Archäologie

Gedächtnisschwund im Nahen Osten

Von Wolfgang Zwickel

Wolfgang Zwickel mußte die Ausgrabungen in Kinneret am See Genezareth abbrechen

Wolfgang Zwickel mußte die Ausgrabungen in Kinneret am See Genezareth abbrechen

21. August 2006 Tote, Verletzte, Flüchtende, zerstörte Häuser und Dörfer, katastrophale soziale Situationen prägen unser Bild von den Auseinandersetzungen im Libanon und in Israel. Angesichts der persönlichen Schicksale auf beiden Seiten fällt es schwer, auch an die Kultur in diesen Ländern zu denken. Sie ist zweifelsohne nur von sekundärer Relevanz in diesen Tagen. Doch betrifft der Krieg zwischen Israel und dem Libanon auch die archäologische Forschung in beiden Ländern: Im gesamten Norden Israels und im Libanon wurden alle Grabungen eingestellt, darunter mehrere große internationale Grabungsprojekte, zum Beispiel in Hazor, Megiddo und Kinneret. Zu groß ist die Gefahr für die Forscher, die in dieser Region aktiv sind. Welche Folgen hat dies für die Forschungen in beiden Ländern?

Im Raketenhagel läßt sich nicht arbeiten, und auf einem Grabungshügel ist man weit entfernt von jedem Schutzbunker. Ich selbst habe inzwischen dreimal erlebt, daß Grabungen im Nahen Osten, an denen ich beteiligt war, wegen Kriegshandlungen eingestellt werden mußten: 1985 wechselte ich an die Universität Kiel, um von dort aus an den Grabungen in Kamid el-Loz, einem wichtigen Ort in der libanesischen Beqa-Ebene, mitzuarbeiten. Diese Ausgrabungen mußten wegen des Bürgerkrieges im Libanon eingestellt werden.

Jahrelange Arbeit zunichte gemacht

Wurde in der Nähe vom See Genezareth gefunden: 3500 Jahre altes beschriftetes Tontäfelchen

Wurde in der Nähe vom See Genezareth gefunden: 3500 Jahre altes beschriftetes Tontäfelchen

Im Jahr 2000 begann mein Mainzer Institut für Altes Testament und Biblische Archäologie kleine Grabungen in Khirbet Bir Zeit in der Westbank durchzuführen. Geplant war ein größeres regionales Projekt, dessen zentraler Punkt Ausgrabungen im biblischen Bet-El sein sollten. Die zweite Intifada, die im Herbst 2000 ausbrach, stoppte dieses Projekt in seinen Anfängen. Vor drei Wochen nun mußten wir unsere Ausgrabungen in Kinneret am See Genezareth in Israel absagen, weil ein Aufenthalt für unsere Mitarbeiter zu gefährlich wäre. Ein weiteres Projekt, ein wissenschaftlicher Reiseführer für den Norden Israels, wird von uns derzeit nur „auf Sparflamme“ betrieben. Die Reisebedingungen sind durch die Intifada oft zu unsicher, um längerfristig planen zu können.

Die Absage einer Grabung ist zunächst einmal ein herber Rückschlag für alle beteiligten Archäologen. Monate- oder jahrelange Arbeit wird dadurch zunichte gemacht, denn eine Grabung mit bis zu siebzig Teilnehmern muß akribisch organisiert werden. Schon die Abfassung eines Antrags, der erst die finanzielle Grundlage einer Grabung sichert, dauert oft mehrere Monate. Unterkünfte und Flüge müssen gebucht, vielfältige Kontakte geknüpft, die Grabungsziele exakt beschrieben und vorbereitet werden. Die notwendigen Gerätschaften müssen ausgeliehen oder gekauft werden, Spezialisten für Detailuntersuchungen gesucht und verpflichtet werden.

Explosionskrater als Fundgruben

Ein Grabungsteam besteht heute aus einer Vielzahl von Fachwissenschaftlern, die ihre Sommermonate opfern, um ihr jeweiliges Fachwissen zur Verfügung zu stellen. Wenn man weiß, unter welch knappen finanziellen Rahmenbedingungen viele Grabungen durchgeführt werden, kann man erahnen, welchen Verlust von Zeit, Geld und Engagement eine Absage für die Grabungsteams bedeutet. Damit schwindet aber auch die Erwartung, in einem überschaubaren Zeitraum die für die jeweilige Grabungskampagne gestellten Probleme zu lösen. Man ist den Politikern und Militärs ausgeliefert und kann nur resignierend die Grabung einstellen.

Kriegerische Handlungen führen zum Abbruch von Grabungen und ziehen oft erhebliche Schäden für die archäologischen Stätten nach sich. Denn diese finden sich häufig an strategisch bedeutsamen Plätzen, die auch heute noch für militärische Aktivitäten von Relevanz sind. Die Folgen sind klar: Ein guter Standort für einen Schützenpanzer ist im Kriegsfall immer wertvoller als jahrtausendealte Kulturreste. Die immensen archäologischen Schäden sind nicht auf die Zerstörung historischer Relikte beschränkt, sondern erwachsen auch aus Angriffen auf heutige Siedlungen: Werden sie von Raketen getroffen, erweisen sich auf makabre Weise die Explosionskrater als Fundgruben. So sanken beispielsweise während des Golfkrieges die Preise für antike Münzen aus dem Irak stark, denn überall schleuderten Raketeneinschläge verborgene Münzen an die Oberfläche. Die Kinder der umliegenden Dörfer mußten sie nur noch einsammeln und an Antikenhändler verkaufen.

Schmerzhafte Lücke für die Grabungsteams

Ein mindestens ebenso wichtiges Problem ist die Ausbildung. Ein Archäologiestudium dauert im Idealfall heute fünf Jahre, weitere drei bis vier werden für die Promotion benötigt. Wer als Archäologe später sein Brot verdienen will, muß während dieser Zeit durch Reisen sowie die Teilnahme an Grabungen die relevanten Relikte der Vergangenheit möglichst vollständig kennenlernen. Unterbleibt dies, verschwindet mit den Grabungen auch eine ganze Generation an Studierenden.

Da jeder Archäologiestudent einen künftigen sicheren Arbeitsplatz anstreben muß, führen Kriege und die damit verbundenen Stillegungen von Grabungen oft zu einem Wechsel der Studienschwerpunkte. Längerfristig besteht so die Gefahr, daß zuvor bedeutende Fachgebiete durch Kriegswirren an Bedeutung verlieren oder gar aufgegeben werden. Zudem wird der Schulungseffekt, den Grabungen den Studierenden bieten, empfindlich gemindert. Unter normalen Umständen sind Studierende zunächst nur einfache Mitarbeiter, steigen dann in der Grabungshierarchie auf und übernehmen schließlich auch Verantwortung für Teile der Publikation. Wird eine Grabung abgesagt, fehlt der entsprechende Nachwuchs für zumindest ein Jahr. Da gleichzeitig ältere Studierende in leitenden Funktionen die Grabung verlassen, um eigene Projekte zu verwirklichen, entsteht so eine schmerzhafte Lücke in der kontinuierlichen Weiterentwicklung eines Grabungsteams.

Die kulturellen Folgen eines Krieges

Militärische Konflikte haben aber auch erhebliche Auswirkungen auf den Tourismus. Er bricht nicht nur während der Kriegshandlungen völlig zusammen, sondern zwingt in den folgenden Jahren die betroffenen Länder dazu, mit dem Manko eines Krisengebiets leben zu müssen. Die ohnehin durch den Krieg geschwächten Länder verlieren so noch einmal eine wichtige Einnahmequelle und haben Schwierigkeiten beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes.

Für die Bewohner der jeweiligen Region hat ein Krieg auch langfristige kulturelle Folgen. Wer sich nach einem Friedensschluß um den Wiederaufbau mühen muß, achtet dabei verständlicherweise nicht sehr auf die Relikte vergangener Kulturen. Findet man bei Bauarbeiten ein antikes Gefäß, wird nicht die Antikenverwaltung benachrichtigt, um aufwendige Untersuchungen vorzunehmen, sondern der nächste Antikenhändler besucht. So werden wichtige Befunde zerstört.

Archäologie braucht den Frieden

Auf Dauer geht so das Wissen um die eigene Vergangenheit und die Kultur früherer Jahrhunderte verloren. Das kann man momentan sehr gut in der Westbank beobachten, wo die Mehrzahl der Einwohner die erste oder zweite Intifada erlebt hat. Selbst Schulbesuche waren in der Vergangenheit oft die Ausnahme, und die Beschäftigung mit der eigenen kulturellen Vergangenheit spielte alles andere als eine zentrale Rolle. Bei einer Schulung im vergangenen Herbst, die ich in Beit Jala in der Nähe von Betlehem durchführte, waren die palästinensischen Teilnehmer völlig überrascht, wie viele bedeutsame Kulturstätten es in ihrer unmittelbaren Umgebung gab. Einige hatten sogar Äcker inmitten eines einstigen römisch-byzantinischen Gutshofs, ohne sich dessen bewußt zu sein. Über Jahre hinweg wurde hier unwissentlich Kulturgut zerstört.

Es gibt im Nahen Osten sicherlich wichtigere Aufgabenfelder als die archäologische Erforschung der Länder. Doch ist unsere eigene Kultur in einem enormen Maße von der Geschichte und der Kultur gerade dieser Region geprägt. Das Interesse an der eigenen Vergangenheit ist gerade in Deutschland stark gestiegen. Historische Ausstellungen zu Tutanchamun, Troja, den Karthagern oder den Kreuzfahrern erleben immer wieder Besucherrekorde. Wir können sie betrachten und genießen, weil wir im Frieden leben. Die Archäologie aber, deren Funde diese Ausstellungen bestücken, die wiederum ein eigenes Licht auf die Herkunft unserer Lebenswelt werfen, kann nur blühen, wenn sie endlich wieder - und dann dauerhaft - friedliche Rahmenbedingungen in den Ursprungsländern vorfindet.

Der Verfasser lehrt am Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie der Universität Mainz.



Text: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Lernen Sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennen und testen Sie unser Angebot kostenlos und unverbindlich.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche