Ob es sprachfreies Denken gibt, ist sicherlich nicht so einfach zu entscheiden. Aber gewiß kommt Wissenschaft nicht ohne Anschauung und Modelle aus. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß die Artikulation eigener Anschauungen einem in einer fremden Sprache bedeutend schwerer fällt. So objektiv ist das nämlich nicht, worauf man seine M odelle gründet - selbst wenn man Mathematiker ist.
Ich halte den Vorschlag, hierzulande Kongresse und Tagungen nicht in vorauseilendem Gehorsam auf Englisch abzuhalten, durchaus für legitim, möchte aber zur Durchstzung dessen keine Politiker als Compagnons eingesetzt wissen - zumal diese in der Regel mit dem Englischen wie mit der Wissenschaft gleichermaßen auf Kriegsfuß stehen.
Letzten Endes lebt Wissenschaft (hoffentlich) vom Austausch an Ideen, und das erfordert gegenseitiges Interesse anstelle von Hegemonialismus. Mag sein, daß das Englische grammatikalisch einfacher ist, aber mittels „LEO“ sieht man sehr schnell, wie wenig Englisch man eigentlich kann. Deutsch gestattet z.B. mittels Composita oder dem, dem Lateinischen nicht unahnlichem Satzbau, eine beträchtliche Menge an Ausdrucksmöglichkeiten, die - trotz einiger beruflicher Praxis - zumindest mir in Englsch nicht gegeben sind.
Das höre ich zum ersten Mal, daß Erinnern beim Denken behindert. Auweia.
»Naturwissenschaften und Wirtschaftsfragen sollten aus Gründen der geistigen Hygiene überhaupt nur auf Englisch erörtert werden.« AUS GRÜNDEN DER GEISTIGEN HYGIENE ! Man behalte diesen Satz im Gedächtnis. Vielleicht kommt ja einmal der Tag, an dem aus Gründen der geistigen Hygiene so richtig Reinegemacht wird und deutsche Hochschulen von deutschsprechenden Wissenschaftlern GEREINIGT werden. – Kommt einem leider bekannt vor.
Schämen Sie sich, Herr Schrey.
Teil II: Vielleicht erhöht diese Anglisierung die Zahl der (internationalen) Studierenden, KonferenzteilnehmerInnen, LeserInnen, Forschungsgelder oder es gibt den Status der Elite-Uni. Neben den Problemen, die Helmut Glück dargestellt hat, sehe ich aber noch ein Problem, das mit der Verdrängung der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache verknüpft ist. Meines Erachtens gibt es eine enge Wechselwirkung zwischen Deutsch als Wissenschaftssprache und Deutsch als Fremdsprache. Dies zeigt sich deutlich, wenn man als Germanistin im Ausland tätig ist. Wenn man als deutsche Deutsch-Lehrerin an einem deutschen Seminar an einer ausländischen Universität nur noch in der jeweiligen Landessprache mit seinen StudentInnen kommuniziert, seine Kurse über deutsche Kultur und Literatur ausschließlich auf Englisch anbietet und seine Wissenschaftsbeiträge kaum mehr in Deutsch verfaßt, erweist man der deutschen Sprache einen Bärendienst. Denn wenn der eigene Deutsch-Lehrer es nicht mehr für nötig hält, die deutsche Sprache weiter zu hegen und zu pflegen und in ihr neue Gedanken gedeihen zu lassen, warum soll man dann überhaupt noch Deutsch lernen? Die Pflege der deutschen Sprache und Kultur sollte im In- und Ausland eine Priorität sein.
(Teil I) Der Artikel von Helmut Glück bringt es in seltener Klarheit auf den Punkt. Er liest die Rufe nach einer neuen lingua franca kritisch. Englisch ist nicht mit Latein vergleichbar. Englisch ist eine Muttersprache: "Sie verschafft ihren Sprechern einen Vorteil, und sie benachteiligt alle, die andere Muttersprachen haben". Damit benachteiligt sie letztlich aber auch die Muttersprachler des Englischen, denn wer möchte schon immer von denen umgeben sein, die Helmut Glück hier in schöner Doppeldeutigkeit als BSE-Sprecher bezeichnet?! Geht man davon aus, dass die geistige Durchdringung eines Forschungsgegenstandes sprachgebunden ist und dass es sprachfreies Denken nicht gibt, dann ist die Sprachverödung (in diesem Fall des Deutschen) in jeder Wissenschaftsdisziplin ein Problem. Sie verschärft sich aber in den Fächern, in denen die Sprache selbst auf eine besondere Weise Gegenstand der Forschung ist. Sicherlich hat es einige Vorteile, zum Beispiel als Germanistin auch auf Englisch zu veröffentlichen. Aber was passiert, wenn mehr und mehr Seminare, Konferenzen, Sammelbände auf Englisch sind?
Unpräzise gedacht oder formuliert. Z.B. das Autofahren beweist das Gegenteil. Deshalb ist Handynutzung beim Fahren verboten.
Praktischer Beweis: Auf dem täglichen Arbeitsweg taucht in der Kurve plötzlich ein Bauwagen auf. Beim Bremsen schleudert der Wagen natürlich und "instinktiv" (Gene oder Hirn ? ) lenke ich gegen. Die kleine Schramme am Bauwagen interessiert die Bauleute nicht, aber ich bin bass erstaunt von meiner eigenen Denkleistung.
Denkfreie Sprache erleben wir jedoch täglich, im Fernsehen und anderswo, oft auch in sogenannten wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
Einen Aufsatz zu einem wissenschaftlichen Thema in englischer Sprache zu verfassen, gehört zu den eher leichteren Aufgaben, auch, wenn das zusätzlichen 'Transformations'-Aufwand bedeudet (der entgegen landläufiger Meinung überhaupt nicht zu vernachlässigen ist!). Sich hingegen auf Tagungen/Kongressen etc in Diskussionen ad hoc argumentativ mit anderen Positionen in fremder Sprache auseinanderzusetzen, erfordert schon viel mehr. Wenn man da nicht in der Muttersprache furmulieren kann (darf), verlieren die Argumente häufig an Gewicht, weil sie eben nicht so präzise 'rüberkommen' , wie wenn man sie auf Deutsch formlieren könnte (dürfte). Das bedeutet - besonders auf längere Sicht - einen strukturellen Vorteil für alle diejenigen, die muttersprachlich in der geforderten Wissenschaftssprache beheimatet sind - und deren Wissenschaftsstandort!!
Stimmt! Deutsch kann mehr als Englisch, wie Herr (vermutlich Prof.) Stötzner sagt und politische Unterstützung unserer Muttersprache fordert. Gut gebrüllt, Löwe! Aber ist es denn so einfach? Politische Einmischung geht schon in wirtschaftlichen Belangen meist schief; in kulturellen erst recht, siehe die Peinlichkeit namens Rechtschreibreform. Und wagte die Bundesregierung eine Initiative zur internationalen Bewahrung der deutschen Sprache in der Forschung, würde ihr das auf Grund bekannter Altlasten zweifellos als Nationalismus-Nostalgie ausgelegt.
Nach meiner Erfahrung steigt oder sinkt das Ansehen einer Sprache in der Wissenschaft mit der Qualität der Forschung in deren lingualen Heimatländern. (Am hehren Ludwig-Boltzmann-Institut der Uni Wien schleppten Chemiestudenten schon in den Siebzigern fast ausschließlich amerikanische und japanische Lehrbücher.)
Es ist die Ideologie, die Deutschlands Forschung und Wirtschaft auch sprachlich amputiert: Wer Gen-, Kern- und andere Zukunftstechnologien aus spätromantischer Sentimentalität so verteufelt wie die Bundesrepublik, darf sich nicht wundern, wenn junge Forscher geradezu panisch abwandern — vorzugsweise in englischsprachige Länder, wo sie naturgemäß auf englisch publizieren.
Ich glaube, daß es grundsätzlich von Vorteil ist, wenn man sich bei der Arbeit oder meinetwegen auch zu Forschungszwecken einer anderen Sprache bedient als der Muttersprache. Die Muttersprache begleitet einen schon sehr lange, und viele Erinnerungen und Assoziationen verbinden sich mit einzelnen Wörtern. Das ist manchmal hinderlich beim Denken. Naturwissenschaften und Wirtschaftsfragen sollten aus Gründen der geistigen Hygiene überhaupt nur auf Englisch erörtert werden.
Der Artikel analysiert sehr gut Ist-Zustand, Vorteile einer globalen Wissenschaftssprache und historische Entwicklungen. Und dann kommt er ploaetlich zum Schluss, dass man Deutsch als Wissenschaftssprache retten muss. - Warum? Einfach nur so? Weil Aussterben immer schlimm ist? Oder aus Neid auf den "Startvorteil" englischsprachiger Wissenschaftler? (Da deutsch dem Englischen nahe steht, haben wir Deutschen uebrigens auch einen betraechtlichen Startvorteil - z.B. im vergleich zu Japanern.)
Soll der Wunsch nach mehr deutsch in der Wissenschaft kein reflexartiges "frueher war alles besser" sein, sind Argumente gefragt. Die gibt es, aber sie sind meiner Meinung nach schwach im Vergleich mit den Vorteilen einer globalen Sprache (Englisch). Auch sollte man durchaus erwaehnen, dass all die wirklich tollen Grammatikfeatures, die wir im Deutschen haben, fuer Auslaender eine Tortour darstellen. Da ist Englisch nun mal einfacher.
Etwas anderes ist die Lehre: Grundlagen (Bachelorniveau) sollten auf deutsch unterrichtet werden (so wie es ja auch fast immer geschieht), damit die Studenten es auch problemlos verstehen, und weil die allermeisten ohnehin keine Forscher werden! - Und ausserhalb der Forschung gibt es noch genug Platz fuer Deutsch!
Deutsch ist als Wissenschaftssprache heute politisch bedrängt, also muß es politisch gefördert werden. Ein Aufgeben wäre, da stimme ich mit Nachdruck zu, eine unverantwortliche Verschleuderung geistigen Kapitals, Selbstaufgabe. Den Oettingers muß öffentlich und scharf widersprochen werden.
Beispiele aus eigenem Erleben. 1) »In German ›Wasserstoff‹ is so simple that everyone can understand, whereas in English ›oxygen‹ is not, you have to *learn* it first« – dies sagte ein englischer Kollege auf einer international besetzten Konferenz.
2) Ich bin Mitherausgeber und Autor einer auf Deutsch erscheinenden Fachzeitschrift (Orchideenfach: Signographie). Ich habe unter internationalen Kollegen mehrfach erlebt, daß man sich auf die Hefte gestürzt hat (Engländer, Skandinavier, Portugiesen…), als man den Inhalt gewahr wurde: neue Erkenntnisse, nirgendwo sonst nachzulesen. Daß die Aufsätze in Deutsch sind, hat niemanden abgeschreckt. 3) Ich deutsche selbst sehr oft englische Fachbegriffe ein, nicht selten entstehen dabei völlig neue Wörter. Durch Beugung und Kopplung hat das Deutsche gegenüber Englisch einen großen Vorteil bei der Begriffsbildung, das Textverständnis gewinnt mit jedem deutschen Ersatz für einen vermeidbaren Anglizismus.
