Die Akte Kurras

Der Schuss, der die Republik veränderte

Von Stefan Aust

Eine studentische Demonstration drei Tage nach Benno Ohnesorgs Tod am 2. Juni 1967

Eine studentische Demonstration drei Tage nach Benno Ohnesorgs Tod am 2. Juni 1967

24. Mai 2009 Kein Zweifel: der tödliche Schuss aus der Waffe des Polizisten Kurras hat den Terrorismus in Deutschland gefördert wie kaum ein anderes Ereignis davor und danach. Die Militanz der studentischen Protestbewegung, die später in Gewalt und Terror umschlug, nahm an diesem Tag ihren Ausgang. Der 2. Juni war ein Meilenstein auf dem Weg in den Terror.

Jetzt, mehr als vierzig Jahre danach, ist die Enthüllung, dass der Westberliner Polizeibeamte Kurras Mitglied der Ostberliner SED und Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit war, ein Wendepunkt historischer Betrachtung - nicht nur des 2. Juni und der Studentenbewegung, sondern auch der des Terrorismus und des MfS. Auch wenn bisher kein Hinweis darauf gefunden wurde, dass Kurras quasi im dienstlichen Auftrag der Stasi handelte, als er auf den harmlosen Studenten schoss.

Sollten die Studenten auf die Barrikaden getrieben werden?

Karl Heinz Kurras bei seinem Prozess wegen des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg.

Karl Heinz Kurras bei seinem Prozess wegen des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg.

Kurras war offenbar ein überzeugter Anhänger des DDR-Sozialismus, aus seinen Berichten wird deutlich, dass er eifrig, gehorsam und skrupellos seinen Spitzeldiensten im Auftrag Ost-Berlins nachging. Er war Waffenfreak, bekam von seinen Dienstherrn sogar das Geld für eine zusätzliche Pistole. Er vertrieb seine Zeit auf Schießplätzen, war also offenbar ein versierter Pistolenschütze.

Einem solchen Mann soll die Pistole aus Versehen losgegangen sein? Das ist nicht wahrscheinlicher als es damals war, als Kurras vor Gericht stand. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass er in der Masse rebellierender vorwiegend linker Studenten gleichsam „unter Freunden und Genossen“ war, lässt seine Aussagen vor Gericht, er habe sich bedroht gefühlt noch unwahrscheinlicher erscheinen.

Polizei und Rettungskräfte beim Abtransport des erschossenen Benno Ohnesorg

Polizei und Rettungskräfte beim Abtransport des erschossenen Benno Ohnesorg

Was also war sonst sein Motiv? Man wagt sich kaum, es auszusprechen. Aber die Frage muss notwendigerweise gestellt werden: Gab es in Ost-Berlin ein Interesse daran, die Auseinandersetzungen in Westberlin anzufachen und die Studenten durch spektakuläre Aktionen richtig auf die Barrikaden zu treiben? Ihnen zu helfen, einen weiteren Anlass für die „Gegengewalt“ zu geben?

Hat man sehenden Augen in Kauf genommen oder sogar befördert, dass sich in der Bundesrepublik der Terrorismus ausbreitete? War das Ziel der Destabilisierung der Bundesrepublik Deutschland in diesen Zeiten des Kalten Krieges so weit im Focus des MfS, dass man Mord, Totschlag und Entführung direkt oder indirekt förderte? Es würde ins Bild der bisherigen Erkenntnisse zur Kumpanei zwischen RAF und Stasi passen, aber über das bekannte weit, weit, hinaus gehen.

Kurras als Aktivist in ständiger Bereitschaft?

Karl Heinz Kurras war der klassische Agent Provokateur, auch wenn er nur fahrlässig gehandelt haben sollte. Öl ins Feuer zu gießen war schon immer die Taktik geheimdienstlicher Operationen in Ost und West. Es wäre nicht das erste und einzige Mal bei der Entwicklung politischer Gewalt und Deutschland und anderswo.

Natürlich werden sich die Apologeten der untoten DDR und ihrer Staatssicherheit melden und sich entschieden dagegen verwahren, dass dem sozialistische Staat nun auch noch die Schuld am Tod Benno Ohnesorgs und am gesamten Terrorismus in die Schuhe geschoben werden soll.

Man wird achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass Kurras als Stasi-Agent gearbeitet hat und wird - ganz im Gegensatz zu damals - den Beteuerungen glauben, die Waffe sei ganz aus Versehen losgegangen.

Die Akte Kurras zeigt allerdings ein paar Merkwürdigkeiten, die mit einer bloßen Spitzeltätigkeit nicht ganz abgedeckt sind. Er hat ungewöhnlich viel Geld von der Stasi bekommen. Er war Mitglied der SED, er bekam das Geld für eine weitere Pistole von seinem Führungsoffizier.

All dies deutet darauf hin, dass man ihn nicht nur als Quelle, sondern als Aktivisten, wann und wofür auch immer, einzusetzen gedachte oder auch eingesetzt hat. Das MfS war eben „allzeit bereit“ für den „Mob“-Fall, den Mobilisierungsfall, für den es fertige Pläne von Internierungslagern nebst Insassenliste gab.

Die Stasi ließ sie gewähren

Es spricht nicht für die Westberliner Polizei und schon gar nicht für den Verfassungsschutz, dass ein Agent wie Kurras so viele Jahre unentdeckt bleiben konnte und nicht einmal der Prozess mit all seinen Merkwürdigkeiten Anlass zur Untersuchung gab.

Dass die Stasi auf dem Weg in die politische Gewalt Handlangerdienste leistete, ist nicht neu. Schon unmittelbar nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus der Haft im Mai 1970 ließ die DDR die Truppe um ihn unbehelligt zum Ostberliner Flughafen Schönefeld reisen, um von dort aus in den Nahen Osten zu fliegen.

Bei der Rückkehr aus einem Palästinenserlager, wo die Kerntruppe der RAF ein militärisches Training absolviert hatte, wurden Gruppenmitglieder von MfS-Mitarbeitern in Ostberlin abgefangen und verhört. Nachdem sie brav zu Protokoll gegeben hatten, wie ihre richtigen Namen lauteten, wer zur Gruppe gehörte und was die künftigen Pläne waren, gab man ihnen ihre Pistolen wieder und ließ sie nach Westberlin ausreisen.

Die Unterlagen sind heute bei der Gauck-Behörde einzusehen. Daraus geht auch hervor, dass die Gruppe die alliierten Stadtkommandanten entführen wollte und Anschläge auf das Berliner Springer-Haus plante. Die Stasi ließ sie gewähren.

Ein kleiner Beitrag zur Terrorbekämpfung

Später beherbergte das MfS sogar RAF-Aussteiger in der DDR, gab ihnen neue Namen und Identitäten und schützte sie so vor der Verfolgung durch bundesdeutsche Ermittler. Diese Aktion kann man immerhin noch als einen gewissen Beitrag zur Austrocknung des Terrorismus betrachten. Schließlich gab es jetzt einen Zufluchtsort für kampfesmüde Gruppenmitglieder, der es ihnen schmackhaft machte, den Untergrundkampf zu beenden ohne dafür lebenslang in einem bundesdeutschen Gefängnis zu verschwinden.

Allerdings erlaubte das MfS auch aktiven RAF-Mitgliedern aus der Bundesrepublik, in der DDR Urlaub vom Terror zu machen, nebenbei auf Truppenübungsplätzen der Nationalen Volksarmee Schießübungen zu veranstalten und sich anschließend wieder zur Fortsetzung des Kampfes in den Westen zu begeben.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Rolle von Inge Viett. Sie gehörte zur terroristischen „Bewegung 2. Juni“, benannt eben nach dem Todestag von Benno Ohnesorg. Später schloss sie sich RAF an und stellte noch später den Kontakt zur Stasi her, um für sich selbst und andere die Möglichkeit zum Untertauchen in der DDR zu eruieren.

Als sie selbst unter neuem Namen in der DDR lebte, spitzelte sie nebenbei als IM für das MfS. So schloss sich der Kreis. Es wäre interessant zu erfahren, welche Entschuldigungen sie heute für den Stasi-Kollegen Kurras finden würde, dessen Tat sie vor 42 Jahren mit auf den Weg in den terroristischen Untergrund gebracht hat.

Der Prozess müsste neu aufgerollt werden

Das wichtigste an dieser epochalen Enthüllung aber ist, ob und wenn ja welche Hintergründe es für den unbeabsichtigten Todesschuss auf Benno Ohnesorg gegeben haben könnte. Immerhin stellt sich der Fall im Lichte der neuen Aktenerkenntnisse anders das als 1967. Da wäre sicher zu überprüfen, ob es nicht eine Neuauflage des Prozesses geben müsste.

Im Gegensatz zu damals geht es heute nicht mehr nur um Kurras sondern auch um jene, die ihn geführt haben - wohin auch immer.

Stefan Aust war bis 2008 Chefredakteur des „Spiegel“. Sein Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ wurde zur Grundlage des gleichnamigen Films, den Bernd Eichinger produzierte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Im Gespräch: Uwe Timm

Es wäre trotzdem zur Protestbewegung gekommen

Zwei Freunde: Benno Ohnesorg (rechts) und Uwe Timm

Muss die Geschichte der Radikalisierung der deutschen Gesellschaft neu bewertet werden? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Uwe Timm über seinen Freund Benno Ohnesorg, die Studentenbewegung und Karl-Heinz Kurras.

Kontrafaktische Geschichte

Hätten wir das gewusst

Politisierung eines Todes: Protestmarsch in München nach der Tötung von Benno Ohnesorg

Wie wäre die Geschichte der Bundesrepublik verlaufen, hätte man damals gewusst, dass der Polizist Jens Kurass im Dienst der SED stand, als er Benno Ohnesorg erschoss? Manche Radikalisierung wäre uns erspart geblieben. Von Lorenz Jäger

Ohnesorgs Todesschütze

Kurras gesteht IM-Tätigkeit

“Was macht das schon, das ändert nichts“, sagt Kurras heute zu seiner Stasi-Tätigkeit

Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, hat zugegeben, für die Stasi gearbeitet zu haben und Mitglied der SED gewesen zu sein. Der zufällige Fund der Kurras-Akte hat die Forderung belebt, die Birthler-Behörde in das Bundesarchiv zu überführen. Von Mechthild Küpper, Berlin

Der Fall Ohnesorg

„Falsche Vorsicht in der Stasi-Unterlagenbehörde“

Die Enthüllungen über die Stasi-Vergangenheit des Todesschützen von Benno Ohnesorg haben die Debatte über die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte neu entfacht. Forscher unterstellen nun der Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, brisante Akten nicht systematisch genug erschließen zu lassen.

Deutsch-deutsche Geschichte

Der Stasi-Faktor

Der Leichenwagen mit dem Sarg von Benno Ohnesorg an der deutsch-deutschen Grenze am 8. Juni 1967 in Helmstedt auf dem Weg nach Hannover

Wie groß war der Einfluss der Stasi auf das Geschehen in Westdeutschland? Der jüngsten Erkenntnisse sollten Anlass zum Nachdenken über die Tragweite des Wirkens des SED-Regimes und seiner Geheimpolizei sein. Von Jochen Staadt, Berlin

Tod durch Polizeischuss

Warum starb Benno Ohnesorg?

Der Student Benno Ohnesorg wurde am 2. Juni 1967 von dem Kriminalbeamten Kurras erschossen

Der Tod des Studenten Ohnesorg radikalisierte die akademische Jugend, weil der Täter so gut ins Bild zu passen schien. Doch nun stellte sich durch einen Aktenfund heraus, dass der Todesschütze Kurras SED-Mitglied war. Von Mechthild Küpper

Stasi-Spion erschoss Ohnesorg

Strafanzeige gegen den Todesschützen

Brisanter Fund im Archiv: Das SED-Mitgliedsbuch von Karl-Heinz Kurras

Die Berliner Justiz prüft, Ermittlungen wegen Mordes gegen den früheren Polizisten Karl-Heinz Kurras aufzunehmen, der am 2. Juni 1967 in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg aus nächster Nähe erschoss. Nach jüngsten Erkenntnissen war Kurras Mitglied der SED und Stasi-Spion.

Der Fall Ohnesorg

Wendepunkt für Otto Schily

Ohnesorgs Tod erschütterte Schilys Weltbild

Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg im Juni 1967 fanatisierte weite Teile der Studentenbewegung. Das Ereignis hat auch Otto Schilys Lebenslauf geprägt. „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit ging den Bach runter“, sagt der frühere Salonmarxist. Von Peter Carstens.

Benno Ohnesorg

Dieser Tag hat die Republik verändert

Benno Ohnesorg starb kurz nach Erreichen des Krankenhauses

Was bedeutete der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in West-Berlin? Der Autor Uwe Soukup hat das vier Jahre lang erforscht, Archive ausgewertet, Zeitzeugen befragt. Das Ergebnis ist die Geschichte einer folgenreichen Eskalation.

Rudi Dutschke

Er glaubte zu meinen, was er sagte

Rede im abgewetzten Ringelpullover

Vor 40 Jahren wurde Rudi Dutschke angeschossen. Dabei verlor der sogenannte Wortführer der Studentenrevolte für einige Zeit seine wichtigste Waffe: die Sprache. Von Timo Frasch

Frühjahr 1968 in Frankfurt

„Geht nach Hause und macht die Revolution“

Zeichen der Zeit: umbenannte Johann Wolfgang Goethe-Universität

Frühjahr 1968: In Frankfurt demonstrieren die Studenten. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke brechen die „Osterunruhen“ aus. Statt Argumenten dominieren Parolen - und immer öfter auch die Gewalt. Von Thomas Kirn