Von Jürg Altwegg, Genf
22. Juli 2008 Zensur bei den Provokateuren: Charlie-Hebdo“, das jede Woche die frechsten Karikaturen und die schärfsten Satiren in Frankreich publiziert, hat einen seiner berühmtesten und dienstältesten Mitarbeiter entlassen, den 79 Jahre alten Siné. Weltweit machte die Zeitschrift Schlagzeilen, als sie die dänischen Mohamed-Karikaturen übernahm und mit eigenen Illustrationen anreicherte. Beim Prozess trat auch Sarkozy als Verteidiger der Pressefreiheit in den Zeugenstand.
Jetzt hat sich Charlie-Hebdo“ mit dem Sohn des Staatspräsidenten befasst. Wieder geht es um die Meinungsfreiheit – diesmal im Zusammenhang mit Antisemitismus. Jean Sarkozy, der wie ein Filmstar auftritt, sorgte in den vergangenen Wochen mehrfach für Schlagzeilen. Im Prozess um die Fahrerflucht, die er mit seinem Motorrad nach einem kleinen Unfall mit etwas Blechschaden begangen haben soll, wurde er freigesprochen. Monate hatte es gedauert, bis der Kläger überhaupt die Identität des Lenkers feststellen konnte. Als später sein Motorrad gestohlen wurde, überführte die Polizei in ihrem Übereifer den Dieb mittels einer DNA-Analyse. Hand-, mehr noch: staatsstreichartig hat er im Departement seines Vaters die Macht in der Partei übernommen. Kürzlich kündigte er an, dass er die schwerreiche Erbin der Handelskette Darty ehelichen werde. Aus Liebe zu seiner Braut werde er sich vor der Heirat zum Judentum bekehren.
Kein Kniefall vor Sarkozy
Jean Sarkozy ist ein würdiger Sohn seines Herrn Papa“, spottete Siné in seiner Chronik: Und sitzt schon im Regionalparlament! Praktisch mit Applaus ist er vom Gericht vom Vorwurf der Fahrerflucht freigesprochen worden. Aber der Kläger war ja schließlich ein Araber. Das ist nicht alles: Er hat erklärt, er wolle sich zum Judentum bekehren, bevor er seine Braut heiraten werde, eine Jüdin, Erbin der Darty-Begründer. Der Kleine wird es weit bringen im Leben.“
Tagelang hat sich niemand über diesen Text empört. Doch weil der Herausgeber Philippe Val eine Klage von Jean Sarkozy befürchtete, wollte er seinen Mitarbeiter Siné, dessen Text die Chefredaktion diskussionslos gedruckt hatte, zu einer Entschuldigung veranlassen. Der Autor lehnte das Ansinnen mit dem ihm eigenen Vokabular ab: Lieber lasse ich mir den Schwanz abschneiden, als dass ich vor Sarkozy in die Knie gehe.“
Das magische Register
Erst Claude Askolovitch, der im Nouvel Observateur“ über die Vorfälle bei Charlie-Hebdo“ berichtete, machte den Vorfall zur Staatsaffäre – und erhob den entscheidenden Vorwurf: Siné spielt mit dem magischen Register des Antisemitismus, mit dem Bild vom Juden, reich, privilegiert und mächtig.“ In Le Monde“ hat Bernard-Henri Lévy die Sache gestern noch höher gehängt. Er rechtfertigt den Rauswurf und macht in den Äußerungen von Siné die übelsten Gemeinplätze der französischen Ideologie“ aus, die nicht nur Pétain hervorbrachte, sondern auch die extreme Linke infizierte – auch heute noch.
Lévy geht bis zu Voltaire zurück, der bekanntlich antisemitisch und rassistisch“ gewesen sei, und erwähnt den linksradikalen Philosophen Alain Badiou, der Sarkozy absurderweise tatsächlich in der Fortsetzung von Vichy situiert. Badious Vokabular sei jenes der ewigen Faschisten. Aus der gleichen Schublade wie den Philosophen holt Lévy die Terroristen von Action Directe“, die sechzig Jahre später die Juden auf den europäischen Misthaufen werfen wollten“. In Klammer fügt er in seinem etwas wirren Eifer auch noch den Namen von Ulrike Meinhof an.
Eine gefährliche Logik
Inzwischen hat Siné auch eine Strafanklage eingereicht: wegen Verleumdung. Zu Unrecht werde er als Antisemit bezeichnet. Für seinen Rauswurf macht er einen alten Streit mit Philippe Val verantwortlich. Gegen seine Entlassung und den Vorwurf des Antisemitismus protestieren Philosophen (Michel Onfray), Komiker (Guy Bedos), Schriftsteller (Arrabal, Gilles Perrault), Schauspieler und zahlreiche Journalisten. Auch die Feministin Gisèle Halimi, die sonst mit dem vulgären Vokabular von Siné und Charlie-Hebdo“ wenig anfangen kann, macht eine Bedrohung der Freiheit aus. Und Claude Askolovitch wird im eigenen Magazin widersprochen: Jedes Wort, jedes Komma habe er gewogen und unter die Lupe genommen, schreib François Reynart im Nouvel Observateur“ in seiner Replik auf den Kollegen. Rein gar nichts Anrüchiges habe er entdecken können: Du bringst uns in eine bedauernswerte und gefährliche Logik.“ Sie kennt nur Antisemiten und Verräter.
Als solcher wird von den Sozialisten der Genosse Jack Lang mit einem Ausschlussverfahren bedroht, der mit seiner Stimme dafür sorgte, dass Sarkozy am Montag in Versailles seine Verfassungsreform realisieren konnte. Weil sie die Allmacht des Präsidenten noch mehr verstärke, nennt der für seine Besonnenheit bekannte ehemalige Justizminister Robert Badinter, der die Todesstrafe abschaffte, Frankreich eine Monokratie“. Mit der Entlassung des anarchistischen Karikaturisten wegen Antisemitismus hat ihr Sommertheater begonnen. In diesem Jahr wird eine Komödie um den Ehrgeiz, den Opportunismus und die Liebe des Kronprinzen als Remake der Dreyfus-Affäre inszeniert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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