Auschwitz-Befreiung

Der Mythos von der Verdrängung

Von Patrick Bahners

27. Januar 2005 Fünfzehn Jahre nach Kriegsende, vom 8. April bis zum 3. Mai 1960, wurde in der Berliner Kongreßhalle eine Ausstellung mit dem Titel "die Vergangenheit mahnt" gezeigt. Das Ausstellungsplakat setzte mit dem klein geschriebenen Satzanfang ein Signal der Modernität, das die Aktualität des Gegenstandes bezeichnete, die Gegenwärtigkeit einer Vergangenheit, die nicht vergehen darf. Um welche Vergangenheit es sich handelt, wird nicht gesagt, sondern gezeigt.

Das Plakatmotiv ist das Foto aus dem Warschauer Getto, in dessen Zentrum ein Junge mit erhobenen Händen steht. Das Gesicht einer der Frauen im Hintergrund der Schwarzweißaufnahme wird durch eine Art Lichtkegel, einen gelben Davidstern, aus der Menge herausgeholt. Die Menschen im linken Vordergrund, darunter die Frau, die sich zu dem Stahlhelmträger umdreht, dessen Gewehr auf den Jungen zeigt, sind in dieser Reproduktion kaum zu erkennen. Offenbar war das Foto schon so bekannt, daß es verfremdet werden durfte: Über die linke Hälfte des Bildes ist der Kopf von Albert Einstein gelegt worden.

Hilflosigkeit bis heute

Es trifft zu, was im Katalog der Ausstellung zu lesen ist, mit der das Deutsche Historische Museum den sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes begeht: Die Collage "mag heute befremden". Doch was ist das Befremdliche? Nach Ansicht von Detlef Hoffmann, der zum Katalog den Abschnitt über die Bundesrepublik beiträgt, wollte das Plakat "mit dem Opfer und dem Genie veranschaulichen, daß Juden schätzenswerte Menschen seien, die man nicht hätte umbringen dürfen". Es dokumentiere, "wie hilflos die Versuche waren, mit der Vergangenheit umzugehen". Der gönnerhafte Ton ist unangemessen. Wissen wir uns heute wirklich besser zu helfen? Werden nicht unzählige Festreden im Einstein-Jahr wieder zu verstehen geben, daß uns mit der Emigration jüdischer Spitzenforscher ganz besonders schützenswerte Menschen abhanden gekommen sind?

Im übrigen erschöpft sich der Appell, der von dem grobkörnigen, großen Einstein-Kopf des Plakats ausgeht, nicht im exemplarischen Schicksal des um ein Haar ebenfalls ermordeten Genies. Der unverkennbare Schnurrbart, die unverwechselbar traurigen Augen: das war in der Kultur der fünfziger Jahre die Physiognomie des Mahners schlechthin. Durch seine kritische Haltung zu den praktischen Konsequenzen der Wissenschaft, die er an die theoretischen Grenzen geführt hatte, war Einstein in die Rolle eines Weltgewissens hineingewachsen. Die nationalsozialistischen Massenmorde erinnerten um 1960 wie die Risiken der atomaren Rüstung an die selbstzerstörerische Gewalt der modernen Zivilisation: eine diffuse, aber durch die Gleichzeitigkeit der Phänomene, die Einheit epochaler Erfahrung, beglaubigte Ähnlichkeit.

Die neue universalistische Geschichtsrhetorik

In dieser Betrachtung verwandelt sich das Plakat in einen Beleg gegen die Hauptthese der Berliner Ausstellung. Die von Monika Flacke konzipierte Schau hat sich noch weit mehr vorgenommen, als ihr bombastisch genug gewählter Titel verrät: "Mythen der Nationen: 1945 - Arena der Erinnerungen". Nicht etwa nur das Gedenken des Kriegsendes wird zum Gegenstand musealer Präsentation, der Erinnerung an Erinnerungen, sondern das Gedächtnis des gesamten Krieges einschließlich der von ihm ermöglichten Völkermorde - und zwar für (fast) sämtliche europäischen Nationen. Um ja nichts auszublenden, hat man auch Israel und die Vereinigten Staaten herangezogen, während trotz Hochhuth und Goldhagen der Vatikan fehlt. Von der Ablösung nationaler "Meistererzählungen" ist die Rede, die überall von einem Volk handelten, das heroisch widerstand oder wenigstens ausharrte. Als eigene Meistererzählung bietet die Ausstellung die "Universalisierung" des Gedenkens an, als dessen zentrales Ereignis seit der berühmten Fernsehserie von 1979 und endgültig im Zuge der Einigung des Kontinents nach 1989 der Holocaust hervorgetreten sei.

Diese These hat gewiß eine hohe Evidenz, die am heutigen Gedenktag ebenso deutlich werden wird wie bei der Einweihung des Berliner Holocaust-Denkmals, durch dessen aller Welt verständliche Formensprache Deutschland nachvollzieht, was Museen in anderen Hauptstädten vorgemacht haben. Aber das Plakat zu "die Vergangenheit mahnt" führt vor Augen, daß schon vor 1979 das Menschheitsverbrechen als Zivilisationsbruch wahrgenommen werden konnte. Typisch für die neue universalistische Geschichtsrhetorik ist die Figur des Totum pro parte: Für die Ermordung der Juden steht "die Vergangenheit".

Die Kosten der Universalisierung des Holocausts

Nun wäre mit Hoffmanns Katalogaufsatz einzuwenden, daß in Projekten wie der Ausstellung in der Kongreßhalle nur "das Interesse einer Minderheit" zur Geltung gekommen sei. Leider erfährt man bei Hoffmann weiter nichts über die hilflosen Mahner von 1960, die Zahl der Besucher oder der Organisatoren. Die Geschichte der Verdrängung der deutschen Schuld durch die Mehrheit des deutschen Volkes kann heute selbst als Mythos gelten, wenn man darunter eine verbreitete Erzählung versteht, die keiner Belege bedarf. Immerhin wird das Vergessenwollen in Berlin nicht als deutscher Sonderweg hingestellt. Etienne Francois, der neben Horst Bredekamp als wissenschaftlicher Berater wirkte, versteigt sich in seinem programmatischen Aufsatz sogar zu der Behauptung, diejenigen, "die sich für eine gründliche, offene und differenzierte Aufarbeitung der Vergangenheit aussprechen", seien allerorten und jederzeit nur eine "kleine Gruppe".

Das ist im Lichte osteuropäischer Erfahrungen formuliert. Erhebliche diplomatische Anstrengungen hat das Deutsche Historische Museum investiert, um die im Krieg von der Sowjetunion unterworfenen Länder zu Wort kommen zu lassen, die ihre Erinnerungen nach 1989 zunächst wieder nationalistisch artikulierten und das universalistische Idiom erst allmählich erlernen. Hier kann die Ausstellung manche unvertraute, vertrackte Episode aus dem Jahrhundert des Tyrannenkampfes schildern. Ein Ärgernis ist es daher, daß Francois der "großen Gruppe" der Kriegsopfer und ihrer Nachkommen pauschal die "Meinung" zuschreibt, "daß die Vergangenheit nicht kritisch bewältigt zu werden brauche". Unter diesen Kritiklosen erscheinen in einer Reihe mit Soldaten, Inhaftierten und Deportierten die Juden: daß ihnen ihr Opferstatusbewußtsein vorgehalten werden kann, gehört zu den Kosten der Universalisierung des Holocausts.

Unter Propaganda und Folklore

Als Vorwurf mag das gar nicht gemeint sein: Francois huldigt einem groben Konstruktivismus, wonach sich bis auf die kleine kritische Gruppe, die wahrscheinlich nur aus Wissenschaftlern besteht, sowieso jedermann die Geschichte bastelt, die ihm paßt. Alles ist Mythos außer einer kritischen Historie, die beispielsweise herausgefunden hat, daß Stauffenberg Hitler gar nicht töten wollte. Oder wie soll man es sonst verstehen, wenn Francois unter den entlastenden Legenden der Deutschen "die Verherrlichung der Männer des 20. Juli als echter Widerstandskämpfer" aufführt? In der Beiläufigkeit dieses wegwerfenden Urteils wird übrigens das Hegemoniale der Holocaust-Erinnerung faßbar: Unecht will der Widerstand erscheinen, weil man irgendwie zu wissen glaubt, daß auch die Männer des 20. Juli Massenmörder waren.

Aufschlußreich ist die Schau an den wenigen Stellen, wo sie aus Propaganda und Folklore tatsächlich Mythen der Nationen im präzisen Sinne der kulturhistorischen Nationalismusforschung herauspräpariert. Die italienische Resistenza stilisierte sich zum zweiten Risorgimento: Diese Gründungserzählung eines souveränen Staates hielt dem Verformungsdruck des ideologischen Weltalters stand. Ein gewaltiger Irrtum ist es aber, wenn das Museum meint, nichts anderes aufzublättern als das zweite Kapitel jener Geschichte, die 1998 die Ausstellung "Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama" ausgebreitet hatte. Das von Monika Flacke bemühte Renan-Zitat, die Erschaffung einer Nation setze die Verdrängung ihres Urverbrechens voraus, weist in die Irre. Der Holocaust war von anderer Qualität als ein Königsmord. Wo Nachgeborene vergeblich nach den Spuren des Schreckens ohne Vorbild suchen, wird man annehmen, daß er den Zeitgenossen noch allzu gegenwärtig war.

Henri Rousso deutet im Katalog das 1946 errichtete Denkmal für die von Klaus Barbie deportierten Kinder von Izieu als Zeugnis für den Universalismus des republikanischen Gedächtnisses der Franzosen. Der Obelisk gibt "keinen Hinweis darauf", daß die Bewohner des Kinderheims als Juden abgeholt wurden. Als "einzige Andeutung" ist da ein "deutlich sichtbarer Davidstern". Das genügte. Es war eben noch nicht vergessen, daß nach Hitlers Willen alle Menschen hatten sterben sollen, die er zum Tragen dieses Sterns gezwungen hatte.

Mythen der Nationen: 1945 - Arena der Erinnerungen. Deutsches Historisches Museum, Berlin, bis 27.Februar. Der zweibändige, bei Philipp von Zabern verlegte Katalog kostet im Museum 50, im Buchhandel 128 Euro.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2005, Nr. 22
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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