Von Andreas Kilb
25. März 2008 Im Frühjahr 1940 lässt Stefan Zweig bei einem Londoner Fotografen Passbilder anfertigen. Es sind achtundvierzig kleinformatige Fotos. Sie zeigen einen schnurrbärtigen Mann mit Krawatte, der sich bemüht, gute Miene zu machen: Mal lächelt er verbindlich, mal hebt er wie fragend die Brauen, mal blickt er erwartungsvoll nach oben, mal zeigt er sein sinnendes Profil. Traurig, melancholisch, gar selbstmordgefährdet wirkt er auf keinem der Bilder.
Dabei kämpft Zweig, wie jeder seiner Freunde und Briefpartner weiß, seit Jahren mit depressiven Zuständen, die sich im britischen Exil verschlimmern. An realen Anlässen, lebensmüde zu werden, fehlt es nicht. Es ist vorbei, schreibt der Emigrant in sein Tagebuch, nachdem die deutsche Wehrmacht Frankreich überrollt hat: Europa erledigt, unsere Welt zerstört. Aus London flieht er, obwohl inzwischen britischer Staatsbürger, nach New York, von dort weiter nach Brasilien. Seinem Erinnerungsbuch aus dem alten Europa, das ursprünglich Drei Leben heißen sollte, gibt er dort einen neuen Titel: Die Welt von gestern. Im Februar 1942, keine zwei Jahre nach dem Entstehen der Passfotos, nimmt er sich zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.
Distanz zum Herdenvolk
In der Ausstellung des Deutschen Historischen Museums hängen noch mehr als siebzig weitere Porträts, Schnappschüsse und Familienbilder des österreichischen Schriftstellers. Keines zeigt ihn so, wie er sich selbst seit Anfang der dreißiger Jahre immer öfter beschreibt - gedemütigt, verängstigt, heimatlos, verzweifelt. Wo immer er ins Bild kommt, ist Zweig souverän. Nur auf einem Foto, das ihn 1937 in einem Studio der BBC bei Aufnahmen für eine frühe Fernsehsendung zeigt, wirkt der Autor verunsichert: Die Hände in den Taschen, weicht er vor der filmischen Apparatur zurück. Die Kamera, das spürte der Kinogänger Zweig, ist eine Gefahr für Literaten, sie zerstört deren Pose, die Distanz zum Herdenvolk. Und Zweig wollte kein Herdenmensch sein. Es gibt fast keine Filmaufnahme von ihm.
Eine Ausstellung wie diese stellt immer einen Kompromiss dar. Eigentlich ist sie eine gebaute, in Bildern, Manuskripten und Urkunden erzählte, in den Raum übersetzte Biographie. Andererseits kann sie, eben weil sie nur aus Bildern und Blättern besteht, das Entscheidende einer Schriftstellerexistenz nicht zeigen: die Schriftstellerei. Stefan Zweig war ja nicht bloß ein geschickter, traditionsbewusster, gelegentlich auch mit dem Kitschhammer zuschlagender Arbeiter im Bergwerk der Sprache. Er war ein Erfolgsautor, dessen weltweite Auflagen in die Hunderttausende gingen und der in einem Villenschloss hoch über Salzburg residierte. Dafür vor allem wurde er gehasst. Hugo von Hofmannsthal, sein frühes Vorbild, verspottete ihn als Erwerbs-Zweig, und Tucholsky mokierte sich über Zweigs Beliebtheit bei gebildeten alten Jungfern. Aber es hilft nichts: Zweigs Erzählungen und historische Biographien, allen voran Maria Stuart, Joseph Fouché und Marie Antoinette, und selbst die Sternstunden der Menschheit sind immer noch gut zu lesen - man probiere es aus.
Vor dem Austrofaschismus geflüchtet
In der von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner kuratierten Ausstellung sieht man als Faksimile das Rechnungsbuch des Schriftstellers, in dem die Auflagen, Übersetzungen und Honorare seiner Werke festgehalten sind, und einige Originalblätter, unter denen die Arbeitsnotizen zu Zweigs unvollendeter Balzac-Studie am interessantesten sind. Man betrachtet ein Foto von 1935, auf dem Zweig neben einem kräftigen Ochsen an Deck eines Schiffes steht und auf dessen Rückseite seine erste Ehefrau Friderike boshaft notiert hat: Zwei Prachtexemplare - jeder in seinem Fach ein Held.
Und man stockt vor der Aufnahme, die ein brasilianischer Journalist am 23. Februar 1942 von dem toten Ehepaar Zweig gemacht hat: Lotte Altmann, die der Schriftsteller in England kennengelernt hatte, wohin er vor den Auswüchsen des Austrofaschismus geflüchtet war, hat ihren Kopf an Zweigs Hals gelegt; Zweig selbst trägt eine schwarze Krawatte; auf dem Nachttisch steht die letzte Bierflasche, daneben eine Schachtel Streichhölzer, ein Taschentuch, ein paar Münzen. Das Foto zeigt, wie weit man kommt, wenn man auf die Beredsamkeit des Bildlichen setzt. Es ist erschütternd und zugleich völlig überflüssig. Als Zeitungstoter wird Zweig zu dem sprachlosen Opfer, das er nie sein wollte. Immerhin wusste er, was hinterher kommen würde; daher die Krawatte.
Mit einer Sammelleidenschaft für Notenblätter
Erstaunlicherweise kommt die Ausstellung Zweig dort am nächsten, wo sie ihn nicht als Autor betrachtet. Er war ein begeisterter Sammler von Autographen, ersteigerte Notenblätter von Mozart, Bach, Beethoven und Schubert, Handschriften von Goethe und Heine und sogar ein Redemanuskript Hitlers. Auf diese Weise wollte er am Geheimnis des Schöpferischen teilhaben, das ihn umso mehr faszinierte, je deutlicher er seine eigenen künstlerischen Grenzen erkannte. Derselbe vampiristische Fleiß, mit dem er sich als Schriftsteller in große Entdecker, Königinnen, Eroberer und Philosophen hineindachte, trieb auch seine Sammelleidenschaft an.
Im Zeitalter der Diktatoren war Zweig eine tragische Figur: Er glaubte an die Macht der Sprache, während Europa sich der Macht der Massen ergab. Litaneiartig wiederholt sich in seinen späten Briefen die Klage, dass mit Worten nichts mehr zu erreichen sei. Schon im Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sah er das Ende seiner Welt, und vermutlich hatte er recht.
Manchmal wünschte man sich, die Kuratoren literarischer Ausstellungen hätten mehr Lust am Text statt am Bild, mehr Sinn für die Schätze des Archivs. Denn auch Schnipsel können Geschichten erzählen. Ein Ausschnitt aus dem Berliner Tageblatt vom 30. November 1921 berichtet von einer Wohltätigkeitsveranstaltung für die hungernde Bevölkerung Sowjetrusslands, auf der Stefan Zweig seinen Dostojewski-Essay vortrug. Nach ihm las Fritz Kortner aus Romanen des russischen Autors, ihm folgte Tilla Durieux. Das alles in zwei Stunden. Es war tatsächlich eine wilde, neue, aufregende Zeit. Zweig wollte zu ihrem Untergang keine gute Miene mehr machen. Deshalb ging er ihm voran.
Die drei Leben des Stefan Zweig. Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 12. Mai. Der Katalog kostet 10 Euro.
Text: F.A.Z., 25.03.2008, Nr. 70 / Seite 37
Bildmaterial: Ateliers Setzer/Deutsches Historisches Museum, Deutsches Historisches Museum
