Computerspiel „Little Big Planet“

Der Lurch lässt mich nicht durch

Von Klaus Ungerer

Süß: die Helden von “Little Big Planet“

Süß: die Helden von "Little Big Planet"

06. Januar 2009 Ein Plakatierer hat unser Leben verändert: In der Mitte Berlins hat er seinen Wirkungskreis, und keineswegs klebt er, wie es früher üblich war, rechteckige Plakate auf dafür vorgesehene Flächen, nein, er ist ein Berliner Mitteplakatierer, nur Häuserwände und Stromkästen sind gut genug für ihn, und gar zu klassische Werbebotschaften mit Slogans und blitzenden Zahnreihen sind nichts, was ihn zum Verkleben reizen kann. Er bappt lieber, die gute Seele, konturgeschnittene Figuren in die Welt, den grinsenden Borat, als der Borat-Film kam, oder ulkige Glubschmonster, die - wenn man's weiß - für den neuesten Telefontarif stehen, und in seiner Freizeit, so steht zu vermuten, ist der wilde Plakatkleber ein anonym agierender und international anerkannter Street-Art-Künstler, voller Subversionslust und Schönheitsempfinden: Die wilden Straßen von Mitte jedenfalls, in denen noch jeder irgendwo etwas mitzuteilen gehabt hat und daher in Form von vergilbenden Graffiti oder zerrissenen Zetteln an Laternenpfählen grüßt, die werden durch unseren braven Verkleber eher lebenswerter.

Die eigene, irgendwie lässige Kennerschaft hat man jedenfalls sehr genossen, wie man so als Mittepapa, die Tochter an der Hand, auf dem Weg zur Kita, an einem der berüchtigteren In-Schuppen vorbeistapfte und wie man da zwischen immigrierten Fegern, welche den Scherbenhaufen der Vornacht zu beseitigen unternahmen, und zwischen den neuesten Plakaten nun auch ein neues Bild des wilden Verklebers zu bewundern hatte: So süß sei ja dieses Männchen da, dieses stoß- und knuffsichere Strickmännchen, welches da so freundlich von den Wänden grüßte, so lautete die Expertise, und jugendlich auf Zack, wie man sich gerne fühlt, konnte man als Mittepapa antworten: Der da? Ach, das sei Sackboy, das sei die Hauptfigur von so einem neuen Videospiel. Und, ins geweckte Interesse hinein, sprach man: Joa, das Spiel habe man natürlich auch irgendwo zu Hause herumliegen, die schütte einen ja nur so zu mit ihren Produkten, diese Videospielindustrie, und - nein, ausprobiert habe man das noch nicht, dieses Spiel, man habe ja gar keine Zeit dafür.

Sackboy trat in unser Leben

Seit dieser absehbaren und lustvoll unvermiedenen Schicksalsbegegnung ist der Winter 08/09 erst einmal in seiner Ausgestaltung gesichert: Sackboy ist in unser Leben getreten, gehüpft und gegondelt, Sackboy hat uns einen vorübergehenden neuen Lebensmittelpunkt gesichert, so wie es vor zwei Wintern der exzessive Konsum der Zauberflöte war und vor einem Jahr die DVDs von Benjamin Blümchen, mit dessen Stimme zu sprechen dem Mittepapa seinerzeit zur lieben Gewohnheit wurde. Dieses Mal nun also gibt uns ein Spiel seinen Rhythmus vor, und froh sind wir, im Nachhinein, als ganze Familie, dass der brave wilde Kleber uns einen Einstieg gesichert hat, wo wir die Firmen-PR nur stirnrunzelnd beiseite gelegt hatten.

Dieses Spiel sei so ungemein kreativ, hatte es geheißen, man könne seine Figuren und alle Level selber gestalten, so hieß es, und wie atemberaubend revolutionär das nun sei. Und wir ließen einen Pustekuchen an unserem inneren Auge vorüberziehen: Level selber gestalten? Das hatten wir schon vor zwanzig Jahren am Atari-Rechner getan. „Level Editor“ hieß das damals, und nichts anderes erwartet uns auch hier. Der Fall schien also klar: Wieder einmal war die zackenbewehrte PR-Falle aufgespannt worden und sollte Dümmere fangen als uns, die wir uns auch nach Studium der Werbetexte gefragt hatten: Was denn das überhaupt für ein Spiel sei? Und uns beschlich nach einigem klugen Sinnieren das sichere Gefühl: Die wollen uns doch im Ernst ein weiteres, das ungefähr zwanzigtausendste Jump-'n'-Run-Spiel seit „Donkey Kong“ als Innovation von Weltrang unterjubeln.

Ganz einfach bezaubernd

Und das ist natürlich Quatsch. Denn vom Spielerischen innovativ ist „Little Big Planet“ ungefähr so wie die Verwendung von Kartoffelchips als kleine Stärkung nebenher. Was man sich offenbar nicht zu sagen getraut hat: „Little Big Planet“ ist ganz einfach bezaubernd. Hinreißend. Verblüffend. Es ist eines der seltenen Spiele, in denen die kurios große Rechenleistung der Playstation 3 sinnvoll und kreativ, ja, kunstvoll eingesetzt worden ist: um eine ganz neue Welt zu schaffen, eine verschrobene, verspielte Welt, eine Welt, die uns einfangen und in die Flimmerkiste ziehen will. Der nahezu filmische Realismus ist von einer Brillanz, auf die man sich vor zwanzig Jahren träumerisch gefreut hat, als man noch klobige Pixelklötze übereinanderstapelte.

Jetzt ist Sackboys Welt nicht mehr vom trickgefilmten Sandmännchen zu unterscheiden. Und das Entwicklerteam von „Mm“ hat die imposante Optik gewitzt genutzt, um ein Rumlauf- und Hüpfbiotop von ungeahnter Evidenz zu kreieren: Im munteren Stoffsack-Boy haben wir endlich einen Helden, dem man die Stoßresistenz seines Daseins abnehmen kann, und endlich haben wir auch Gegner und Gefahren, deren automatenhaftes Abspulen von Verhaltensmustern, wie es für Jump-'n'-Run-Spiele üblich ist, auch in die passenden Bilder übertragen wird. All die wilden Büffel, die einem da entgegenstürmen, und die Gespenster, die heulend und zähneklappernd umherfliegen, und die Erdmännchen, die verstohlen aus ihren Löchern schielen, um dort dann huxflux zu verschwinden, und die auf- und zuschnappenden Krokodile: Sie alle sind als kleine Aufpopp- und Zugautomaten gestaltet, als hölzerne Klapperwichte und spaßiger Spuk mit Kettenaufhängung, und Sackboys Umgebung besteht aus Flauschbäumen, Tunneln wie Schnitzwerk und Häusern aus Pappe, und es ist diese Welt mit großer Liebe und viel Witz gestaltet.

Dass man zudem noch Stunden damit verbringen kann, alles mit Aufklebern zu bepappen, unbebaute Levels selber zu befüllen, und dass man alle paar Minuten innehält, um Sackboy ein neues, soeben ergattertes Outfit zu verpassen, und dass neben dem verspielten Mittepapa sogar auch die fundamental seriöse Mittemama nun wetteifert: wer die Tochter dieser Tage, möglichst früh, von der Kita abholt, damit man vor dem Abendessen noch ein wenig die Sackboywelt inspizieren kann - die Gespensterhochzeit haben wir glücklich bewältigt und toben derzeit durch mexikanische Minen -, das ist schon außergewöhnlich zu nennen und kommt im rechten Augenblick, da der Winter sich eingräbt - tö-rööö!

„Little Big Planet“ von „Mm“ und „Sony“ ist exklusiv für die Playstation 3 erschienen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Sony Entertainment

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