann mit großem Talent, und er hat das fabelhaft gemacht. Ich habe mich überhaupt nicht eingemischt. Ich war bei den Aufnahmen kein einziges Mal dabei. Ich habe alles dem Regisseur Dror Zahavi, dem Drehbuchautor Michael Gutmann und den Schauspielern überlassen, und sie alle haben ihre Sache gut gemacht, sehr gut.
Sie sind aber ja nun einmal Kritiker. Wenn Sie eine Sache an dem Film verändern könnten, was wäre das?
Reich-Ranicki: Ich weigere mich, diese Frage zu beantworten, weil ich dann sofort Leute beleidigen würde. Ich kann dazu nichts sagen.
Die beiden Hauptdarsteller, Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer, haben Sie und Ihre Frau vorher besucht.
Reich-Ranicki: Ja, und sie haben mich auch gefragt, was ich ihnen mit auf den Weg gebe. Und ich habe ihnen für die Arbeit am Film, die wenige Tage später beginnen sollte, gesagt: Was immer ihr darstellen werdet, wie immer ihr es macht, eines kann ich euch sagen: Es war in Wirklichkeit noch viel schlimmer.
Wie oft haben Sie den Film gesehen?
Reich-Ranicki: Zweieinhalbmal.
Ist es für Sie nicht schrecklich, die Erinnerung jedes Mal von neuem zu durchleben?
Reich-Ranicki: Natürlich ist es das! Für mich und meine Frau ist es ein sehr schweres Erlebnis, das alles zu sehen. Meine Frau ist derzeit in einem schrecklichen Zustand, und ich glaube, das hat damit zu tun, dass sie diesen Film zwei-, dreimal gesehen hat.
Gibt es überhaupt je Tage in Ihrem Leben, an denen Sie nicht an die Vergangenheit denken?
Reich-Ranicki: Nein. Solche Tage gibt es nicht.
Herr von Matt, als Schweizer sind Sie frei von den deutschen Verstrickungszusammenhängen, ob Opfer oder Täter. Wie sehen Sie den Film?
von Matt: Ich habe ja gelebt in der Zeit, ich bin 1937 geboren. Für mich ist das immer etwas, was mich plötzlich wieder erfasst, wenn ich Filme sehe, Berichte lese – dann denke ich immer, da warst du so und so alt. Und du hast gar nichts gewusst davon. Du hast irgendwelche Gerüchte gehört, aber du hast auf der Straße gespielt, und du bist friedlich zu Bett gegangen am Abend als Kind. Das hat für mich ewig etwas Beklemmendes. Und es ist ja nicht etwa so, dass die Schweiz außerhalb der Geschichte stand. Sehr viele Flüchtlinge sind durch die Schweiz gegangen, sind weitergetrieben worden, viele durften nicht hinein und mussten deshalb sterben. Also aus der Geschichte dieses Jahrhunderts ist keiner, der in diesem Europa gelebt hat, wirklich befreit. Und vor der Aufgabe, diese Dinge für sich selber immer wieder neu zu klären oder zu klären zu versuchen, steht man immer wieder. Darum finde ich den Film wichtig, weil er gewisse Optiken ein bisschen verschiebt. Es besteht bei solchen ungeheuerlichen Erinnerungszusammenhängen immer die Gefahr, dass die Sache zusammenschmilzt, sich verfestigt zu Klischees, zu Begriffen, zu Wörtern –
Reich-Ranicki: Dass Zuflucht gesucht wird bei der Sentimentalität, Zuflucht beim Pathos.
von Matt: Genau. Und so ein Film, durch den man bestimmte Momente ganz anders erlebt, das bricht die Klischees und auch diese Sehweisen. Zum Beispiel den Moment in der Schule, wo der Direktor kommt und die Juden aussondert: Sie dürfen nicht turnen, dürfen nicht mitmachen. Jeder von uns hat ja die Schule in den Knochen, jeder weiß, wie das ist, wenn man in diesen Reihen hockt. Und plötzlich weiß man genau, was das gewesen wäre. Es ist sozusagen eine subtile Arbeit an der Erinnerungskultur, die hier geleistet wird. Es ist ein grandioser Film, weil ganz einfach gestrickt. Diese Einfachheit ist seine Leistung.
Die Wirkung, die Sie beschreiben, kann gerade Literatur erzielen. Herr Reich-Ranicki, Sie haben die deutsche Literatur immer wieder als Ihr portatives Vaterland“ bezeichnet. Wie kann man die Literatur eines Landes lieben, das einen töten wollte?
Reich-Ranicki: Die Literatur hat schon in meiner Jugend in Berlin eine enorme Rolle gespielt. Und sie hatte diese Rolle auch in der Emigration – was heißt Emigration, ich bin ja deportiert worden nach Polen. Und sehr wichtig – das zeigt der Film auch, aber nur kurz – war während des Warschauer Gettos die Musik. Ich habe sehr viel Musik gehört, und natürlich war das deutsche Musik, was denn sonst? Das spielte eine enorme Rolle in jener Zeit in unserem Leben.
Nachdem Sie den Krieg überlebt hatten, hätten Sie die deutsche Literatur auch von ferne lieben können. Kurz vor Ende des Films gibt es eine Szene, da Sie mit Ihrer Frau über die Möglichkeit sprechen, nach Deutschland zu gehen – und Tosia sagt, sie werde überall mit Ihnen hingehen, aber bitte nicht in dieses Land.
Reich-Ranicki: Ja, und wir sind dann doch nach Deutschland gegangen. Das hat alles Gründe gehabt. Vor allem musste ich aus Polen raus und ein Land finden, in dem ich leben konnte. Das Land, das mich sehr gelockt hat damals, war die Schweiz. Aber was für die Schweiz nötig war, besaß ich nicht: Geld. Ich hatte überhaupt kein Geld. Und die Schweiz war nicht verpflichtet, mich reinzulassen. Deutschland hingegen, das Land, in dem man mich verhaftet und das mich deportiert hatte, war verpflichtet. Und so bin ich 1958 nach Deutschland gegangen und habe dann auch bald die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen.
Aber wenn wir auf das Warschauer Getto schauen, ist der Film da nicht zu unpathetisch?
Reich-Ranicki: Nein. Es hätte nicht mehr an lauten Tönen geboten werden sollen.
Heißt das, der Film versöhnt Sie mit dem Fernsehen, mit dem Sie ja im vergangenen Jahr so sehr gehadert haben?
Reich-Ranicki: Nein, ich habe immer gewusst, dass der Film fabelhafte Sachen machen kann. Hat er auch gemacht. Er ist nur in Händen falscher Leute.
Der Film wird noch einmal das Bild verändern, das die Menschen von Ihnen haben.
Reich-Ranicki: Das mag sein, aber das ist nicht meine Sache, das habe ich weder gewollt noch angestrebt.
Der Film zeigt nicht nur Ihre Eltern, gespielt von Joachim Król und Maja Maranow, sondern porträtiert auch Ihre beiden älteren Geschwister. Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder Alexander und Ihrer Schwester Gerda? Anders als Ihr Bruder hat Ihre Schwester den Krieg ja auch überlebt.
Reich-Ranicki: Ja, aber in London. Sie war mit ihrem Mann 1939 nach England gegangen.
Lebt Ihre Schwester noch?
Reich-Ranicki: Nein. Sie war beinahe hundert Jahre alt, als sie starb, vor anderthalb Jahren ungefähr.
Hatten Sie ein enges Verhältnis?
Reich-Ranicki: Nein, wir standen einander nicht sehr nahe. Wir hatten ein schwieriges Verhältnis.
War Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder enger?
Reich-Ranicki: Ja, das war sehr gut. Das war ein ganz anderer Typ. Nach der sogenannten Großen Selektion“ im Warschauer Getto kam er ins Lager Poniatowa bei Lublin. Dort wurde er im November 1943 zusammen mit 15 000 anderen Gefangenen von SS-Einheiten erschossen.
Der Germanist Hans Mayer hat 1975 die These vom existentiellen, unheilbaren Außenseitertum der Juden in der Weltliteratur aufgestellt. Auch Sie schreiben in Ihrer Autobiographie, Sie hätten nie irgendwo ganz dazugehört.
Reich-Ranicki: Außenseiter war ich von Anfang an.
Fühlen Sie sich auch in Deutschland immer noch als Außenseiter?
Reich-Ranicki: Ja. Natürlich! Aber das heißt nicht, dass ich undankbar bin oder gar unzufrieden mit dem Echo, das ich in diesem Land habe. Das ist enorm, es könnte gar nicht größer sein. Aber wissen Sie, Kritiker sind immer einsame Menschen. Ich habe das ganz genau erfahren durch meine Beschäftigung etwa mit Alfred Kerr. Warum war Kerr so einsam in der Weimarer Republik? Obwohl er so berühmt und anerkannt war? Er war einsam, weil er nur mit Menschen zusammen sein wollte, die Ähnliches taten wie er: mit Regisseuren, Dramaturgen, vielleicht Schauspielern. Die aber hatten immer Angst vor ihm, hatten Angst, dass er das, was er von ihnen hörte oder erfuhr, vielleicht in seinen Kritiken verwenden könnte. Vielleicht ist es mit mir ähnlich.
Herr von Matt, ist das ein literarisches Empfinden, das Sie nachvollziehen können, weil man als Leser, als Kritiker zumal mit einem Buch immer allein ist?
Reich-Ranicki: Er ist doch in der Schweiz geboren, hat sein ganzes Leben dort gelebt, was ist er für ein Außenseiter, wer ist ein richtigerer Schweizer als er?
von Matt: Natürlich lässt sich das in keiner Weise vergleichen. Aber es ist so: Jeder, der schreibt, exponiert sich und muss dafür geradestehen. Das hat ja auch einen großen positiven Rückmeldungsgrad. Was Sie mich fragen, das trifft meines Erachtens auf sehr viele ältere Autoren, vor allem Lyriker, zu. Da gibt es sehr viele tragische Fälle. Die Lyrik ist sehr stark szenegeprägt und von Jungen bestimmt, und es gibt viele Autoren, gute Autoren, die sich wie auf einem Dachboden fühlen, die einmal bekannt waren und plötzlich kein Publikum mehr finden. Für mich als Germanisten oder als einer, der publiziert, wäre es absurd, eine Klage zu führen. Ich kenne das Gefühl des Außenseitertums eher aus anderen Situationen des Lebens.
Herr Reich-Ranicki, erfüllt es Sie nicht mit Genugtuung, dass Ihre Leser Sie durch Ihre Autobiographie als einen ganz anderen kennengelernt haben und dieser Film jetzt wieder vor allem Jüngeren dabei helfen wird, Sie als den zu sehen, der Sie wirklich sind – nicht allein als den Kritiker, als den man Sie ja auch übers Fernsehen kennengelernt hat?
Reich-Ranicki: Jawohl. Natürlich ist das eine Genugtuung.
Hatten Sie zwischendurch Zweifel, dass es überhaupt zu dem Film kommen würde? Es hat ja unheimlich lange gedauert.
Reich-Ranicki: Unheimlich lange! Das Buch kam 1999 und der Film erst jetzt. Damals, 1943, als meine Frau und ich aus dem Getto hatten fliehen können und uns versteckt hielten, sprachen wir manchmal von dem Jahr 2000 und malten uns aus, wie es wäre, das zu erleben. Dann wären wir beide achtzig. Es schien uns unvorstellbar. Nichts war sicher in unserem Leben. Und natürlich bin ich glücklich, jetzt die Fertigstellung dieses Films zu erleben.
Vor achtzig Jahren, 1929, kamen Sie zum ersten Mal nach Berlin, das Sie als die Stadt Ihres Lebens bezeichnet haben. Haben Sie später je erwogen, wieder dorthin zu ziehen?
Reich-Ranicki: Nein. Solange die DDR existierte, kam für mich West-Berlin als Wohnort nicht in Frage. Das war mir viel zu gefährlich, ich wusste nicht, was dort passiert. Und dann war ich schon zu alt, um noch einen Umzug zu riskieren.
Eine Schlüsselszene des Films ist jene kurz vor Ende, als Sie 1958 in Frankfurt am Main ankommen und vom Bahnhof auf die Straße treten. Da blitzt die Vorstellung auf, dass Ihnen im Nachkriegsdeutschland jederzeit ehemalige SS- und Nazi-Schergen wiederbegegnen können.
Reich-Ranicki: Ja, diese Stelle ist fabelhaft. Diese Gleichzeitigkeit trifft genau mein Empfinden von damals. Die Angst vor der deutschen Barbarei, das habe ich auch in meiner Autobiographie geschrieben, hat mich ein Leben lang begleitet.
Herr von Matt, der Film endet in dem Moment, wo der Marcel Reich-Ranicki beginnt, den wir heute vor Augen haben, am Beginn seiner einzigartigen Karriere als Literaturkritiker. Worin besteht für Sie die Lebensleistung des Marcel Reich-Ranicki?
von Matt: Nun, er hat natürlich dieses ungeheuerliche Echo, das kein anderer gehabt hat, er hat die Präsenz und die Ausstrahlung und die Berühmtheit und die Gegenwart. Für mich war er aber immer wichtig als einer, der unablässig arbeitet und der von höchster Professionalität ist. Das war für mich enorm wichtig und beeindruckend: die Professionalität.
Und die Leidenschaft?
von Matt: Ja, die Leidenschaft ist schon gut, aber man muss ihn nicht rühmen, weil er leidenschaftlich ist, da hat er ja selber am meisten davon. Aber er hätte pfuschen, er hätte schludern können, er hätte unprofessionell arbeiten können, er hätte sagen können, schreibt mir irgendwas, kommt nicht so drauf an. Aber das hat er nie getan, er hat immer alles sorgfältig kontrolliert, hat alles in Händen gehabt – auch die Dinge, die nicht nach außen sichtbar wurden. Der unsichtbare Marcel Reich-Ranicki ist für mich der viel interessantere.
Das Gespräch führten Michael Hanfeld und Felicitas von Lovenberg.
Der Film Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben ist am Karfreitag um 21 Uhr bei Arte zu sehen und am 15. April um 20.15 Uhr in der ARD.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/VE, Daniel Pilar, picture-alliance/ dpa
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