Befreit von den Gerüsten

Die Kuppel der Frauenkirche stiftet Seelenfrieden

Von Dieter Bartetzko

Die wiedererstehende Frauenkirche in Dresden

Die wiedererstehende Frauenkirche in Dresden

24. Dezember 2003 Diese Kirche ist ein Berg. Aber einer von zweierlei Gestalt: Steht man vor ihr, erscheint sie wuchtig und unüberwindlich wie ein zerklüftetes Massiv, breit, ernst, unerbittlich. Vom weitem dagegen scheint sie fast schwerelos nach oben zu schnellen, eine Gottestänzerin über der Elbe und der Stadt. Das ist das eigentliche Wunder, seit der Corpus und die Kuppel der Frauenkirche von den Gerüsten der Rekonstruktion weitgehend befreit sind - dieses Irisieren zwischen Anmut und Monumentalität, das weder die Gemälde und Fotografien des unzerstörten Gotteshauses zu überliefern imstande waren, noch die beiden ragenden Torsi, die dem Einsturz des 15. Februar 1945 widerstanden hatten.

Daß in dieser Einheit von Gewalt und Grazie der größte Zauber liegt, der das Bauwerk unentbehrlich für die Stadtgestalt macht, hat das für solche Phänomene sensible Fin de siècle erkannt. In den "Blauen Büchern" schrieb der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder 1903: "Der unsterbliche Wert des Gebäudes liegt ganz wesentlich im Außenbau, in dem lebensvollen Umriß der Masse, der sich in dem reichen Stadtbilde Dresdens zuletzt doch als das Unvergeßlichste von allem einprägt." Entscheidend für diese sprühende Lebendigkeit ist der gleitende Übergang zwischen Kuppel und Bau. Eine so nie dagewesene konkave Einbuchtung leitet statt eines Tambours das Rund über zum Polygon der Außenwände. "Die Glocke" hat man diese Erfindung des George Bähr genannt. Welche Genialität darin steckt, hat Pinder beschrieben: "Kein gewaltiges Sich-Recken wie bei Michelangelo, sondern ein geschmeidiges Emportauchen."

Die Kuppel erhebt sich

Ein gutes Stück weiter als im Juli 2003

Ein gutes Stück weiter als im Juli 2003

Jetzt, da sich - unerachtet der letzten Gerüste rings um die abschließende Laterne - die Kuppel frei erhebt, ist für jedermann erkennbar, daß die Frauenkirche auf einer Stufe steht mit dem Petersdom oder der St.-Pauls-Kathedrale in London. Doch der Triumph ihrer Wiederkehr macht die Tragödie ihres Falls nicht vergessen: Wie ein gewaltiger Schattenriß zeichnen sich der Chor und der Treppenhausrisalit als Reste des Originals rußgeschwärzt und trauernd in den strahlendhellen Außenmauern der Rekonstruktion ab. So ist das Mahnmal geblieben, ist die Ruine anwesend, die jahrzehntelang jeden Betrachter erschütterte.

Mit diesem ergreifenden Kontrast hat das Äußere der Frauenkirche noch an Bedeutung gewonnen. Sie braucht das, denn im Inneren wird zur Wiederweihe im Jahre 2005 nichts mehr an den Krieg erinnern. Gerüste füllen momentan den atemraubend hohen Zentralraum. Zimmerleute verkleiden die stählernen Armierungen der Emporen mit hölzernen Nachbildungen der verbrannten einstigen Betstuben und Bänke. An den Pfeilern, Pilastern und Wänden ist Verputz angebracht, Maler kopieren die Lasuren, mit denen um 1740 Marmor vorgetäuscht wurde, an den riesengroßen Kapitellen werden die nachgeformten pausbäckigen Puttenköpfe, die Rosetten, Festons und Girlanden aus Stuck farbig gefaßt; viel Gold, Pistaziengrün, Hellgrau und Rosa. Auf der Innenkuppel ist eines der vier Hauptfelder mit der kopierten Darstellung des Evangelisten Johannes gefüllt. Sie genügte den Ansprüchen der Bauleitung nicht. Deshalb wird der Maler Christoph Wetzel, der gerade die Wiedergabe des Lukas zur allgemeinen Zufriedenheit beendet hat, auch die beiden übrigen Evangelisten sowie die Darstellungen der vier Kardinaltugenden nachmalen, möglichst genau so, wie sie einst der effektsichere Hof- und Theatermaler Giovanni Battista Grono (Johann Baptist Grohne) schuf.

Ursprüngliche Farbigkeit

Auch der Hochaltar, den man als geborstenen, aber aufrecht stehenden Torso aus dem Schutt gegraben und aus zweitausend Fragmentstücken ergänzt hat, wird nach anfänglichem Zögern nun in der aus Quellen errechneten ursprünglichen Farbigkeit wiederhergestellt. Der Vergleich zwischen bereits vollendeten und noch unbehandelten Partien zeigt, daß man den falschen Weg gewählt hat. Die steinsichtigen, schadhaften und doch gut erkennbaren Teile haben in ihrer Verwundung eine Eindringlichkeit, die das makellose Original sicher nicht hatte und die glänzende Rekonstruktion erst recht nicht haben wird.

Christus auf dem Ölberg, allein unter einem Baum betend, während seine Jünger schlafen, ist das Zentrum des Altars, geschaffen zwischen 1732 und 1736 von Johann Christian Feige; ein tüchtiges, dekoratives, aber keineswegs begnadetes Werk des Hochbarock. Erst der fragmentierte Zustand verlieh ihm jene Dramatik, die der Szene eines in Todesängsten Blut und Wasser Schwitzenden innewohnt. Die Versehrung hatte aus Feiges Altar und dem vergeblich bittenden Christus ein Menetekel des Schicksals der Frauenkirche, Dresdens und Deutschlands gemacht.

Untergang und Auferstehung sinnfällig bewahren

Wie sinnvoll wäre es gewesen, hier, mitten in Dresden und mitten in der zurückgekehrten Frauenkirche, im Altartorso Untergang und Auferstehung sinnfällig zu bewahren. Doch jetzt wird blendendes Blattgold, werden erdige Grün-, Gelb- und Rottöne über die Narben gelegt. Dresdens Drang, die vom Feuersturm und von den Abrißbirnen vernichtete Schönheit zurückzugewinnen, zeigt sich darin unbezähmbar. Geradezu bizarre Züge aber nimmt er vor der Frauenkirche an, wo die Wiederauferstehung des 1950 eingeebneten Neumarkts vorbereitet wird: An der Südseite des Bauwerks klafft eine riesige Grube. Sie ist die erste Baustufe einer Tiefgarage, für die man die barocken, teilweise von spätgotischen Resten durchsetzten Keller der einstigen Bürgerhäuser beseitigt hat. Zunächst waren sie die Garanten einer detailgetreuen Rekonstruktion genannt worden, ausgegraben als im buchstäblichen wie übertragenen Sinne Fundamente des maßstabsgerechten Nachbaus der alten Fluchten, Perspektiven und Räume. Nun wird man an dieser Stelle die Repliken auf einer Betonplattform errichten müssen - ein Schritt weiter in eine Welt, wo Illusion mehr zählt als Bestand.

Advent 2003 - die mit 14,62 Metern größte erzgebirgische Stufenpyramide vor der Kulisse der Frauenkirche

Advent 2003 - die mit 14,62 Metern größte erzgebirgische Stufenpyramide vor der Kulisse der Frauenkirche

Am zauberischen Äußeren aber der Frauenkirche prallen diese Torheiten ab. Sie ist, das zeigt sich schon jetzt, tatsächlich unerläßlich für Dresdens Städtebau - als Bezugs- und Höhepunkt des Stadtgefüges, als Wegweiser für künftige neue und rekonstruierte Bauten, als Anhalt, der den heillosen Brachen, die noch immer das Zentrum durchfurchen, etwas von ihrer Trostlosigkeit nimmt. Zu dieser Weihnacht ragt, zum ersten Mal seit dem Dezember 1944, die "Steinerne Glocke" wieder weithin sichtbar über den Dächern Dresdens. Diesmal brauchte es nicht die Weihnachtsmärkte, die Lichterbäume und Lichterketten, mit denen die Stadt ihre in diesen Tagen besonders erschütternden Leerstellen kaschiert: Ein Blick auf die Frauenkirche, und man spürt den Sinn des Weihnachtsevangeliums: ". . . und den Menschen ein Wohlgefallen."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2003, Nr. 299 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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