Familien

Sie leben von uns

Von Gabriele Dietrich

02. März 2005 Ein altes Foto zeigt ein Kind auf einer Wippe. Verwandte sagen: Das bist du. Niemand kennt sich noch aus seinen ersten Jahren, niemand weiß, wie er laufen und sprechen gelernt hat. Die eigene frühe Kindheit findet man im Bauch, in der Brust, man spürt ihr mit den Sinnen nach.

Im Kopf jedenfalls ist sie nicht. Schichten verschwommener Eindrücke aus Erzählungen, Fotografien und alten Super-8-Filmen überlagern sich. Was davon sind Erinnerungen? Alle Sinne waren damals offen für Geräusche, Gerüche, Bilder, Berührungen, Seligkeit, Angsteinflößendes.

Mach mal die Augen zu und halte die Hände auf, sagt jemand, und dann spürst du plötzlich wieder das warme Fell des jungen Kaninchens auf der Haut und das Pochen seines flatternden Herzens. Unwillkürlich öffnet das Nachspüren größere Räume. Oben am Hang ein grauer Schuppen mit hohen Brennesseln am Tor, zwei Mädchen stehen wartend daneben. Angst steigt den Nacken hoch. Warum? Das nagelnde Prasseln von Regen auf ein Blechdach und man selbst geschützt darunter. Die roten Flecken der heimlich gepflückten Erdbeeren auf dem hellen Kleid, die alles verrieten. Das triumphale Glücksgefühl auf den Schultern des Vaters beim Nachhauseweg durch eine Sternennacht. Die Mutter fröhlich plaudernd an seinem Arm.

Grenzenloses Vertrauen

Kleine Kinder nehmen in grenzenlosem Vertrauen alles unterschiedslos an, denn sie wissen nicht, was ihnen schadet oder nützt. Ein ähnlich grenzenloses Vertrauen scheinen immer mehr Eltern in das wechselnde Personal von Kinderkrippen zu haben. Das ist verwunderlich, denn Kinderärzte und -psychologen predigen seit mehr als hundert Jahren, daß Kleinkinder eine feste, kontinuierliche Bindung mit viel Liebe und Geborgenheit brauchen und bei der Trennung von der Mutter seelische Schmerzen erleiden, die ihr Innenleben nachhaltig verstören können.

Als überholtes Gedöns kann man das kaum abtun, denn die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigen nicht nur diese alte Lebenserfahrung, sie gehen noch darüber hinaus. „Sozioemotionale und intellektuelle Fähigkeiten“, so ist das Fazit einer neurobiologischen Untersuchung der Universität Magdeburg an Säugetieren, hingen ab von der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung im frühen Lebensalter. Eine Unterbrechung dieses Kontaktes führe zu synaptischen Veränderungen im Gehirn und spiele bei „emotionalem Verhalten, Lernen und Gedächtnisbildung“ eine grundlegende Rolle.

Die nichtstoffliche Ernährung

Bei den Kleinsten haben die Wege der Verständigung zunächst mit Sprache wenig zu tun, eher mit Lauten und Satzmelodien, welche die Tätigkeiten im ganz normalen Alltag begleiten. Stimmungen, Spannungen, Aufgeregtheiten, Fröhlichkeit sind die Hauptseminare der Kinder. Diese nichtstoffliche Ernährung ist für Kleinkinder so wichtig wie Essen und Trinken.

So wie sich Pflanzen für ihr Gedeihen Mineralstoffe aus dem Boden holen, ziehen sich die Kinder sie aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Da kann nur die beste Nahrung gut genug sein, denn sie muß für ein ganzes Leben reichen. Alles, wirklich alles, was im Umfeld kleiner Kinder auf ihre Sinne einwirkt, durchströmt sie bis in die Fingerspitzen, formt sie bis in die Gehirnstrukturen hinein, beeinflußt ihre Intelligenz, ihr Temperament und mischt sich mit all den Veranlagungen, die sie schon in die Welt mitgebracht haben.

Ihre Chiffren für die Welt

Die etwas älteren Kinder beobachten, wie die Erwachsenen um sie herum auf andere Menschen zugehen, wie sie Tiere oder Pflanzen behandeln, wie sie ihr Fahrrad reparieren, wie sie Gemüse schneiden, ob sie andere ausreden lassen oder ihnen ins Wort fallen, ob sie abfällige Bemerkungen über Besucher machen, sobald diese das Haus wieder verlassen haben, wie ihre Eltern streiten und wie sie reagieren, wenn etwas mißlingt - das sind ihre negativ oder positiv besetzten Chiffren für die Welt.

Es gibt Halbwahrheiten, die fast widerspruchslos gegen alles bessere Wissen verbreitet werden und vermutlich unzählige junge Eltern unsicher werden lassen. Die Statistik zeige, daß Hausmütter oder -väter mit ihren Kindern nicht länger spielten als Berufstätige. Das mag sogar sein. Sie zeigen ihnen nicht, wie man Bauklötzchentürme baut, sie zeigen ihnen die Vielfalt des Lebens. Spielend ahmen die Kinder alle Eindrücke nach, begreifen sie mit den Händen und bilden so lebendige Begriffe.

Kinder sind meist anders

Wer seinen Kindern beim Spielen zuschaut, schaut sich selbst zu, und manchem werden gewisse Gewohnheiten überhaupt erst bewußt, wenn er sie in dieser karikierten Form gespiegelt sieht. Wem es gelingt, das eigene Verhalten so zu ändern, daß es des Nachahmens wert ist, hat für sich selbst etwas dazubekommen. Kinder erziehen einen schon allein dadurch, daß sie selten so sind, wie man gedacht hat, daß sie seien. Das kann eine sehr heilsame Erfahrung sein, die sich in Selbsterkenntnis verwandeln läßt.Vermutlich ist ein Kind erst dann wirklich zu verstehen, wenn man sich selbst verstanden hat.

1933 mußte Alfred Kerr mit Frau und zwei Kindern ins Ausland fliehen. Man kann nur ahnen, was es für den angesehenen Theaterkritiker bedeutet haben muß, alles hinter sich zu lassen und weitgehend mittellos seine Familie als Flüchtling durchzubringen. Kerr war unübersetzbar und verlor mit seiner Sprache die berufliche Existenz. Dennoch war den Eltern Kerr das Land der Kindheit so heilig, daß sie selbst unter diesen Umständen ihren Kindern ein positives Weltbild vermitteln konnten. Ihre Tochter Judith erzählte später, sie und ihr Bruder waren überzeugt, es sei „wunderbar, ein Flüchtling zu sein“.

Die Haltung eines mutlosen Menschen

Für ein vielleicht sechsjähriges Mädchen aus dem Magdeburg unserer Zeit gab es längst nichts Wunderbares mehr in dieser Welt. In einer Fernsehreportage wurde es befragt, was es sich am allermeisten wünsche. Mit tiefbekümmertem Gesicht, mit hängenden Armen und der typischen Haltung eines mutlosen Menschen sagte es, es wünsche sich, „daß meine Mutti nicht mehr arbeitslos ist“.

Wenn bei uns ein Kind auf die Welt kommt, scheint es nur noch Probleme zu geben. Verpaßte Chancen im Beruf, Speckrollen an den Hüften, das ewige Windelwaschen, das einen nun wirklich nicht ausfüllt, und männliche Versagergefühle beim Kinderwagenschieben. Es wird kokett erwogen, ob der Wunsch nach Kindern nicht eigentlich „soziopathisch“ sei. Beim Kreisen um den eigenen Bauchnabel geraten die Bedürfnisse der Kinder in Vergessenheit.

Die Kleinsten verstehen nichts

Sie tauchen dann auf, wenn es darum geht, wo sie am besten untergebracht werden könnten. Als geeignete Orte gelten neuerdings Krippen ebenso selbstverständlich wie Kindergarten oder Schule. Die in den verschiedenen Altersstufen gänzlich unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten fallen dabei unter den Tisch. Einem Schulkind kann man erklären, daß man Freude an einem interessanten Beruf hat oder daß das Geld vorne und hinten nicht reicht. Auch stabile Kindergartenkinder, für die noch eine verläßliche Zusatzhilfe bereitsteht, verkraften länger werdende Perioden der Abwesenheit. Die Kleinsten aber, die nur fühlen und nichts verstehen, werden einem großen Risiko ausgesetzt.

Kann es sein, daß uns Kinder immer fremder werden, weil wir von Jahr zu Jahr seltener mit ihnen zu tun haben? Immer häufiger werden sie zu Gegenständen, die angeschafft werden und dann funktionstüchtig erhalten werden müssen wie eine Küchenmaschine: Oben kommt etwas rein, unten kommt etwas raus, und zwischendurch sollten sie etwas eingeölt werden. Diese einfachen Handreichungen könne jemand anders für einen erledigen, heißt es. Man selbst habe Anspruchsvolleres zu tun. Was ist anspruchsvoller, als Kinder zu erziehen?

Die Kunst der Erziehung

Die Beziehung zu einem Kind wächst langsam in einem beiderseitigen Annäherungsprozeß. Der kleine Mensch ist überaus sensibel, fordernd und egozentrisch - jemand, mit dem man sich vertraut machen, auf den man sich einlassen muß. Welches Gepäck dieses Kind mitbringt, steht ihm nicht auf der Stirn geschrieben, es kann nur im Zusammenleben erfahren werden, denn jedes Kind ist anders. Gerade weil der kleine Mensch so offen und formbar ist, besteht die Kunst der Erziehung darin, ihn nicht zu verformen, sondern ihm dabei zu helfen, der zu werden, der er im Keim schon ist.

Wer sagt denn, Kinder zu erziehen sei leicht? Es gibt Momente, da fühlt man sich eingeengt, weil liebe Gewohnheiten aufgegeben werden müssen, weil man zuwenig Geduld aufbringt, weil der Druck zu groß ist, ständig verfügbar sein zu sollen, weil weniger Geld da ist, weil das Berufsleben oft viel einfacher und abwechslungsreicher ist. Aber Kinder fordern uns heraus, das Beste von uns zu geben. Alles muß glaubwürdig vorgelebt werden, da gibt es kein Entrinnen.

Vorträge sind sinnlos

Schon die Kleinen spüren genau, ob Erzieher aus innerer Überzeugung handeln oder ob sie nur so tun als ob. Auch wenn die Kinder so weit sind, daß sie eigene Sätze bilden und den Verstand zu gebrauchen lernen, hat es keinen Sinn, ihnen Vorträge zu halten. Dann heißt es, einfache Bilder für abstrakte Inhalte finden, den eigenen Glauben abtasten, sich in kindliche Gedankengänge hineinversetzen.

Je kleiner Kinder sind, desto weniger können sie mit Erklärungen anfangen. Aber sie nehmen Berührungen auf, Wärme, Zärtlichkeit, Bewegung, Rhythmus, Melodien. Lange bevor sie sprechen können, sind sie emotional erreichbar mit einer unendlichen Fülle von Möglichkeiten. Die Stimmen, die sie schon als Ungeborene gehört haben, bekommen Gesichter. Es gibt Nähe und Distanz, das gegenseitige Imitieren der Mimik, Gurren und Lachen und Weinen, laut und leise, Greifen, Sich-Wehren, Sich-Aneinanderschmiegen.

Der überflüssige Erzieher

Man spürt das langsam wachsende Gefühl von Identität im Kind an den ersten Wortbildungen und den lustvoll und herausfordernd immer wieder abgefragten Wiederholungen der Spiele, denn nur das Vertraute schenkt ihm Sicherheit. Irgendwann fühlt es sich sicher genug. Dann wendet es sich fremden Menschen zu, um das Gelernte an ihnen auszuprobieren. Im Heranwachsen eines Kindes gibt es immer wieder diese Momente, wo es loslassen will und weitergehen. Die gilt es zu erkennen, denn dann brauchen sie jemanden, der sie ermutigt. Der beste Erzieher ist der, der sich nach und nach überflüssig macht.

Wir alle sehnen uns nach diesen inneren Landschaften des Friedens, die man gern das Paradies der Kindheit nennt und die das filigrane Gerüst der Seele stützen. Wer von ihnen erfüllt ist, wird auch den weniger friedvollen und weniger paradiesischen Umständen späterer Jahre gewachsen sein.



Text: F.A.Z., 02.03.2005, Nr. 51 / Seite 37
Bildmaterial: AP

 
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