16. August 2007 Wer in den umweltbewegten siebziger Jahren Kinderbücher las, kennt die Geschichte so: Es lebten einmal glückliche Tiere auf dem Land. Scheu und unentdeckt, verbrachten sie ihre Tage in Nachbarschaft eines bunten Bauernhofes. Alle Tiere auf dem Hof hatten einen Namen, Ulla hieß zum Beispiel die Kuh oder Max das Pferd. Im Frühjahr blühten dort die Obstwiesen, im Sommer reifte das Korn, im Herbst war Ernte, und im Winter vergruben sich die wilden Tiere in einem Loch und schliefen. Eines Tages aber kommen die Bagger, sie graben die Wiesen um, die Bäume werden gefällt. Bestürzt blätterte man als Kind zur nächsten Seite. Nach dem Naturmassaker dann das: eine metallisch graue Stadt. Hochhäuser statt Bäume, Asphalt statt Wiese, wo Kühe grasten, parken Autos. Karl der Käfer oder Maulwurf Grabowski aber sind geflohen.
Und als Kind verstand man beim Lesen: Mit den Tieren war man selbst gemeint. Die Stadt war kein Ort zum Leben, weder für Menschen noch für Tiere. Das Krebsgeschwür nannte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz die moderne Stadt, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich sprach 1965 in seinem Manifest Die Unwirtlichkeit unserer Städte von einem Produkt des Todestriebs unserer Zivilisation. Die Stadt, schrieb er, war ein Biotop: ein Platz, an dem sich Leben verschiedenster Gestalt ins Gleichgewicht bringt und in ihm erhält. Damit, so Mitscherlich, hatte die lebensfeindliche moderne Stadt für immer Schluss gemacht.
Unheimliche Unterwanderung
Doch die Gewissheit von der Unwirtlichkeit der Städte wird seit einiger Zeit auf fast unheimliche Weise unterwandert. Die Zeichen können die Form von Verwüstung annehmen. In Vorgärten randalieren Wildschweine, Waschbären kippen nachts Mülltonnen um, Marder beißen auf Parkplätzen Bremsschläuche durch. Die Stadt ist Ziel einer Einwanderungswelle geworden, die sich zu Lande, zu Wasser und in der Luft bewegt, manchmal nur getragen von einer Windböe. Wildschweine, Waschbären oder Marder sind dabei nur Teil eines riesigen Puzzles, das gerade neu über Deutschland ausgelegt wird. Die Natur erobert sich den Stadtraum zurück, sie will auf dem Land nicht mehr bleiben.
Es sind zwei Thesen, die der Münchener Evolutionsbiologe und Ökologe Josef H. Reichholf in seinem neuen im Oekom Verlag erschienenen Buch Stadtnatur. Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen zusammenbringt und die auf Ergebnisse zurückgehen, die er und Fachkollegen in jahrelanger Forschung erarbeitet haben. Sie stellen auf den Kopf, was Stadt und was Land bedeutet, eine Umwertung der Werte, die quer durch das ganze Naturreich geht.
Füchse als Flaneure
Es gibt seit kurzem Untersuchungen, die belegen, dass selbst die artenreichsten Auwälder vom Baumbestand in Großstädten bei weitem an Vielfalt übertroffen werden. Dass in Berlin deutschlandweit die meisten Nachtigallen brüten. Oder dass es in Teilen von München fast so viele verschiedene Schmetterlinge gibt wie in erstklassigen Naturschutzgebieten. Gegen alle Voraussagen brüten Vögel in donnerndem Flugzeuglärm, bauen Nester auf dröhnenden Glockentürmen oder richten sich im Krach von Eisenbahnbrücken und Lasterkolonnen ein. Seltene Pflanzen blühen in Asphaltritzen, Füchse spazieren wie Flaneure durch die Innenstadt, Turmfalken gleiten durch Hochhausmeilen, als wären es Felsenschluchten.
Was aus Sicht der Natur für die Stadt spricht, ist das hohe Nahrungsangebot, der Wegfall vieler Feinde und vor allem die erhöhte Temperatur - womit sie auch als Modell für die Klimaerwärmung dienen kann. Es sind die wärmeliebenden Arten, die sich ausbreiten, darunter auch Exoten wie etwa die heute in Wiesbaden oder Köln lebenden Halsbandsittiche. Parks, Verkehrsinseln, Gärten, beflanzte Balkone oder brachliegende Flächen werden von Tieren und Pflanzen offenbar wie Inseln in einem Meer betrachtet, und seit Darwins Besuch auf den Galapagosinseln weiß man, was das bedeutet: Artenvielfalt. Inselgruppen sind die Orte mit der höchsten Biodiversität, anscheinend auch dann noch, wenn das Meer aus Stein ist und die Insel ein Park mit Rollschuhfahrern.
Wilde Tiere in der Großstadt
Bis Biologen die urbane Seite der Natur entdeckten und erforschten, musste einige Zeit vergehen, zu tief saß die Vorstellung von der Stadt als Unnatur. Nicht zufällig war es zuerst Berlin, von wo die ersten stadtökologischen Forschungen kamen, die Stadt also, die den Forschern im Westen gar keine andere Möglichkeit gab - Natur lag lange Zeit hinter der Mauer. Im Jahr 2004 publizierte der Berliner Biologe Cord Riechelmann das schöne Buch Wilde Tiere in der Großstadt, in dem er am Beispiel der Hauptstadt die städtische Artenvielfalt schildert. Und 2005 veröffentlichte Ingo Kowarik, Pflanzenökologe an der Technischen Universität und seit dreißig Jahren in Berlin ansässig, den Sammelband Wild Urban Woodlands - die wilden Wälder der Stadt.
In den Vereinigten Staaten hat sich die Entdeckung der urban nature längst über die biologischen Fachgrenzen hinaus zu einer Bewegung entwickelt. Hunderte von Städten betreiben Internetseiten, Hobbyfotografen bestücken Bilderforen, Buchläden verkaufen Stadtnaturführer wie Birds of New York. In einem Essay im Magazin New Yorker schrieb vor zwei Jahren der Schriftsteller Jonathan Franzen, wie er zum birdwatcher wurde - mitten in New York, im Central Park (siehe auch: Jonathan Franzen: Schriftsteller und Vogelfreund). Hinter der Begeisterung steckt eine einfache Einsicht: Die Entdeckung der städtischen Natur ist ein Gewinn an Lebensqualität. Wofür Touristen Tausende von Kilometern fliegen, liegt plötzlich vor der Haustür.
Und so könnte diese Geschichte gut enden, mit der neuentdeckten Wohnlichkeit unserer Städte, wenn Reichholfs Buch nicht auch die Vorstellung vom Land revidieren würde. Denn die Natur zieht nicht nur in die Stadt, sie verlässt auch das Land, einen Ort, den die industrialisierte Landwirtschaft zunehmend unbewohnbar gemacht hat. Die Natur flieht die Agrarwirtschaft: Gifte, Überdüngung, Monokulturen und verschmutztes Grundwasser. Sie findet ihre neue Heimat in der Stadt. Was Mitscherlich also einst Unwirtlichkeit nannte, die Trostlosigkeit einer verwalteten Welt - sie liegt inzwischen, für viele unsichtbar, auf dem Land.
Text: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 33
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