Ägyptologie

Sonnenstrahlen

Von Dieter Bartetzko

Überraschungsfund im Tal der Könige

Überraschungsfund im Tal der Könige

13. Februar 2006 Wie das Jahr 2005 könnte auch 2006 ein Jahr der 18. ägyptischen Dynastie werden, besser bekannt als die Ära des "Ketzerpharaos" Echnaton. Im vergangenen Jahr gingen Computertomographien seines Sohnes Tutanchamun, der im Jünglingsalter aus noch immer unbekannten Gründen gestorben war, um die Welt, gefolgt von Rekonstruktionen seines Gesichts. Noch ist die Erregung um diesen unmittelbaren Augenkontakt mit einer dreitausendjährigen Vergangenheit nicht abgeklungen, da elektrisieren neue Funde die Öffentlichkeit: Vor einigen Tagen entdeckte man im einstigen Totentempel des Amenophis III. bei Luxor den Kopf einer Monumentalskulptur des Pharaos aus rosafarbenem Granit.

Der Herrscher, Vater Echnatons und der mächtigste Pharao seiner Zeit, ist mit einem jugendlichen, geradezu kindlichen Gesicht dargestellt. Auffallend ist sein fast übertrieben freundliches Lächeln. Das Gesicht durchziehen zwei klaffende Risse, der geflochtene Königsbart ist abgebrochen, ebenso die Kronhaube. Weitaus besser erhalten ist eine etwa lebensgroße Figur der Gattin Amenophis III., Teje, aus schwarzem Granit, die kürzlich in dem Tempel gefunden wurde. Neben ihr wiederum lagen zwei Skulpturen der Kriegsgöttin Sechmet - sonderbar genug, da doch Echnaton alle Götter Altägyptens zugunsten seines Reichsgottes Aton, der Verkörperung der Sonne, bannen und ihre Statuen entfernen ließ.

Noch unentdeckte Gruft

Als neueste Sensation veröffentlichte nun die ägyptische Altertümerverwaltung Fotografien zur einen Tag zuvor gemachten Entdeckung einer Gruft unmittelbar beim Grab des Tutanchamun im Tal der Könige vor Luxor. Obwohl Generationen von Archäologen dort jeden Zentimeter Bodens durchwühlt haben, war diese Grabanlage bisher unbekannt und trat unberührt zutage. Der erste Augenschein läßt die fünf dort in hölzernen Schreinen bestatteten Mumien der 18. Dynastie zuordnen; die Ausgräber vermuten, daß es sich bei den Bestatteten um Hofbeamte handelt. Um die in der klassischen mumienförmigen Gestalt des Totengotts Osiris gestalteten, in leuchtenden Farben bemalten Sarkophage sind rund fünfzig Krüge und einige kleinere Behältnisse angeordnet. Über deren Inhalt ebenso wie über die Beschaffenheit der Mumien selbst und eventuelle weitere Grabbeigaben läßt sich noch nichts sagen. Denn bisher haben die Archäologen die Gruft aus Sicherheitsgründen noch nicht betreten. Die Aufnahmen jedenfalls belegen, daß die hölzernen Särge Beschädigungen durch Termiten aufweisen und deshalb zunächst umfangreichen Konservierungsmaßnahmen unterzogen werden müssen.

Letztere könnten alle Mühen lohnen. Denn wenn sich die Vermutung bestätigen sollte, daß die Mumien der 18. Dynastie zuzurechnen sind, dürfte ihre Untersuchung und die der Beigaben viel zur Klärung dieser rätselhaften, zwischen Mono- und Pantheismus, radikalen Reformen und brutaler Gegenreformationen schwankenden Ära beitragen. Momentan überwiegt die Verblüffung der Archäologen - und keimt Hoffung auf: "Es würde mich nicht überraschen", so der Archäologe Kent Weeks vom Grabungsteam, "wenn wir in den nächsten zehn Jahren noch mehr Gräber finden."

Text: F.A.Z., 13.02.2006, Nr. 37 / Seite 37
Bildmaterial: Reuters

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