Von Wolfgang Herrmann
24. August 2005 Die Bildungspolitik ist der zentrale Hebel des marktwirtschaftlichen Systems. Wenn es die Politik mit dem Wettbewerbsfaktor Wissenschaft wirklich ernst meint, dann muß sie an der unternehmerischen, dem Staat verpflichteten Universität interessiert sein. Dort werden die kommenden Generationen am wissenschaftlichen Gegenstand ausgebildet. Dort ereignet sich weit überwiegend der wissenschaftliche Fortschritt Deutschlands. Als nachgeordnete Behörde aber hat die Universität im internationalen Wettbewerb keine Chance.
Steuerungshebel des Wettbewerbs sind die Auswahl der Studierenden durch die Universität, Studienbeiträge als Drittmittel für die Lehre nach dem Prinzip Leistung und Gegenleistung und die ergebnisorientierte Hochschulfinanzierung unter Wegfall der wissenschafts- und wettbewerbsfeindlichen Kapazitätsverordnungen. Die ZVS gehört als planwirtschaftliches Instrument nicht in unsere Zeit. Abschaffen!
Keine Einheitsgehälter mehr
Zum modernen Handwerkszeug gehört ein kaufmännisches Hochschulrechnungswesen, das unternehmerische Transparenz schafft. Namentlich in den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Medizin müssen Universitäten rasch und flexibel auf internationale Entwicklungen reagieren, wenn sie die Zentren des wissenschaftlichen Fortschritts bleiben wollen. Dazu brauchen sie neben Geld auch handlungsfähige Strukturen und Organisationsformen. Über die bewährten Modelle hinaus braucht es den Mut zur Erprobung privatrechtlich verfaßter Universitäten unter staatlicher Aufsicht. Da darf es keine staatlich verordneten Stellenpläne und Einheitsgehälter mehr geben, typische Dienstleistungen wie Wohnungen für Studenten und Gastwissenschaftler gehören in die Hand der unternehmerischen Universität. Arbeitsverträge für Wissenschaftler müssen zeitlich und finanziell frei gestaltbar sein.
Als nachgeordnete Staatsbehörde wird die deutsche Universität die unternehmerischen Kräfte nie entwickeln, die sie im internationalen Wettbewerb so dringend braucht. Dann wird sie auch keine solidarische Werte- und Leistungsgemeinschaft, deren Mitglieder sich lebenslang einander verpflichtet fühlen und ihre Alma mater unterstützen. Um so mehr liegt es im Interesse des Staates, den Wettbewerb als Prinzip der Wissenschaft auch auf die institutionelle Verfassung der Universitäten anzuwenden. Hier hat sich das Hochschulrahmengesetz als ebenso hinderlich erwiesen wie eine Kultusministerkonferenz, die sich mittels des Einstimmigkeitsprinzips dahinschleppt.
Deutsche Universitäten im Ausland
Hinbekommen muß eine neue Bundesregierung eine zeitgemäße Hochschul- und Studienfinanzierung. Das Studium muß einen vom Elterneinkommen unabhängigen Finanzrahmen bekommen. Dazu gehört die Neuordnung des allgemeinen Steuerrechts, der Transferleistungen (etwa Kindergeld) und des Bafög. Das Stiftungssteuerrecht muß so attraktiv werden, daß private Vermögen vermehrt zu den Hochschulen finden. Bund und Länder müssen den Föderalismus schnellstens neu definieren und dürfen dabei nicht übersehen, daß international wettbewerbsfähige Forschung vielfach nur im länderübergreifenden Verbund zu leisten ist. Die Fähigkeit von Bund und Ländern zur Allianzbildung sollte sich an der gezielten Gründung deutscher Universitäten im Ausland zeigen, wie wir sie als Brückenköpfe der Internationalisierung brauchen. Spätestens beim direkten Vergleich mit Auslands-Dependancen von Harvard, MIT und Insead werden die letzten Zweifler erkennen, daß das deutsche Behördenmodell ineffizient und nicht mehr zeitgemäß ist.
Was eine neue Bundesregierung dringend braucht, sind Vorbilder, die der verbreiteten German Angst vor dem Neuen begegnen, insbesondere der Angst vor neuen Technologien. Wir brauchen Regierungen der überzeugten und aufrechten Zukunftsgestalter, die kontraproduktiven Restriktionen - siehe Gentechnikgesetz/Stammzellenforschung und Energiepolitik - den Kampf ansagen. Die neue deutsche Politik muß Europa ganz groß schreiben, aber die Bürokratien ganz schlank machen.
Der Verfasser ist Präsident der TU München.
Text: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
Open mike in Berlin: Nicht ohne meinen ![]()
Botticelli-Ausstellung in Frankfurt: Die tugendhafte Nymphe, wer wünschte sie sich nicht?
Im Dialog mit meinem Rasierspiegel habe ich
Blindflieger: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle reiht Peinlichkeit an Peinlichkeit