Von Dieter Bartetzko
22. November 2007 Überall in Roms Zentrum finden sich antike Ruinen. Und wo immer der Spaten angesetzt wird, treten weitere zutage. Nur eine Stelle, so meinte man, könne keine Überraschungen mehr bieten: der immer wieder durchwühlte Palatin, jener am Forum Romanum aufragende Hügel der kaiserlichen Residenzen. Doch ausgerechnet auf diesem zentimeterweise durchsiebten Areal ereignete sich nun, was der Archäologe Andrea Carandini eine der großartigsten Entdeckungen, die jemals gemacht wurden, nennt.
Carandini, Spezialist für die Frühzeit Roms, ist sich sicher, dass er und seine Kollegen die Lupercale gefunden haben, die wohl wichtigste Kultstätte der antiken Stadt. Lupa, Wölfin - der Wortstamm verweist auf die Bedeutung des Ortes. Denn als Lupercale wurde eine Höhle des Palatin verehrt, in der laut dem Gründungsmythos Roms die Zwillinge Romulus und Remus, die 753 vor Christus die Stadt gründen sollten, von einer Wölfin gesäugt wurden. Das Tier habe die beiden Säuglinge aus einem Korb gezogen, den ein Hochwasser an die Ufer des Tiber gespült hatte. Die Knaben, Söhne des Kriegsgottes Mars und der zur Keuschheit verpflichteten Vesta-Priesterin Rea Silvia, seien auf Befehl des Tyrannen Amulius ausgesetzt worden.
Acht Meter hohe Höhle
In sechzehn Meter Tiefe stießen nun die Archäologen auf jene Grotte, die man nur noch aus antiken Schriften kannte. Wegen Bedenken, die antike Konstruktion könne einstürzen, wurde der Raum bisher nur mit Endoskopen und Laserstrahlen erforscht. Fest steht, dass es sich um eine acht Meter hohe Höhle mit einem Durchmesser von 7,5 Metern handelt. Sie hat, möglicherweise durch Eingriffe antiker Architekten, die Form einer Rundkuppel und ist mit Mosaiken ausgekleidet. Deren Ornamentik - Rechteckfelder, gefüllt mit Rauten, Kreisen und Spiralen, dazu Ranken und Girlanden - lässt, ebenso wie das Material (Marmor, Gold und Muscheln), an die Prunksäle der Domus Aurea und die Salons der palatinischen antiken Villen denken.
Die Sicherheit, nicht etwa einen unterirdischen kaiserlichen Festraum, sondern tatsächlich die Lupercale gefunden zu haben, beziehen die Archäologen aus deren Lage: Die Grotte befindet sich am Saum des Palatin beim Apollo-Tempel, der neben dem Haus seines Stifters, des Kaisers Augustus, liegt. Dieser wiederum hatte sein Haus an der scala caci, der ältesten Treppe des Palatin, erbaut. Sie führte damals zu einer archaischen Hütte, die das antike Rom als einstige Wohnstätte des Romulus bewahrte und verehrte.
Tatsächlich wurden vor Jahren auf dem Hügelplateau die Reste dreier archaischer Hütten aus dem achten Jahrhundert vor Christus ausgegraben. So spricht vieles dafür, dass die Archäologen wirklich unterhalb dieser Hütten jene Grotte gefunden haben könnten, der das antike Rom als seiner Keimzelle huldigte. Ehe die Freilegung beginnt, soll nach dem einstigen Eingang der Lupercale gesucht werden. Egal, ob er gefunden wird, gleichgültig, ob die Grotte archaischen oder kaiserzeitlichen Ursprungs ist: Es steht ein Fest der Sinne bevor.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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