Wie ein Fall uns alle ansteckt

Dieser bedrohliche Riss in der Welt

Von Nils Minkmar

04. Mai 2008 Nach sechzehn Jahren außerhalb der Welt kam das Kind an Pfingsten zum ersten Mal unter Leute. Der Junge konnte kaum gehen und stehen, seine Sinne waren deformiert. Einmal am Weinkorken riechen, schon war er betrunken. Vor allem aber war seine Sprache verstümmelt: alle Menschen nannte er Bub, alle Tiere Ross. Die Medien flippten aus. Bald war es mit der Einsamkeit vorbei: Kaum weniger Besucher und entsprechendes Erstaunen als das Känguru und die zahme Hyäne im Tierpark habe Kaspar Hauser bei den schlangestehenden Zeitgenossen hervorgerufen, notierte sein späterer Mentor Anselm von Feuerbach.

Es war die öde Restaurationszeit, der Rückzug ins Private war angesagt, der Take-off der Industrialisierung noch weit weg. Der Kriminalfall ergriff von der Gesellschaft zwischen Biedermeier und Vormärz Besitz. Und irgendwie lag es nahe, diesem Fall von Kindesmissbrauch eine soziopolitische Relevanz zuzuschreiben, sie der Krise der Eliten anzulasten: Noch vor zehn Jahren ließ der „Spiegel“ per DNA-Test prüfen, ob Hauser nicht doch ein heimlicher Nachfahre des Hauses von Baden sei.

Verbrechen verlangt nach einer Geschichte

Heute gibt es einen Konsens darüber, dass Hauser viele Details seiner Gefangenschaft erfunden hat, weil die Leute das eben hören wollten; dass er unter der Aufmerksamkeit litt und sie zugleich genoss. Seine übermäßige Biobibliographie, die fast ebenso umfänglich ist wie die Mozarts, ist heute kaum noch lesenswert. Und doch ist es rührend, wie sich die Neuzeit am Fall des Kaspar Hauser abgearbeitet hat, wie dieser manische Wunsch nach Deutung die Zeitgenossen im Griff hielt.

„Es ist einfacher, ein böses Schicksal zu akzeptieren als den bloßen Zufall“, notiert Jan Philipp Reemtsma in dem nach seiner Entführung geschriebenen Buch „Im Keller“. Und dann: „Es ist meist einfacher, ein Unrecht hinzunehmen als eine Welt, die gar nicht nach Maßstäben von Recht und Unrecht oder wenigstens Richtig und Falsch eingerichtet ist.“ Das Verbrechen verlangt nach einer Geschichte, manchmal kann die Suche danach ein ganzes Land verrückt machen, in Frankreich beispielsweise kommt das öfter vor.

Ein Fall kann das ganze Land anstecken

Faits divers heißen dort die Kriminalfälle und Merkwürdigkeiten aller Art, vermischte Geschehnisse, das klingt beiläufig und nach der Irrelevanz der hinteren Seiten der Zeitungen, aber so ein Fall kann ausbrechen und das ganze Land anstecken wie eine Kinderkrankheit. So war es bei dem kleinen Grégory, einem 1984 ermordeten Jungen. Seine Mutter geriet in Verdacht, das Land in Aufruhr. Jahrelang Aufmacher der Nachrichtensendungen, Titelseite der Zeitungen, ein Seelensuchen und gequältes publizistisches und familiäres Umherirren zwischen Amateurforensik und moralischer Gewissheiten, ein nationales Taumeln, dem sich kaum eine öffentliche Figur entziehen konnte. Doch der Fall blieb ungelöst.

Auch Nicolas Sarkozy ist von der Sache der toten Kinder ganz besessen. Yasmina Reza beschreibt seine Aufregung, als er die Eltern eines Mordopfers in der ersten Reihe einer seiner Wahlversammlungen erblickt. In Sarkozys eigenen Büchern nimmt die Erörterung von Kindsmordfällen großen Raum ein. Da finden sich die Schilderungen seiner Begegnungen mit den verwaisten Eltern, die freilich mit Politik wenig zu tun haben - in keinem Staat der Welt ist Mord erlaubt, in keinem kann er immer verhindert werden. „Kommen Sie als Innenminister oder als Vater?“, hat ihn der vom Medienandrang verdrossene Vater eines toten Kindes gefragt „Monsieur, ich bin als Vater zu Ihnen gekommen.“ So wurde er hereingelassen, schreibt er stolz. Wozu genau, das bleibt unklar, es sind ratlose, gutgemeinte Besuche, um dem Grauen nicht das letzte Wort zu lassen.

Dürftige Deutungen

Große Verbrechen fordern uns heraus: Man will sich einen Reim machen, etwas erkennen, das hilft, vorzubeugen, unsere Zeit und die Örtlichkeiten besser zu verstehen. Nicht immer kommt dabei viel heraus, viele manische Erklärungs- und Einordnungsversuche erinnern eher an den Reflex von Waschbären, ihre Nahrung im Wasser zu spülen, und an die Verzweiflung der Tiere, wenn ihnen böse Kinder Zuckerwatte hingelegt haben: Je mehr man macht und wäscht und eintaucht, desto weniger hat man.

In der „Daily Mail“ versuchte Peter Millar, den Fall von Amstetten mit der Unentschlossenheit Österreichs in der Aufarbeitung der Nazivergangenheit zu erklären: Das ganze Land habe Leichen im Keller, da dürfe man sich nicht wundern. Oben werde der Mythos der Trappfamilie gefeiert, aber - hah! - im Dunkeln leben die Inzestkinder. Mit solchen Urteilen hat man ewig recht, aber angesichts des konkreten Leids, das durch noch so viele Wiener Wehrmachtsausstellungen nicht beendet worden wäre, ist es auch etwas dürftig.

Auf Serienmörder ist keine Verwaltung vorbereitet

Lobenswert, aber wenig überzeugend sind auch all die Indizien, die nun gegen Josef F. gesammelt werden, und der mit ihnen zusammenhängende Gedanke, man hätte sie bloß vorher verknüpfen müssen, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen. Solche Indizien sprechen leider nur vor dem Hintergrund eines gelösten Falls. Einer verbringt viel Zeit im Keller, aus dem man Geräusche hört, und ist ein dominanter, fieser Typ - daraus kann man, selbst nach intensiver Lektüre von Manfred Deix und Elfriede Jelinek, nicht schließen, dass er seinen öffentlich geförderten Atombunker zu einem Folterkeller ausgebaut hat, in dem sieben Inzestkinder zur Welt kamen. Wer würde das auch glauben?

Sicher, seit den achtziger Jahren wurde überall die Verwaltung und besonders die Fürsorge verschlankt. Die Damen, die wie Frau Prusselise in den Pippi-Langstrumpf-Geschichten im Namen der Gemeinde von Haus zu Haus gehen, um zu sehen, ob da nicht Mädchen mit einem Affen und einem Pferd in einer kunterbunten Villa wohnen, gibt es nicht mehr. Etwas mehr Ermittler in den Jugendämtern wären gut, aber auf Sadisten, Kannibalen und Serienmörder ist keine Verwaltung vorbereitet.

Es ist Hyperaktivität

Verbrechen dieser Dimension offenbaren einen Riss in der Welt, den Medien, Leser und Zuschauer, alle am Zeitgeschehen teilhabenden Menschen ebenso manisch wie unzulänglich zu kitten versuchen, mit Informationen, eigenen Gedanken und Geschichten.

Im Fall Madeleine McCann, die vor einem Jahr in Portugal verschwand, ist ein halbes Dutzend detailreicher Websites online; jede Kleinigkeit jeder beteiligten Person ist da verzeichnet. Der Nutzer kann sich über die Scheidung des einstigen Verdächtigen Robert Murat informieren und sich Gedanken über dessen neue Beziehung zu einer verheirateten Deutschen machen. Mit dem vermissten Kind hat das nichts zu tun, es ist Hyperaktivität, man will ja auch nichts verpassen. Vor lauter Detailbesessenheit gerät aus dem Blick, dass es die britische Regierung zulässt, dass die eines Verbrechens offiziell verdächtigten Eltern in den Medien dazu aufrufen, alle von den Portugiesen vernommenen Zeugen mögen ihre Aussage auch bei ihnen wiederholen, damit sie so viel wissen wie die gegen sie arbeitenden Ermittlungsbehörden - der Traum jedes Angeklagten und überall illegal. Das Strahlen der weltweiten Medien, das die Eltern aktiv suchen, scheint hier nicht weniger düster, als es der Keller von Amstetten ist.

Gegen diesen Sadismus ist der Alltag nicht gewappnet

Josef F. hat in seiner mit ordentlicher Baugenehmigung errichteten Kellerwohnung, die wiederum aus einem im Kalten Krieg öffentlich geförderten Atombunker hervorgegangen ist, die platonsche Höhle der Unmündigkeit, Dantes Inferno und den Folterkeller aus „Pulp Fiction“ realisiert. Gegen solchen Sadismus ist der Alltag nicht gewappnet, keine Gesellschaft kann funktionieren, die einem grimmigen Rentner unterstellt, das unterirdische Züchten von Menschen als Hobby zu pflegen. Es ist ein Reich des Bösen, das sich der Gestaltungsmacht aller Politik entzieht, und, nein, es braucht da kein neues Gesetz: Vergewaltigung, Folter und Mord sind bereits verboten.

Und doch passt jeder große Fall in seine Zeit. Natascha Kampusch, Amstetten und Madeleine McCann sind Verbrechen ohne Blutspur, begangen ohne Splatteroptik und mit kaum einem Laut, sie stehen am Ende einer Entwicklung, die mit Jack the Ripper begann. Statt seines öffentlich angekündigten und in Straßen oder Hotelzimmern zelebrierten, schnellen Blutrauschs sind die Kriminellen unserer Zeit an der langfristigen Intimität des Bösen interessiert, ihre Perversion ist die Perfektionierung des Verschwindens - wie satanische Illusionisten lassen sie Menschen aus dem Licht der medial verbundenen Gesellschaft in ihre private, schallgedämpfte Gewalt überwechseln. Ganz ohne Zeitbezug ist das nicht: „Black Sites“, also nicht ausgewiesene Gefängnisse, Folter ohne Blutvergießen und unrechtmäßig entführte Personen sind ein trauriges Markenzeichen moderner Kriegsführung geworden, wie die Notoperation auf dem Schlachtfeld oder das Gemetzel mit Bajonett zu Zeiten Jack the Rippers.

Der Sonderfall als ungutes Zeichen

Doch je mehr Ähnlichkeiten und Zeitbezüge man entdeckt, desto fremder wird die Sache. Man versteht den Sonderfall schließlich als ungutes Zeichen - aber wofür genau?

Jede alte Chronik verzeichnet Preissteigerungen, den Umfang der Ernte und daneben die unguten Veränderungen des Wetters und die seltsamen Fälle: Es regnet Frösche, ein Bruder heiratet unwissentlich seine Schwester, ein Kind kommt ganz behaart zur Welt. Was will uns die Welt damit sagen? Lange waren der Teufel, Hexen und Dämonen die Erklärung. Aber je mehr Glaube und Aberglaube dem Vertrauen auf Wissenschaft und Technik wichen, die Entzauberung der Welt voranschritt, desto schwieriger wurde es, das Bizarre in einer vernünftigen und aufgeklärten Welt einzuordnen.

David Lynch hat eine ganze Karriere damit zugebracht. Ist ihm die Welt dadurch geheurer geworden? Bei seinem letzten großen Auftritt im Élyséepalast versuchte er jedenfalls, Präsident Sarkozy davon zu überzeugen, dringend einen „Turm der Unbesiegbarkeit“ in Paris zu bauen.

Es gibt keinen Schutz

Absurde Aktionen, Blogs, Debatten, Filme und Texte sind unsere Antwort auf den Riss in der Welt. Es gibt aber dagegen keinen Schutz, Verbrechen dieser Dimension nutzen unsere menschliche Verletzbarkeit, jene fragilité, der Jean-Claude Carrière ein bestechendes Buch gewidmet hat.

Diese Zerbrechlichkeit ist dort am größten, wo wir den meisten Schutz vermuten, darum sagen all die Fälle etwas über unsere Zeit, darum treffen sie uns so. Im Fall von Madeleine McCann geschah das Verbrechen in der Wohnung; die Stunden, die die Polizei gerne rekonstruieren möchte, sind jene, in denen die Familie allein war. In Österreich waren die Tatorte fachmännisch und doch selbst ausgebaute Keller, Hobbykeller, Partykeller im Eigenheim eines ruhigen Wohnviertels, es gibt kein treffenderes Symbol für Biederkeit. Das Unfassbare geschah nicht in der Öffentlichkeit eines Kults oder im Namen einer wahnsinnigen Einflüsterung. Ganz ohne Teufelsglauben, ohne totalitäre Ideologie, ohne höheren Auftrag und Gruppenzwang, sondern selbständig, eigenverantwortlich, teilweise - selbst ist der Mensch - mit den Mitteln des örtlichen Baumarkts haben die perversen, aber modernen Täter die Hölle privatisiert.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa

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