Kultusministerkonferenz

Handlanger

15. Oktober 2004 Seit Monaten steht die Kultusministerkonferenz in der Kritik. Mehrere Ministerpräsidenten, darunter Christian Wulff und Edmund Stoiber, haben die mißglückte Rechtschreibreform aufgegriffen, die KMK für ihr Versagen in diesem Punkt scharf kritisiert und zugleich die seit langem überfällige Frage aufgeworfen, ob die KMK ihrerseits nicht höchst reformbedürftig sei.

Jetzt hat die derzeitige KMK-Präsidentin Doris Ahnen in dem saarländischen Städtchen Mettlach alle Kritiker mit einem Satz zurechtgewiesen, den man zweimal lesen muß, bevor man ihn für möglich hält. So klingt der Geist von Mettlach: "Die Debatte der letzten Monate hat der KMK und der Bildungspolitik in Deutschland überhaupt nicht genutzt." Wie absurd dieses Argument ist, zeigt ein simples Beispiel: Käme etwa Hans Eichel jemals auf die Idee, zu behaupten, die Debatte um die angemessene Höhe der Steuersätze schade dem Ansehen des Finanzministeriums? Offenbar glaubt aber Frau Ahnen, die Rechtschreibung werde seit Jahren heftig diskutiert, um der KMK zu nutzen oder zu schaden. Wenn diese Institution noch immer nicht in der Lage ist, zu erkennen, daß sie ein Werkzeug der Bildungspolitik ist und nicht deren Zweck, dann ist ihr und uns nur zu helfen, wenn sie abgeschafft wird.

Bevor es so weit kommt, dürfte die KMK aber noch eine Menge Unfug verzapfen. Der nächste Streich scheint der "Rat für deutsche Rechtschreibung" zu sein, dessen Gründung jetzt in Mettlach beschlossen wurde. Er soll dafür sorgen, daß "strittige Punkte" Änderungen erfahren, damit die Reform wie geplant zum 1. August nächsten Jahres in Kraft treten kann. Dazu werden achtzehn Vertreter aus Deutschland, neun aus der Schweiz und neun aus Österreich berufen werden. Sechsunddreißig Gerechte, so heißt es im Talmud, sind nötig, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Aber niemand weiß, wo sie sich aufhalten. Da haben es die Kultusminister leichter, sie wollen ja nicht die Welt oder die deutsche Rechtschreibung retten, sondern lediglich ihr Gesicht wahren, den ramponierten Ruf ein bißchen aufpolieren. Da tun's auch sechsunddreißig Handlanger.

Nach ihnen wird nun gesucht, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, werden uns viele Mitglieder der unseligen Zwischenstaatlichen Kommission im Rat für deutsche Rechtschreibung wiederbegegnen. Neben den Sprachwissenschaftlern, die das Malheur angerichtet haben, sollen diesmal indes auch jene vertreten sein, die es auszubaden haben: Lehrer, Schriftsteller, Journalisten oder Verleger. Wenn der Rat fruchtbare Arbeit leisten soll, muß er ausgewogen besetzt werden. Dann freilich könnte die KMK das Ergebnis seiner Beratungen nicht mehr wie gewohnt von vornherein bestimmen. Wird die KMK diesmal über ihren Schatten springen und der Sache dienen? Sagen wir es offen: Auch diese Frage wurde nicht in erster Linie gestellt, um der KMK zu nutzen. Aber wer immer mag, kann gerne Nutzen aus ihr ziehen.



Text: igl. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2004, Nr. 242 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

 
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