China

Schlechte Nachrichten - oder gute?

Von Zhou Derong

Katzen für den Kochtopf: Markt in China

Katzen für den Kochtopf: Markt in China

30. November 2004 Vergangene Woche stand in hiesigen Zeitungen zu lesen, in der südchinesischen Stadt Guangzhou sei es wieder Mode geworden, Wildkatzen zu schlachten. Denn es ist kalt geworden. Zeit für Chinesen, wieder etwas Gutes für die eigene Gesundheit zu tun.

Das heißt aber nicht, daß die Chinesen jetzt alle in den Kraftraum stürzten und Gewichte stemmten. Dafür ist die chinesische Kultur zu alt und der Chinese zu schlau. Hierzulande pflegt man Gaumenfreuden mit Gesundheit zu kombinieren. In diesen Tagen stehen vor allem Katzen auf der Speisekarte. Nicht die Zibet-Katze, die im Verdacht steht, die Erreger der tödlichen Lungenkrankheit Sars bewirtet zu haben. Von ihr hat man deshalb jetzt die Finger gelassen. Von herrenlosen Katzen aber nicht. Ihr Fleisch soll dem „yin“, also dem Nierensystem, guttun, so jedenfalls will es die chinesische Medizin wissen. Täglich werden in Guangzhou vier- bis fünftausend Katzen konsumiert. Schlechte Zeiten für sie.

Auto-Boom dank Sars

Aber ist das auch eine schlechte Nachricht? Denkt man an die kürzlich erfolgte Warnung der Weltgesundheitsorganisation vor einer Wiederkehr von Sars, weil sich die Krankheit bei kaltem Wetter besser verbreite, neigt man dazu, die Frage zu bejahen. Erweitert man aber den eigenen Horizont und denkt zum Beispiel an die Ökonomie, dann verwandelt sich die Nachricht aus Guangzhou gleich zu froher Kunde. Denn vom Ausbruch von Sars profitierte im vergangenen Jahr der Autoverkauf.

Seinerzeit wollten alle Chinesen die öffentlichen Verkehrsmittel meiden, weil die Gefahr einer Ansteckung in den vollgestopften Bussen oder Untergrundbahnen zu groß war. Nach Sars brach der Absatz dann zusammen, Preisreduzierungen und Rabatte änderten daran nichts. Im Interesse der Autoindustrie, die zuletzt Milliarden in China investiert hat, müßte daher das Konsumieren von Katzenfleisch kräftig gefördert werden.

Zehn Folgen auf einer CD

Gute und schlechte Nachrichten liefert auch die boomende Raubkopien-Branche. In diesen Tagen macht in China eine neuartige DVD mit hoher Komprimierung Furore. Um den Verkauf von zuvor schwer absetzbaren Raubkopien mit mehrteiligen Fernsehserien anzukurbeln, läßt man jetzt zehn oder mehr Folgen auf eine einzige DVD brennen. Dadurch wird der Preis reduziert, und die Scheiben finden reißenden Absatz. Für die Filmindustrie in China und im Ausland ist das eine Schreckensnachricht - Milliardenverluste drohen.

Wechselt man aber die Perspektive und betrachtet die Sache aus einer anderen Sicht, dann wird auch hier die schlechte zur guten Kunde. Denn die Raubkopierer machen nicht einmal vor der Staatsmacht halt. In Schanghai sind nicht nur Raubkopien von Hollywood-Produktionen erhältlich, sondern auch die verbotenen chinesischen Untergrundfilme wie etwa „Beijing Bicycle“ oder „West und East Palast“; der illegale Buchmarkt bietet überdies nicht nur Clintons Autobiographie, sondern auch die verbotenen Memoiren von Maos Leibarzt, in dem das wilde Treiben des Großen Vorsitzenden mit jungen Mädchen enthüllt wird. So gesehen, sollten Amerikaner und Europäer Peking gar nicht allzuheftig auf die Bekämpfung der Raubkopien in China drängen, denn die fördern die Informationsfreiheit. Oder wäre diese ständige Forderung des Westens nur Schall und Rauch gewesen?

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2004, Nr. 281 / Seite 42
Bildmaterial: AP

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