Köhler bei Christiansen

Ein Staatsbesuch

Von Frank Schirrmacher

26. Juni 2007 Vielleicht ist es nur eine Stilfrage, dass nicht Frau Christiansen zum Staatsoberhaupt kam, sondern das Staatsoberhaupt zu Frau Christiansen. Aber was hieße nur? Stil- und Façonfragen des symbolischen Königs sind keine, deren Pflege im Umkreis eines Udo Walz gut aufgehoben wären. Sie sind prekäre Bedeutungs- und Sinnfragen oder präziser gesagt: Sie sind nur das und das allein.

Wen das Staatsoberhaupt einlädt oder auslädt, wen es trifft oder wen es meidet, wen es rechts oder links plaziert, das ist bereits eine Botschaft, und es ist auch in einer Demokratie von symbolischer Kraft und Macht, wie sich seinerzeit an der Amtsführung Richard von Weizsäckers studieren ließ. Keiner von Köhlers Vorgängern tat einen ähnlichen Schritt; als Johannes Rau am 22. Dezember 2002 an einer Sonderausgabe von „Christiansen“ zum Jahreswechsel mitwirkte, trat dieser Bürgerpräsident zwischen anderen Gästen auf. Der Eindruck eines Treffens unter Gleichen konnte schon deshalb nicht entstehen, weil Frau Christiansen an diesem Abend der Ko-Moderator Thomas Roth zur Seite gestellt war. Seit Friedrich Merz in einer unbedachten Äußerung „Christiansen“ für wichtiger als die Reden im Bundestag erklärte, war es die Aufgabe des Bundespräsidenten, andere Foren zu stärken, nicht ausgerechnet das, das zum illegitimen und ausgesprochen neoliberalen Ersatzparlament zu werden drohte.

Da ist noch einiges zu machen

Gewiss: Auch Weizsäcker, Herzog und Rau wurden im Fernsehen zur Lage der Nation befragt. Aber anders. Es waren keine fünf Minuten vergangen, als Sabine Christiansen den von ihr so genannten „ersten Mann im Staate“ anhand irgendeiner Umfrage mit folgendem Satz würdigte: „Starke Führungspersönlichkeit, da sagen manche, mmhh, na ja, da ist noch einiges zu machen“. Dass da tatsächlich noch einiges zu machen ist, vorzugsweise in der Verfassung, ehe der erste Mann im Staate hindenburghaft einmal wieder richtig durchgreifen kann, ist die eine Sache. Die andere, unmittelbar wirksame ist die symbolische Seite des Sachverhalts: Der Bundespräsident, der im Stile eines Jahresendgesprächs mit seiner Abteilungsleiterin der Öffentlichkeit als nett, aber führungsschwach vorgeführt wird, ist kein schöner Anblick, und man fragt sich, ob sich überhaupt noch jemand wundern dürfte, wenn bekanntgegeben würde, dass Frau Christiansen Horst Köhler zu dessen fünfjährigem Amtsjubiläum ein Interview gewährt.

Natürlich hat der Bundespräsident nur richtige Dinge gesagt. Dass Franz Müntefering „seinem Bauch Luft gemacht hatte“, als er das Wort von den Heuschrecken erfand, und er, der Präsident, sich selber attestiert die „Dinge beim Namen zu nennen“ – das sind Dinge, die ernsthaft niemand bestreiten oder in jene Sphäre des Konflikts ziehen kann, die die Sphäre dieser Talkshow war. Auch der Dauerbrenner, den einst Helmut Schmidt erfand und den Horst Köhler wörtlich von Roman Herzog übernahm, dass niemand seine Steuererklärung mehr verstehe, wird nicht falsch durch Wiederholung, auch nicht durch Wiederholung bei Christiansen.

Die Feier eines krummen Datums

Wiederholung freilich ist das symbolische Reservoir der Staatsrepräsentanten. Darum reden sie bei Jubiläen, zum Kriegsende, zu Goethes Geburtstag oder zur Gründung der Republik. Staatspräsidenten und Könige schaffen Zäsuren. Sie reden an historischen Daten, denn gerade an diesen Tagen vertreten sie die überpersonale Idee der Nation. Weizsäckers berühmte Rede hat die unglaubliche Kraft dieser Initiative jedermann gezeigt; aber auch kleinere Anlässe wie Horst Köhlers Rede auf Thomas Mann in Lübeck bewiesen, dass der Präsident durch die historische Reminiszenz Geschichte neu modelliert. Ganz ist es nicht zu verstehen, dass der amtierende Bundespräsident dieses symbolische Mandat dafür benutzte, eine Rückschau auf zehn Jahre deutsche Geschichte zu leisten, nur weil Frau Christiansen nach zehn Jahren ihre Sendung abgeben muss. Wäre das zehnjährige Dienstjubiläum Horst Köhlers mit der Dekade Sabine Christiansens zusammengetroffen, wäre es ein Rückblick auf die Jahre 1990 bis 2000 gewesen, hätte man noch symbolische Parität, also Legitimation feststellen können.

So aber war die Feier des krummen Datums nichts anderes als die Feier einer Regentschaft, und zwar der Regentschaft von Sabine Christiansen (1997 bis 2007), um derentwillen der Präsident ein Jahrzehnt („es hat sich zum Positiven bewegt“) feierte. Doch während Frau Christiansen selbst recht bescheiden in der Alltagsgeschichte blieb und dem Präsidenten die Frage stellte, was er nun nächsten Sonntag abend machen werde (an Frau Christiansen denken), ging Horst Köhler viel weiter. Nicht nur unterwarf der Bundespräsident seinen Rückblick der Amtszeit von Sabine Christiansen, er ordnete nach ihr die Geschichte. „Dass mein Vorvorgänger“ – Roman Herzog – „ich glaube . . . mit Beginn Ihrer Sendung seine berühmte Ruck-Rede . . .“.

Man muss das nicht weiter zitieren. Nur soviel: Der Bundespräsident spielte seine eigene Rolle herunter, als er sagte, Frau Christiansen habe „Fernsehgeschichte geschrieben“. Umgekehrt gilt: Er hat sie in die Geschichte hineingeschrieben. Zuletzt hat Horst Köhler eine Zäsur gesetzt, als er die Neuwahlen mit einer Art Notstand begründete. Jetzt hat er bekanntgemacht, dass es die Epoche vor Christiansen und die Epoche nach Christiansen gibt. Am Ende der Sendung wird herausgekommen sein, dass der Bundespräsident den Menschen noch sympathischer geworden ist.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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