Bundespräsidentenwahl

Der Roman, in dem wir leben

Von Frank Schirrmacher

Bewerber um das höchste Amt im Staat: Horst Köhler und Gesine Schwan

Bewerber um das höchste Amt im Staat: Horst Köhler und Gesine Schwan

25. Mai 2008 Es ist kein Zufall, dass in diesem Frühjahr der politische Berlin-Roman geboren worden ist, es ist nur ein Anfang. Für die Deutung aktueller politischer Vorgänge reichen Parteienforscher und Sozialexperten nicht mehr aus; in den einschlägigen Talkshows werden bald immer häufiger Leser hinzugezogen werden müssen. Nicht die Leser von Google-News oder Presseausschnittsdiensten, sondern die von Dickens, H.G. Wells oder Kurbjuweit. Sie sind die Seelenexperten des Leviathan.

Auch Balladen helfen. Dass, um nur ein Beispiel zu nennen, der Held aus Verzweiflung und Nächstenliebe seinen Gesichtsbart für eine Million Euro zum Verkauf anbietet, geht in der Literatur zwar nur andersherum - nämlich als Schwur, sich bis zum Eintreffen eines göttlichen Gnadenerweises nicht mehr zu rasieren oder auch nur zu kämmen, aber gerade weil erfahrene Leser genau das wissen, achten sie auf den wirklich neuartigen Konflikt der Geschichte. Der liegt hier darin, dass den Bart niemand haben will. Was hätte Dickens (der Held lässt den Bart ins Unermessliche wachsen und betreibt am Ende als Eremit einen Antiquitätenladen), was Balzac (er geht mit dem Preis tiefer und tiefer und senkt damit seinen eigenen), was Thomas Mann (er biete den Bart dem Teufel an, der ihn auch nicht will) aus diesem Stoff gemacht. Ein Mann, der zeitlebens an seinen Bart wie an einen Ladenhüter festgeklebt ist - und schon ist man, mit allen moralischen Implikationen, mittendrin im Roman unserer Zeit.

Parzival gegen Mutter Courage

Auch die ungleich ernstere Debatte um die Bundespräsidentenwahl ist eine Sache für geschulte Leser. Dass beide Protagonisten keine Berufspolitiker sind, hat sich herumgesprochen. Deshalb bekommen sie literarische Titel. Selbst Parteifreunde nennen den Bundespräsidenten wohlwollend einen Parzival, und wer sah, wie er nach Bekanntgabe seiner Kandidatur auch noch Fragen zuließ, als könnte es zu dieser Entscheidung überhaupt Fragen geben, wird diesen Eindruck nicht ganz dementieren.

Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis Gesine Schwan zur Mutter Courage mutiert. Hier der reine, wenn auch ökonomisch-versierte, aber trotzdem politisch-naive Held in einer Welt undurchsichtiger Verstrickungen; dort die beredte, aber in ihrer Patentheit auch leicht nervende Philosophin. Es bedarf der literarischen Analogie, um beide zu verstehen. Leser nämlich können die Protagonisten aus dem undurchsichtigen Beziehungsgeflecht der „Politik“ mitsamt all den Hintergrundfiguren lösen. Man kann sie dann hörbarer machen. Horst Köhler hat bereits mit antikapitalistischer Rhetorik seine Rolle als Bürgerpräsident unterstrichen. Gesine Schwan, so wie die Dinge liegen, wird mit antikommunistischer Rhetorik antreten müssen.

Das Gedächtnis der Leser

Leser haben ein gutes Gedächtnis. Sie erinnern sich der Zeichen, unter denen die letzte Bundespräsidentenwahl stand. Damals ging es um die Sehnsucht nach einer Generalumkehr von Staat und Gesellschaft. Neoliberale Gesinnung, so erklärungsbedürftig der Begriff auch ist, hatte begonnen, Teile des Konservatismus zu ersetzen. Der Einzelne empfand nicht nur seine eigene strukturelle Unterlegenheit, sondern die des ganzen gesellschaftlichen Gefüges angesichts globalisierter Herausforderungen - und wenn er angesichts dieser Wucht verstummte, gaben ihm die Talkshows zu sagen, was er leidet. Das ganze Land, so lautete die Botschaft, hatte sich einer Welttendenz entgegengestellt.

Seit der Bundestagswahl und der Krise an den Finanzmärkten ist vieles von dem, was damals galt, kompromittiert. Plötzlich wird die Gesellschaft eines Vakuums inne, in dem der überwunden geglaubte Marxismus wieder Fuß fasst. Der Bundespräsident, selbst ein Fachmann der Wirtschaft und Repräsentant des Reformeifers, beschloss dieses ganze Kapitel mit einer religiösen Mahnung: er erwarte ein „mea culpa“.
War bereits diese Wortwahl erstaunlich, so war es das vielbeschworene Bild des „Monsters“ noch mehr. Die Finanzmärkte, so Köhler, hätten sich „zu einem Monster entwickelt, das in die Schranken gewiesen werden muss“. Und: „Die Überkomplexität der Finanzprodukte ... (habe) das Monster wachsen lassen.“

Am Ende bleibt nur: Es tut mir leid

Als Leser interessiert uns hier nur das Monster. Das Wort ist nur relevant, weil es von einem Kenner der Materie benutzt wird. Kein Leser, der nicht weiß, welche Tiefen der kollektiven Seele hier angesprochen werden. Wenn etwas ohne Kopf auftaucht, so hat Peter Hacks sinngemäß vermerkt, beginnt eine neue Phase der Aufklärung. Zuerst sind es die kopflosen Ritter und Mönche, die als Gespenster durch die Gesellschaft spuken, später die Wissenschaftler mit ihren selbstgeschaffenen Monstern und Kreaturen. Jetzt sind es die Finanzmarktwissenschaftler und ihre Produkte. So hat es Mary Shelley in „Frankenstein“, so hat Dürrenmatt in den „Physikern“ die Verantwortung des Wissenschaftlers persifliert: am Ende bleibt nur das „mea culpa“, es tut mir leid.

Nicht als Politiker, sondern als ausgewiesener Ökonom, als Kenner der Verhältnisse und als Propagandist ökonomischer Reformen haben Köhlers Sätze ihre Sprengkraft entfaltet. Es ist etwas anderes, ob ein Politiker sagt, die Genforschung drohe aus der Kontrolle zu geraten, oder ob ein Genforscher sagt, sie sei bereits aus der Kontrolle geraten.

Gesine Schwan kann nicht undeutlich werden

Doch was Köhlers Monster ist, wird Schwans Gespenst sein. Dieses Gespenst stammt direkt aus dem ersten Satz des „Kommunistischen Manifests“. Die Authentizität und Überzeugungskraft, die viele ihr zubilligen, kommt aus einem antikommunistischen, im Kern antitotalitären Denken. 1977, als Leszek Kolakowksi den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sagte sie in ihrer Laudatio die vortrefflichen Sätze: „Wo man für die vorfindliche Gesellschaft nur Verachtung und Feindschaft verspürt und den Sozialismus als das ganz andere will, dort treten auch die im Konsens oder im Kompromiss mit dieser Gesellschaft politisch agierenden Menschen prinzipiell nicht als mögliche Partner gemeinsamen Handelns, sondern nur als Gegner, ja als Feinde auf ...“

Hierzu Sahra Wagenknecht in „Kapital, Crash, Krise“ (1998): „Ich bin mir sicher, dass die Menschen sich auf Dauer nicht gefallen lassen, was der Kapitalismus mit ihnen und aus ihnen macht. Sie werden sich wehren, und sie werden nach Alternativen suchen. Die gibt es aber nur jenseits des bestehenden Wirtschaftssystems.“
Dabei geht es am Ende nicht einmal so sehr um aktuelle politische Positionen der Linkspartei. Es geht noch immer, trotz Umbenennungen, um die Geschichte einer Partei und ihrer Ideologie, es geht um den Kommunismus und seine Verbrechen, und für Gesine Schwan darum, durch die Klarheit der Sprache ihre eigene Wählbarkeit aufs Spiel zu setzen. Gesine Schwan kann diese Position nicht aufgeben. Sie, die in allem so deutlich ist, kann hier nicht undeutlich werden.

Hält der Roman das Ende ein?

Frau Nahles und Kurt Beck mögen glauben, dass eine Kandidatur von Gesine Schwan ein rhetorischer Selbstläufer sei, dass die philosophisch versierte und - anders als Köhler - nicht durch ein Amt beschränkte Intellektuelle die Meinungshoheit gewinnt. Womöglich unterschätzen sie, dass in dem Augenblick, da erkennbar ist, dass Gesine Schwan sich mit den Stimmen der Linkspartei wählen lassen wird, eine Debatte über Philosophie und Praxis sich entzünden wird; mehr noch: das Verhältnis von SPD und Sozialismus am Ende in einer für Becks SPD unerfreulichen Weise geklärt werden wird.

Der Unterschied zwischen - sagen wir - Kurt Beck als Zeitungsperson und Kurt Beck als Romanperson ist, dass die Zeitung nicht weiß, wie es weitergeht, aber der Roman das Ende schon enthält. Wir wissen noch nicht einmal, ob Gesine Schwan morgen nominiert, geschweige, ob sie gewählt wird. Aber gerade deshalb dürfen wir hoffen, dass es anders kommt als gedacht. Damit sind nicht Gesine Schwan oder Horst Köhler gemeint, wobei Köhler, der das Amt innehat, Inhalte jenseits des Ökonomischen bisher nicht gesetzt hat. Gemeint ist hier, dass das Bürgertum bei Verbot des Wortes „Globalisierung“ bessere Argumente für die Modernisierung unserer Verhältnisse findet.

Nächste Amtszeit bis 2014

Das stärkste liegt im Kalender: Die nächste Amtszeit des Bundespräsidenten dauert bis 2014. Wer in die Daten des Statistischen Bundesamtes sieht, wird feststellen, wie sehr unser Land sich dann geändert haben wird: wie Alterung der Gesellschaft und Mangel an jungen Menschen ein Land hervorbringen werden, in dem zum ersten Mal mehr Ältere als Junge leben.

Das Personal des Romans, in dem wir leben, wird sich geändert haben, und jetzt schon stoßen wir täglich auf Leitmotive: vom Pflegenotstand bis zum Nachwuchsmangel, von ganz neuen Formen der Zukunftsangst bis zur Auswanderung. Man schaue nach, jeder Bürger müsste es tun, wo er selbst, mit seinem Geburtsjahrgang, dann steht: wie viele über ihm, die älter sind, wie viele unter ihm, die jünger sind. Zeit, die wir so unermesslich zur Verfügung zu haben schienen, ist eine kostbare Ressource der Gegenwart. Was wir als Bürger dem kommenden Präsidenten schenken können, ist nicht nur ein Amt, sondern Zeit.

Zweitausendvierzehn. Bis dahin wird Kurt Becks Bart sehr lang sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Für alle Fälle abgesichert? Jetzt private Haftpflichtversicherungen vergleichen und bequem online abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche