Deutsch als Wissenschaftssprache

Sprachfreies Denken gibt es nicht

Von Helmut Glück

25. April 2008 Die Spitzenforschung spricht Englisch, erklärte 1986 Hubert Markl, ein Naturwissenschaftler und Wissenschaftspolitiker. Inzwischen ist das auch in der Breitenforschung so, will man die Metapher aus der Welt des Sports aufgreifen: Auch in den unteren Rängen, selbst auf den Abstiegsplätzen, hat sich in vielen Fächern das Englische durchgesetzt. Wenn aber die gesamte Forschung Englisch spricht und schreibt, verdienen dann Forschungen noch ihren Namen, die auf Deutsch, Französisch oder gar Tschechisch publiziert werden? Kann solche Forschung mehr sein als provinziell oder „angewandt“? Soll man andere Sprachen als das Englische beim Vermitteln von Forschungsresultaten an Schüler und Studenten überhaupt noch verwenden? Ist das Deutsche, wie Günther Oettinger meinte, für die einheimischen Eliten nur noch eine „Feierabendsprache“, die sie zu Hause mit den Kindern und beim Schwätzchen über den Gartenzaun verwenden, sonst aber nicht?

Der Vorzug einer weltumspannenden Wissenschaftssprache liegt darin, dass die Sprachbarriere zwischen den Wissenschaftskulturen der Nationen wegfällt. Der chinesische Biochemiker kann sich direkt mit dem argentinischen Kollegen verständigen, der schwedische Astronom direkt mit dem ägyptischen. Dieser Vorteil wird außerhalb der anglophonen Länder dadurch erkauft, dass Wissenschaft in einer fremden Sprache betrieben werden muss. Viele glauben, das sei kein Problem. Das ist im Kleinen richtig: Die Verständigung im Labor, in der Arbeitsgruppe funktioniert so, die Mitteilung aktueller Arbeitsergebnisse im Internet oder in der Fachzeitschrift geht im spezialisierten Schrumpfenglisch des einzelnen Faches am raschesten. Je kleinteiliger die Forschung, umso überschaubarer die „community“, in der sie sich austauscht.

Wer nicht englisch publiziert, verliert

Der Vorteil des reibungslosen Austauschs hat allerdings Folgen. Wenn eine „community“ nur noch auf Englisch verkehrt, erleiden die dadurch ausgeschlossenen Sprachen Einbußen: Sie entwickeln keine neuen Terminologien mehr. Das führt dazu, dass man dort in diesen Sprachen nicht mehr forschen kann. Wenn sie terminologisch nicht weiterentwickelt werden, taugen sie nicht mehr als Wissenschaftssprachen. Deshalb unterhalten manche Fächer Terminologieausschüsse, die ihre Fachsprache auf Deutsch funktionsfähig halten soll, etwa die deutschen Chemiker.

In anderen Fächern hält man das für überflüssig. Viele deutsche Fachzeitschriften publizieren nur noch auf Englisch. Wissenschaftsfördernde Einrichtungen, auch in Deutschland, lassen in einigen Fächern nur Anträge zu, die auf Englisch abgefasst sind. Die Bundesregierungen fördern diese Entwicklung, indem sie, etwa über den Deutschen Akademischen Austauschdienst, die Universitäten „internationalisieren“. Was heißt das? Das Englische wird als Sprache der Lehre aktiv gefördert, der drohende fachliche Niveauverlust wird in Kauf genommen. Amerikanische Zitierindizes tun ein Übriges: Forschungsergebnisse, die nicht auf Englisch publiziert sind, werden dort konsequent ignoriert. Lehrbücher und Überblicksdarstellungen in deutscher Sprache sind in manchen Fächern rar geworden. Auf vielen Fachkongressen in Deutschland sind andere Sprachen als das Englische nicht zugelassen.

Vielsprachigkeit als Ballast?

Internationalisierung der Wissenschaften bedeutet ihre Anglisierung, ihre Reduktion auf eine einzige Sprache. Insoweit stehen sie dem europäischen Modell der (wenigstens rezeptiven) Mehrsprachigkeit entgegen. Der herkömmliche Begriff der Bildung umfasst in Europa Kenntnisse der Schulsprachen. Das Drei-Sprachen-Abitur ist eine Grundlage unseres bürgerlichen Bildungskonzepts. Die Anglisierung der Wissenschaften lässt Bemühungen um die Kenntnis anderer Sprachen als Ballast erscheinen. Sie gefährdet eine Tradition, auf der das geistige Leben des Landes beruht.

Manche meinen, die neue Einheitssprache der Wissenschaften repariere einen folgenschweren historischen Unfall, der darin bestehe, dass sich die Wissenschaften seit dem siebzehnten Jahrhundert „nationalisiert“ hätten. Die humanistische Gelehrtenwelt der frühen Neuzeit sei universal gewesen, weil sie im Lateinischen ihre gemeinsame Sprache gehabt habe, und dieser Idealzustand liege heute wieder in erreichbarer Nähe. Doch war das reformierte, streng geregelte Latein der Humanisten niemandes Muttersprache. Jeder Interessent musste es mühsam erlernen, denn es war der einzige Zugang zu Wissen und Bildung und ein enges Türchen zu sozialem Aufstieg.

Die Ausgangslage war für alle dieselbe: Man musste fehlerfrei Latein sprechen und vor allem schreiben können, wenn man als Wissenschaftler reüssieren wollte. Englisch hingegen ist eine Muttersprache. Sie verschafft ihren Sprechern einen Vorteil, und sie benachteiligt alle, die andere Muttersprachen haben. Das beginnt sich zu rächen. Das Latein der Humanisten war stilistisch ausgefeilt und meist sprachlich wie gedanklich elegant, auch wenn sie es verschieden aussprachen. Das globale Wissenschafts-Englisch hingegen wird inzwischen als BSE (“bad simple English“) verspottet.

Sprachgebundenheit der Erkenntnis

In vielen Wissenschaften ist die Sprache das entscheidende Mittel des Erkenntnisgewinns, denn Sprache und Denken sind voneinander nicht zu trennen. Sprache ist nicht nur ein „Werkzeug“. Die geistige Durchdringung eines Forschungsgegenstandes ist sprachgebunden, sprachfreies Denken gibt es nicht.

Der Weg zur Wissenschaftssprache Deutsch war dornig und langwierig. Im fünfzehnten Jahrhundert fing man damit an, Volkssprachen in Wissensgebieten zu verwenden, die bis dahin nur auf Lateinisch zugänglich gewesen waren. Das Deutsche verfügte gar nicht über die Wortschätze, die man brauchte, um über das betreffende Wissensgebiet sprechen oder schreiben zu können. Man musste deshalb Wortimport betreiben (meist aus dem Lateinischen) und neue Wörter prägen. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert begannen humanistische Gelehrte damit, deutsche Ausdrücke für wissenschaftliche Gegenstände vorzuschlagen. Sie erfanden Hunderte von Verdeutschungen, die sie in der Gestalt von Synonymen vortrugen. So entstanden tastend, als Vorschläge, der Öffentlichkeit zur Prüfung vorgelegt, viele Terminologien, die man brauchte, um Wissenschaften und öffentliche Angelegenheiten auf Deutsch betreiben zu können.

Nationalisierung der Wissenschaftssprache

Im Hörsaal gibt es seit dem sechzehnten Jahrhundert Versuche, auf Deutsch zu lesen. Pioniere der Vorlesungssprache Deutsch wie Tilemann Heverling in Rostock, Thomas Murner oder Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, an der Universität Basel hatten allerdings nur wenige Nachahmer. Noch 1687 verursachte Christian Thomasius in Leipzig einen Skandal, weil er eine philosophische Vorlesung auf Deutsch ankündigte.

Im achtzehnten Jahrhundert gingen in ganz Europa die Wissenschaftler zu den Nationalsprachen als Wissenschaftssprachen über, so auch in Deutschland. Es war die große Zeit der empirischen Wissenschaften, der Akademien, der gelehrten Gesellschaften, der ersten Enzyklopädien und Fachzeitschriften. Dieser Prozess beruhte auf der Erkenntnis, dass man auch in anderen Sprachen als dem Lateinischen forschen, argumentieren, beschreiben und dichten könne, und das alles womöglich besser, direkter und authentischer als auf Lateinisch.

Die Wissenschaft „dem Volke“

Es ist kein Zufall, dass das klassische Zeitalter der deutschen Philosophie und Literatur zwischen 1780 und 1830 auch den definitiven Durchbruch der Wissenschaftssprache Deutsch mit sich brachte. Um 1800 war es eine Selbstverständlichkeit geworden, dass in Deutschland auf Deutsch geforscht wurde. Hegels Meinung, dass die Wissenschaft „dem Volke“ angehören solle und dass dies nur möglich sei, wenn es in der Sprache des Volkes geschehe, mag heute altväterlich erscheinen; zu Hegels Zeiten gab es weder die DFG noch das Internet. Immerhin finanziert heute das Volk über seine Steuern einen Großteil des Wissenschaftsbetriebs, auch den, der sich aus seiner Sprache verabschiedet hat.

Das Deutsche machte im neunzehnten Jahrhundert neben dem Französischen und dem Englischen Karriere als Weltsprache der Wissenschaften. Dies war das Jahrhundert der Naturwissenschaftler und der Ingenieure, aber auch der Imperialismen, und das färbte auch auf die Sprachen ab. Die Konkurrenz der europäischen Mächte um die Weltherrschaft war auch eine Konkurrenz ihrer Sprachen im internationalen Verkehr.

Deutsch im Exil

Die Wissenschaftssprache Deutsch verlor ihre Weltgeltung nach dem Ersten Weltkrieg und wurde außerhalb Mitteleuropas fast überall zur „Feindsprache“. Man verbot, wie in Russland, ihren Gebrauch, hörte auf, sie in den Schulen zu lehren, wie in Nordamerika, man stigmatisierte sie als die Sprache von Barbaren, wie in Großbritannien und Frankreich.

Den Garaus machte ihm schließlich das nationalsozialistische Deutschland, und zwar auf zweierlei Weise. Zum einen ruinierte es durch seine Verbrechen das Ansehen der Deutschen und ihrer Sprache auf der ganzen Erde. Das Deutsche wurde zu jener Sprache, in der KZ-Häftlinge geschunden und in ganz Europa herumgebrüllt wurde. Zum anderen verjagte das nationalsozialistische Regime 1933 viele maßgebliche Wissenschaftler aus Deutschland und 1938 auch aus Österreich. Nur wenige von ihnen kehrten nach 1945 zurück. Zwar gab es Gelehrte, die in ihrer neuen Heimat ihrer Muttersprache verbunden blieben, etwa der Chemiker Erwin Chargaff. Meist nahmen sie aber die Sprache ihres Exillandes als Wissenschaftssprache an, und das war häufig das Englische. Auf diese Weise hat das nationalsozialistische Deutschland bewirkt, dass die Wissenschaften in Deutschland und mit ihnen die Wissenschaftssprache Deutsch entscheidend geschwächt wurden.

Deutsch als Kongresssprache

Was ist zu tun? Die Wissenschaftssprache Deutsch kann nur dann erhalten werden, wenn in Deutschland maßgebliche Forschungsergebnisse erarbeitet werden. Nur dann werden Forscher in anderen Ländern Anlass haben, deutsche Publikationen zur Kenntnis zu nehmen - auch in deutscher Sprache. Wenig sinnvoll wäre es, die Wissenschaften durch staatliche Maßnahmen zur Verwendung einer bestimmten Sprache zu zwingen. Bei Tagungen in Deutschland sollte das Deutsche als Kongresssprache nicht nur zugelassen, sondern gefördert werden. Die akademische Lehre sollte grundsätzlich auf Deutsch erfolgen, schon weil muttersprachliche Lehre bessere Lernerfolge ermöglicht. Lehrbücher sowie Überblicksdarstellungen und Lexika sollten in jedem Fach auf Deutsch greifbar sein oder wieder werden. Günther Oettingers Vorhersage, dass das Deutsche auf dem Weg zur Haus- und Familiensprache sei, sollte widerlegt werden.

Die Wissenschaftssprache Deutsch ist eine Errungenschaft, an der Generationen von Gelehrten fünfhundert Jahre lang gearbeitet haben. Ihr Niedergang bedeutet die Verschleuderung eines immensen geistigen und materiellen Kapitals, das über Jahrhunderte hinweg angesammelt worden ist. Es darf nicht von einer einzigen Generation verjuxt werden.

Helmut Glück, geboren 1949, lehrt Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bamberg.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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Frankreich

Versailles hat sein goldenes Königstor zurück

 
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