Kontrafaktische Geschichte

Hätten wir das gewusst

Von Lorenz Jäger

Politisierung eines Todes: Protestmarsch in München nach der Tötung von Benno Ohnesorg

Politisierung eines Todes: Protestmarsch in München nach der Tötung von Benno Ohnesorg

22. Mai 2009 Man kann einmal den rückwärtsgewandten Propheten spielen und die Vergangenheit so betrachten, als sei noch alles offen und die Zeichen ließen noch eine ganz andere Deutung zu. Die Geschichte der Bundesrepublik seit dem 2. Juni 1967 hätte anders verlaufen können. Die Erschütterung nicht nur der linken oder auch nur linksliberalen Studenten, sondern weiter Teile der deutschen Gesellschaft über den Tod von Benno Ohnesorg (durch einen Schuss von hinten) nach der Demonstration gegen den Schah von Persien wäre ja auch dann nicht ausgeblieben, aber ihre politische Instrumentalisierung hätte nicht funktioniert.

Eine Massenradikalisierung der akademischen Jugend nach links hätte nicht stattgefunden, oder sie hätte sich auf kleine Kreise mit ausgeprägterer Fähigkeit zum Selbstbetrug beschränkt. Die ganze Lage hätte eine geschichtsphilosophisch zweideutige Miene aufgesetzt, die schlichten Antworten hätten sich von selbst verboten. Und wie vielen Begabungen wäre der Weg in die DKP erspart geblieben! Vor allem der Vorwurf des fortdauernden „Faschismus“ gegen das Nachkriegs-Staatswesen wäre nicht so schnell, nicht so bedenkenlos erhoben worden.

Imaginierter Gegenwarts-Faschismus

Man hätte geradezu zwingend darüber reflektieren müssen, dass Kurras, der Todesschütze, von dem nach heutigem Erkenntnisstand angenommen werden muss, dass er gerade so für die Staatssicherheit der DDR arbeitete wie später einige Kader der Achtundsechziger und der Terrorzelle „Bewegung 2. Juni“, eben kein „Faschist“ war, im Gegenteil. Man wäre um den Gedanken nicht herumgekommen, durchaus im Rahmen der damaligen Theoriesprache, dass starre, aggressive Unbelehrbarkeit, Zeichen des „autoritären Charakters“, wie ihn Theodor W. Adorno analysiert hatte, sich nicht nur auf der Rechten fanden, sondern auch unter den Anhängern des „realen Sozialismus“.

Man hätte dann keine Sozialpsychologie des imaginierten Gegenwarts-Faschisten schreiben, sondern sich Rechenschaft über die individuellen Gründe ablegen müssen, die den verbohrten Waffennarren Kurras in die SED geführt hatten. Das Ansehen des DDR-Sozialismus wäre ebenso dauerhaft beschädigt worden wie das der „repressiven“ Bundesrepublik – auch wenn wohl nicht „die Stasi“ geschossen hat, sondern eben nur Kurras.

Radikalisierungsdynamik

Adorno selbst war es ja, der an der verhängnisvollen Interpretation der Lage nach dem 2. Juni mitstrickte: „Ich habe unmittelbar nach der Ermordung von Ohnesorg meinen Studenten im Soziologischen Seminar gesagt, dass die Studenten heute die Rolle der Juden spielen würden – und ich werde dieses Gefühl nicht los.“ Damit aber war einem „Widerstand“ Tür und Tor geöffnet, der sich bald, in einer für revolutionäre Bewegungen typischen Radikalisierungsdynamik, auch gegen Adorno selbst richten sollte.

Gudrun Ensslin, der Gründerin der „Roten Armee Fraktion“, wird eine pathetische, ja hysterische Rede nach dem 2. Juni zugeschrieben: „Sie werden uns alle umbringen – ihr wisst doch, mit was für Schweinen wir es zu tun haben – das ist die Generation von Auschwitz, mit der wir es zu tun haben – man kann mit Leuten, die Auschwitz gemacht haben, nicht diskutieren. Die haben Waffen, und wir haben keine. Wir müssen uns auch bewaffnen.“ So sollen diese Worte gefallen sein, wenn sie nicht nur gut erfunden sind – in jedem Fall erfüllten sie im Nachhinein ihren Zweck als Plausibilisierung des Terrors. Gudrun Ensslin traf nicht zuletzt das schlechte Gewissen der deutschen Eliten.

Verkehrte Welt der Achtundsechziger

Von Niklas Luhmann stammt dagegen das kühlere Wort, es sei am 2. Juni 1967 durch ein „zufälliges Ereignis“ eine ganze Generation „aus der Gesellschaft hinausgeschossen“ worden. Zufall in der Geschichte bedeutet immer eine Demütigung. Der Mensch ist ein sinnsuchendes Tier, und dass es ein junger Holländer an der Grenze zum Schwachsinn war, der allein den Reichstag anzündete, oder dass ein bindungsgestörter Lee Harvey Oswald als Einzeltäter den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ermorden konnte, das will uns nicht in den Kopf. Es beleidigt unser Empfinden, dass ein noch unmündiger Attentäter in Sarajewo 1914 das große Schlachten auslösen konnte. Wir verlangen von der Geschichte etwas Anderes, Größeres, erkennbar Bedeutendes, aber das verweigert sie uns beständig.

Der Zufall des 2. Juni 1967 mutet heute seltsamer, aber darum nur noch zufälliger an. Am Ende ihrer professionellen Laufbahn wird die Generation der Achtundsechziger eingeholt von Wahrheiten, die ihre sehr erfolgreiche Selbstinterpretation aushebeln und die niemand für möglich gehalten hätte. Alles wird zweifelhaft und scheint sich zu verwischen. Günter Grass war als Soldat in der Waffen-SS, Kurras in der SED: verkehrte Welt. Ach nein, die wirkliche und wahre. Man sollte wieder mehr Kafka lesen. Wie schön, dass wir das noch erleben dürfen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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