26. August 2009 Bei China als diesjährigem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse geht es offenkundig nicht bloß um einzelne Schriftsteller und nicht nur darum, wie sich die Pekinger Regierung auf einer internationalen Kulturbühne präsentiert. Es wird auch darum gehen, was im gegenwärtigen Stadium der Globalisierung China für die Welt überhaupt bedeuten mag. Und da hat eine Region ein Wörtchen mitzureden, die im chinesischen Pavillon gar nicht vertreten sein wird: Taiwan.
Der Kampf um die eigene, chinesische und nichtchinesische Identität, der seit dem Ende der Diktatur 1987 auf der Insel tobt, erreicht in diesen Tagen einen neuen Höhepunkt. Als fast nirgendwo mehr anerkannter Staat, der diplomatisch zwischen allen Stühlen sitzt, ist Taiwan in einem viel existentielleren, grundlegenderen Verständnis eine Zivilgesellschaft und ein Kulturstaat als andere Weltgegenden: Kulturelle Debatten sind hier ganz unmittelbar politisch, da sie den Boden dessen betreffen, von dem her eine Politik überhaupt möglich ist.
Was ist überhaupt China?
In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt China, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.
Die Publizistin Lung Ying-tai, die spätestens seit ihrer Amtszeit als Kulturbeauftragte der Stadt Taipeh Ende der neunziger Jahre eine der bekanntesten und umstrittensten Intellektuellen Taiwans ist, veröffentlicht gerade ein Buch mit dem Titel 1949, das sich zum Ziel setzt, alle nur oberflächlich verkrusteten Wunden dieser vielfach zusammengesetzten Gesellschaft aufzureißen. Wir treffen sie in den Räumen einer Stiftung, die ihren Namen trägt und die seit fünf Jahren der durch die diplomatische Isolation drohenden Provinzialisierung Taiwans wehren will; hier finden Diskussionen zu internationalen Fragen mit internationalen Teilnehmern statt. Frau Lung ist eine energische Person, die nicht gern Zeit verliert, aber dabei doch immer charmant und verbindlich bleibt. Während wir mit ihr am Tisch sitzen, schreibt sie die chinesischen Schriftzeichen für die Danksagung ihres Buchs auf ein Papier; erst am Tag zuvor ist das Manuskript fertig geworden.
Schweigen über doppelte Scham
1949 stießen Tschiang Kai-scheks Truppen und die anderen Flüchtlinge vom Festland, insgesamt etwa 1,2 Millionen Menschen, in Taiwan auf die schon lange dort lebenden chinesischen Emigranten und Ureinwohner der Insel. Tschiangs nationalistische Partei, die Kuomintang, errichtete ein diktatorisches Regime, das mit volltönender Rhetorik für sich in Anspruch nahm, das wahre China zu repräsentieren und so rasch wie möglich auch wieder die Macht auf dem Festland zu übernehmen. Doch hinter diesem Triumphalismus verbarg sich laut Lung Ying-tai das Schweigen über eine doppelte Scham: Sowohl die Alteingesessenen als auch die Zugezogenen hatten gerade einen Krieg verloren - die Kuomintang den Bürgerkrieg gegen die Kommunisten, die Taiwaner als Untertanen und Soldaten einer japanischen Kolonie den Weltkrieg im Pazifik. Lungs Buch erzählt von den Traumata, die seither verdrängt wurden, von der Belagerung der Stadt Changchun durch die Rote Armee etwa, die nur 170.000 von 1,2 Millionen Einwohnern überlebten, oder von den Kriegsverbrechen, an denen auch Taiwaner in japanischen Diensten ihren Anteil hatten.
Die herausfordernde Pointe des Buchs ist, gegen das lautstarke Siegerpathos, das die Volksrepublik in ihrem Jubiläumsjahr verbreitet, Taiwan als Land der Verlierer darzustellen - Verlierer allerdings, die im Lauf der Zeit gelernt hätten, statt auf nationale Triumphe auf universelle Werte Wert zu legen, auf den Frieden.
Überall, wo China war, durfte jetzt nur noch Taiwan sein
Man ermisst die Provokation dieses Blicks erst dann ganz, wenn man sie vor der Folie der taiwanischen Debatten der letzten Jahrzehnte betrachtet. Denn nach dem verordneten chinesischen Nationalismus der Kuomintang schlug das Pendel nach der Aufhebung des Kriegsrechts vor zweiundzwanzig Jahren allmählich in die entgegengesetzte Richtung aus. Als 2000 zum ersten Mal die Opposition, die Demokratische Fortschrittspartei, die Macht errang, unternahm Staatspräsident Chen Shui-bian nicht nur, sehr zum Verdruss Pekings, Schritte hin zu einer formellen Loslösung von China, er gab diesem politischen Willen zudem mit einer Kampagne Ausdruck, der zufolge Taiwan auch kulturell keineswegs chinesisch sei, vielmehr im Lauf seiner Geschichte eine ganz eigenständige Identität aus den Traditionen der Eingeborenen, der Zuwanderer und der Kolonisatoren ausgebildet habe.
Mit wachsender Geschwindigkeit wurde ins Werk gesetzt, was taiwanische Kritiker heute eine kleine Kulturrevolution nennen: Schulbücher wurden umgeschrieben, staatliche Behörden umbenannt, überall, wo China war, durfte jetzt nur noch Taiwan sein. Die Fokussierung auf die Geschichte Chinas, mit der die Kuomintang ihren Machtanspruch unterstrichen hatte, wurde durch ein forciertes Herausstreichen der Eingeborenenkulturen ersetzt.
Die freieste, reichste und vielfältigste Stadt
Zunehmend polarisierte sich die Gesellschaft, die doch in ihrem Bestehen auf eigenständiger Selbstbestimmung einig war, und Präsident Chen verlor, auch wegen der Korruptionsvorwürfe gegen ihn, rapide an Popularität. Der neue Präsident Ma Ying-jeou von der 2008 wieder gewählten Kuomintang schlägt nun versöhnliche Töne gegenüber Peking an, und auch er untermauert das mit kulturellen Gesten: Bei Zeremonien zu Ehren von Konfuzius oder des Gelben Kaisers, des mythischen Ahns aller Chinesen, führt er demonstrativ den Vorsitz.
Lung Ying-tai wirft diesen Pendelausschlägen vor, immer nur einen Ausschnitt der Geschichte im eigenen Interesse für das Ganze auszugeben. Die Kultur werde als Ideologie benutzt, der man immer neue Farben aufträgt, so hatte sie schon früher geschrieben; stattdessen müsse es darum gehen, den großen Strom der Kultur selbst kennenzulernen. Taiwan sollte also zu all seinen Widersprüchen, zu den gegensätzlichen Erfahrungen seiner einzelnen Bevölkerungsgruppen stehen. Aber: Wir sollten weiterhin mit China über die Kulturhoheit streiten. Die chinesische Kultur, die ja im Lauf ihrer Geschichte mindestens so sehr von den Dissidenten wie von den Herrschenden ausgebildet worden sei, habe sich in Taiwan ungebrochener erhalten können, sowohl in ihrer volksreligiösen Ausprägung als auch in der Tradition der modernen Vierten-Mai-Bewegung von 1919; Taipeh sei die freieste, reichste und vielfältigste Stadt in der chinesischsprachigen Welt.
Eine überwältigende Mehrheit sieht sich heute als Taiwaner
Man spürt bei den Unterhaltungen mit taiwanischen Intellektuellen, wie sehr die kulturideologischen Schlachten der letzten Jahre sie noch aufwühlen, doch zugleich scheint, wie in der Gesellschaft als Ganzem, der Wille stark zu sein, die Polarisierungen hinter sich zu lassen. Bei Umfragen sieht sich heute eine überwältigende Mehrheit als Taiwaner und nicht etwa als Chinesen, doch zugleich ist der Anteil derer, die eine formelle Unabhängigkeitserklärung von China befürworten, auf zwanzig Prozent gefallen. Das hat gewiss mit der Kriegsdrohung aus Peking zu tun - und mit den massiven Warnungen Washingtons vor einer Abänderung des Status quo -, aber auch mit einer größer gewordenen Gelassenheit im Umgang mit Traditionselementen jenseits von politischen Zuschreibungen.
Schon früher hatte es eine solche mehrfach geschichtete Selbstdeutung gegeben. Während der japanischen Besetzung von 1895 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs suchten viele Taiwaner ihre chinesische Kultur in geheimen Lyrikvereinen und Literatur-Instituten zu behaupten. Doch nach 1945 gaben ihnen die überlegene technische Infrastruktur und die sozialen Institutionen, die ihnen die Japaner hinterlassen hatten, ein eigenes Selbstbewusstsein gegenüber den herrisch auftretenden Flüchtlingen vom Festland, die von den Inselbewohnern, zu deren großer Verwirrung, als Chinesen bezeichnet wurden.
Die chinesische Kultur ist diskret
Der Ideengeschichtler Huang Chun-chieh erzählt diese Episode in seinem Buch Taiwan in Transformation, in dem er wie Lung Ying-tai dafür plädiert, sich mehr der Welt zu öffnen und zugleich zu einem tieferen historischen Verständnis dessen zu gelangen, was China heißt. Huang will den Konfuzianismus aus dem bloß nationalen Kontext, in dem er auf dem Festland betrachtet wird, herauslösen und ihn, wie er das in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung (transcript Verlag, Bielefeld 2009) vorführt, in eine weitere ostasiatische Kulturperspektive stellen.
Als wir uns in seinem Präsidentenbüro des Institute of Advanced Studies von Taipeh treffen, läuft im Hintergrund leise buddhistische Musik, und auf dem Tisch stehen japanische Süßigkeiten. Huang lässt keinen Zweifel daran, dass er China für fähig hält, einen großen Beitrag zur Weltkultur zu leisten; gerade gibt er mit dem Essener Kulturwissenschaftler Jörn Rüsen eine Buchreihe mit dem anspruchsvoll bescheidenen Titel Being Human heraus. Doch worin dieser Beitrag genau besteht, entzieht sich fixen Zuschreibungen - die chinesische Kultur ist diskret. Es sei, sagt Huang, Sache einer freien Zivilgesellschaft, das herauszuarbeiten.
China als Teil taiwanischer Vielfalt
Tatsächlich hat Taiwan etwa schon den Zeichner Cai Zhizhong hervorgebracht, der mit seinen erstaunlich originalgetreuen Comics über Laotse, Zhuangzi, Konfuzius und viele andere Philosophen einer der populärsten Interpreten der chinesischen Kultur in der ganzen Welt sein dürfte. Und in Taipeh lebte auch der kürzlich verstorbene Buddhist Sheng Yen, einer der wenigen verbliebenen, weltweit beachteten Autoren der ursprünglich in China entstandenen Chan-Tradition (aus der später der japanische Zen hervorging). In Taiwan gründete er die internationale Organisation Dharma Drum Mountain, die der amerikanische Politikwissenschaftler Richard Madsen in seinem Buch Democracy's Dharma (2007) als Beispiel dafür bezeichnet, wie sich in den letzten beiden Jahrzehnten die Entstehung einer taiwanischen Zivilgesellschaft und die Revitalisierung von Buddhismus und Taoismus gegenseitig bedingt hätten.
Ein Indiz dafür könnte auch sein, dass Rex How, einer der einflussreichsten Verleger Taiwans, kürzlich ein Buch mit dem Titel Das Diamant-Sutra und ich - Bekenntnisse eines Underground-Buddhisten schrieb und dieses Buch sofort ein Bestseller wurde. Er hatte das Sutra, das für den chinesischen Chan so einflussreich war, vor Jahren zufällig für sich entdeckt, und ähnlich unideologisch und subjektiv scheint es für ihn auch mit China überhaupt zugehen zu sollen. Einen Weg zurück zur aufgezwungenen China-Geschichte der Diktatur, sagt er, könne es nicht geben. Taiwans Stärke sei gerade seine Vielfalt, bei der nicht alles von einem Punkt her aufgezogen werde. Aber in diese Vielfalt werde China jetzt wieder einbezogen, und eine neue Phase der Selbstfindung setze ein.
Der taiwanische Buchmarkt erlebte ein beträchtliches Wachstum
Rex How pflegt im eigenen Verlag Locus Publishing, der Büros in Peking und neuerdings in New York unterhält, einen regen Lizenzaustausch mit dem Festland. Zugleich ist er Kulturberater von Präsident Ma und organisiert in Hongkong, Schanghai, Peking und Taipeh eine Seminarreihe über chinesische Kultur.
Der taiwanische Buchmarkt erlebte in den letzten Jahrzehnten ein beträchtliches Wachstum. 1975, als sich die Verlagschefs und Chefredakteure noch wöchentlich mit den Zensoren zum Abendessen treffen mussten, erschienen zweitausend Titel jährlich; heute sind es vierzigtausend. Jetzt sollen die rund eine Million bisher in Taiwan veröffentlichten Bücher komplett digitalisiert werden. Was die taiwanische Buchwelt jedoch am meisten auszeichnet, sind die wunderbaren Buchhandlungen, die es fertigbringen, groß (oft über vier Stockwerke hinweg), vornehm und gemütlich zugleich zu sein.
Die chinesische Geschichte auf manipulative Weise in Stücke geschnitten
Und in diesem Leseland ist es möglich, dass ein Schriftsteller von allen Taxifahrern geliebt wird: Chang Ta-chun. Der Autor, der bei den Lesern wegen seiner komplexen Vexierspiele und einer mehrbändigen modernen Kung-Fu-Saga bekannt ist, moderiert auch eine sehr populäre Radiosendung. Als wir ihn bei Häagen-Dazs treffen, schimpft er auf die Ichbezogenheit der neuen Literatur und auf sechzig Jahre taiwanische Kulturrevolution, die die chinesische Geschichte auf manipulative Weise in Stücke geschnitten habe.
Chang Ta-chun wird ebenso wie Lung Ying-tai und der in Amerika lehrende Literaturwissenschaftler David DW Wang auf der Frankfurter Buchmesse auftreten. Die Stiftung der Buchmesse Taipeh, die sie eingeladen hat, präsentiert an ihrem Stand unter dem Titel Only in Taiwan auch chinesische Bücher, die man in der Volksrepublik nicht kaufen kann. Aber das Besondere dieser speziellen Kulturzone ist vielleicht noch etwas anderes.
Man merkt es, wenn Professor Huang Chun-chieh sagt, als Konfuzianer spreche er ja eigentlich nicht mit Journalisten, aber bei Ausländern mache er eine Ausnahme - das sei man seinem Land schuldig. Oder wenn man bei Unterhaltungen entdeckt, dass die Gesprächspartner nicht nur Autoren, Verleger oder Wissenschaftler sind, sondern meist noch etwas anderes, womit sie auf irgendeine Weise Taiwan vertreten, ob als Berater, in einem Kultursalon oder in einer Stiftung. In riskanten Lagen wie der, in der sich Taiwan befindet, kann man sich keine zu sehr gegeneinander abgegrenzten Identitäten leisten, und sei es die eines individualistisch freischwebenden Intellektuellen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
Ich will als Dirigent immer das Schwerste: Gespräch mit Christian ![]()
Die Filmstarts vom 11. Februar
Gegen den Hass: Zwei Erklärungen des chinesischen Regimekritikers Liu Xiaobo
Votivtafeln für die Verletzungen der Seele: Frida Kahlo für junge Leser
Facebook weiß alles über uns: Das soziale Netzwerk sammelt nicht nur Daten über seine Mitglieder
Werwölfe, Romantiker und WiderständlerDie neuen Filme in den deutschen Kinos: Bild für Bild zum![]() |
![]() |