Städtebau

Von nun an ging's bergab

Von Dieter Bartetzko

23. April 2008 Wie viele Treppentürme hatte Frankfurts Altstadt vor ihrem Untergang? Zwanzig? Dreißig? Genug jedenfalls, dass Bildbände diese Wundergebilde der Gotik und Renaissance in Serien präsentierten. Als die Bomberpiloten des Zweiten Weltkriegs und die Sprengmeister des so genannten Wiederaufbaus ihr Werk vollbracht hatten, standen noch drei: das offene Renaissance-Oktogon von 1627 im Innenhof des Römer, das man aus seinen geborstenen Einzelteilen wieder zusammengesetzt hatte; der durch einen glücklichen Zufall unversehrt gebliebene Renaissanceturm des „Schönborner Hofs“ in der Töngesgasse am nördlichen Altstadtrand und ein dritter, der aus dem Schutt des einstigen Patrizierhofs „Zum Prinzen Carl“ ragte. Ihn schonte man 1952 beim Bau eines Altenheims, ersetzte die verbrannte geschweifte Schieferhaube durch einen grazilen Dachpavillon und integrierte den Torso in den Neubau.

Er wurde zum Geheimtipp unter Frankfurt-Liebhabern. Erst recht, nachdem der Schönborner Turm samt Torfahrt und dazugehörigem Barockhaus 1978 für den Neubau einer Sparkasse niedergelegt und als seltsam steriles Präparat wiedererrichtet worden war. Im Gegensatz dazu war der Carlshof ein verwunschener Winkel geworden: Durch ein Gittertor sah man in einen verschlossenen Garten, wo Insassen des Altenheims die Ruhe genossen. Drei sandsteinerne Arkaden, trapezoide Fenster und geschwungene vermauerte Portale im Obergeschoss schmückten den Turm. An den Resten der beiden Renaissancehäuser, in welche die Portale geführt hatten, zogen im Erdgeschoss zwei hübsche muschelförmige Wandbrunnen den Blick an. Wer gelenkig war, erspähte am geretteten Bogenportal des südlichen Hauses Kragsteine mit Masken, Voluten und der Jahreszahl 1595.

Frankfurts „zweite Moderne“

„Das Höfchen bildet eins der malerischsten Motive, die dahier gefunden werden können“, hatte um 1860 der Maler Theodor Reiffenstein notiert, der damals die Altstadt dokumentierte. Lange vergessen, scheint seine Begeisterung nun wieder Schule zu machen. Schließlich hat die Stadt unter allgemeinem Jubel beschlossen, zwischen Dom und Römer einige wertvolle Altstadthäuser zu rekonstruieren und mit adäquaten Neubauten zu ergänzen. Erwartungsvoll schaute man deshalb in der vergangenen Woche auf die Entwürfe zur Neubebauung des „Prinzen Carl“. Sie, so dachte man, würden den Treppenturm feiern, durch eine Restaurierung vielleicht, die Öffnung des Gärtchens zum angrenzenden intimen Platz an der romanisch-gotischen Leonhardskirche. Gesteigert wurde die Erwartung durch das Wissen, dass auf dem südlichen Nachbargrundstück Christoph Mäckler das „Leonardshaus“ bauen wird, ein Büro- und Wohnhaus, das in zeitgenössischen Formen die Umrisse der einstigen klassizistischen Uferhäuser und die Giebelbauten der Altstadt nachzeichnet.

Inzwischen stehen wir wieder auf dem Boden der Frankfurter Tatsachen - am „Prinz Carl“ wird Pragmatik herrschen. Dabei ist das zuständige Architekturbüro GHP nicht immun gegen die neue Wertschätzung der Tradition. Ihr Entwurf für die künftige Zentrale der katholischen Hilfsorganisation Caritas, der das Areal gehört, orientiert sich mit Satteldächern, Gauben und hohen Dreiecksgiebeln sichtlich an Alt-Frankfurter Motiven. Auch lässt GHP mit drei Fugen im 68 Meter langen Baukörper die Vielfalt der einstigen giebelständigen Hausreihen anklingen - ein weiteres gutes Beispiel jener traditionsbewussten Spielart der „Zweiten Moderne“, wie sie 2006 und 2007 Frankfurts neues „Haus am Dom“ von Müller & Jourdan oder der steilgieblige Galeriebau Christoph Mäcklers auf der Maininsel in Szene gesetzt haben - und wie sie hoffentlich viele der neuen Häuser zwischen Dom und Römer aufweisen werden.

Fremdkörper zwischen Flachdächern

So weit, so gut. Der Rest aber ist niederschmetternd. Denn rechtwinklig an den Verwaltungsbau mit Altstadtflair wird als Nachfolger des Altenheims das „Lebenshaus“ stoßen. Dieses wiederum, von GHP einige Jahre vor der neuen Altstadtbegeisterung konzipiert, wird als Zeilenbau mit Flachdach gestaltet, so, wie es vorgestern noch Trend der „Zweiten Moderne“ war. Das gilt auch für die Erweiterung eines Kindergartens auf dem Areal. Und inmitten dieses, gelinde gesagt, sperrigen Aufeinandertreffens konträrer Gestaltungen werden künftig die Renaissancereste des „Prinzen Carl“ als Solitär, besser: Fremdkörper, im Innenhof aufragen - ein grober Flickenteppich also statt einer Synthese aus Denkmal und Neuem.

Was hätte hier nicht alles entstehen können, würde der Turm als kostbares Erbe behandelt, das man behutsam und seiner einstigen Funktion gemäß einbezieht. Ist Reiffensteins „Ein sehr merkwürdiges Haus, sehr alt, das nach der Straße hin Türen besitzt, die mit gotischen Spitzbogen überdeckt sind“ nicht Anreiz genug, ebenbürtiges Neues zu schaffen? Ein „Lebenshaus“, das mit ähnlich originellen Lösungen den Turm umfängt? So aber wird man den ursprünglichen Charakter ins Gegenteil verkehren: statt eines mit überraschenden Winkeln, Durch- und Ausblicken aufwartenden Innenhofs wird ein bequem befahrbarer, übersichtlicher entstehen, wie es ihn zu Dutzenden in jeder deutschen Innenstadt gibt. Dass er mit einigen Satteldächern die gegenwärtige Retromode bedient, macht das Ganze nicht besser. Und dass ein originaler Renaissanceturm dieser Fassadenkosmetik das Gütesiegel der Geschichte aufdrückt, macht die Angelegenheit beschämend.

Im Labyrinth der Zuständigkeiten

Dies den Architekten anzulasten wäre ungerecht. Denn das gesamte Projekt ist symptomatisch für die Misere, die überall in Deutschland den Städtebau insbesondere in den Zentren kennzeichnet. Sie beginnt mit dem Gewirr der Zuständigkeiten, Bauordnungen und Ämter und endet noch lange nicht mit dem oft ungeschickten Vorgehen der Denkmalpflege.

Nehmen wir nur den schlichten Vorgang einer Straßen- und Platzgestaltung: Zuständig sind, jeweils blind für die Belange der anderen, Tiefbau-, Straßenbau-, Garten- und Planungsamt sowie die Bodendenkmalpflege. Schon ein minimaler städtebaulicher Eingriff also erfordert heute jene Zähigkeit, die einst Pyramiden in den Himmel wachsen ließ. Was am Ende solchen Gerangels steht, sehen wir leidvoll Tag für Tag, und was das für den Platz vor der Leonhardskirche bedeutet, der in die Baumaßnahmen einbezogen wird, ist unschwer auszudenken.

Rokoko für's Parkhaus

Aus demselben Grund verwundert es nicht, dass die wundersamen Reste des „Prinzen Carl“ nicht zum Mittelpunkt, sondern zum Anhängsel der Bau- und Gestaltungsmaßnahmen geworden sind, über die Raum- und Stadtplaner, Dezernenten, Bauherren, Denkmalpfleger, Architekten und Anwohner übereinkommen müssen. Frankfurt bietet diesbezüglich das vielleicht wüsteste Bild. Allein aber steht es damit nicht: Ob in München die mittelalterlichen Reste der „Alten Hofhaltung“ im Edeldesign einer Kauf- und Erlebnislandschaft aus entkernten Innenhöfen aufgegangen sind, ob in Nürnberg eine Rokokofassade zu Deutschlands edelster Parkhauseinfahrt degradiert wurde oder in Weimar drei Schritt vom historischen Marktplatz die Erdgeschossarkaden eines zerbombten Hauses, in dem Bach lebte, nun als Einfriedung eines Hotelparkplatzes dienen - Städtebau und -gestaltung stehen unter dem Diktat des blanken Nutzens und der betriebsblinden Bürokratie.

Zufriedenstellendes entsteht fast nur noch, wo Gestaltungssatzungen existieren: So, wie Europas Altstädte oder die Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts ihre Schönheit festen Regeln verdanken, danken es die Stadtkerne von Lübeck oder Münster, Freudenstadt oder Aachen solchen Reglements, dass sie ihre kriegszerstörte einstige Schönheit wenigstens teilweise wiedererlangten. Gestaltungssatzungen sind hierzulande jedoch längst Ausnahmen. Selbst das aber genügt, um die Bundesrepublik zum Dorn im Auge der EU zu machen: In Brüssel ficht man für ein uneingeschränktes Bauen. Dass die hemmungslos zerfledderte, entstellte belgische Hauptstadt eines der erschreckendsten Beispiele für die Zerstörungswut solchen ungeregelten Bauens darstellt, ficht die Erbauer des „europäischen Hauses“ offenkundig nicht im mindesten an.

Zuversicht ist fehl am Platz

Mit Recht also schaut man an Frankfurts Leonhardskirche beklommen in die Zukunft. Umso mehr, als dort schon die Weichen für weitere große Bauvorhaben gestellt sind: Zehn Schritt vom „Prinzen Carl“ entfernt stehen die Großbauten der einstigen Deutschen Gold- und Silber-Scheideanstalt Degussa leer (deren Bau nach 1945 übrigens so manches Denkmal kostete). Nach deren Abbruch sollen dort zwei Hochhäuser sowie Bürobauten und „Stadtvillen“ entstehen. Deren Gestaltung wird, nach allem, was bisher sichtbar ist, durchaus ansehnlich und neuesten Trends gemäß sein. Zuversicht? Nein, denn von den Plänen sind auch Denkmäler betroffen: ein (durch welchen damaligen Zufall auch immer) wunderbar als Altstadtkante proportionierter Degussa-Hochbau der frühen fünfziger Jahre, dazu ein 1937 entstandener Bau, der ein rares Denkmal klassischer Moderne während der NS-Diktatur ist, und das „Frauenpförtchen“, ein gotisches, zum Mainufer führendes winziges Stadttor, das 1944 durch die Bomben wieder zum Vorschein kam und 1952 in die Randbebauung des Geländes integriert wurde.

Man mag sich nicht ausmalen, was geschieht, wenn bald das Ringen um Nutzflächen, Ein- und Ausfahrten, Tiefgaragen und Fluchtlinien anhebt. Nicht Gestaltungssatzungen sind die wahren Zwänge unseres Städtebaus, sondern das Recht der Stärkeren, der Pragmatiker und Kalkulierer, das unter dem Deckmantel der Freiheit regiert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: GGP Architekten, Helmut Fricke F.A.Z., Henning Bode, Wonge Bergmann

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