Geschichtsgefühl

The world of morgen

Von Jörg Albrecht

Stefan Zweig

Stefan Zweig

01. Januar 2009 Im Vorwort zu seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ beschreibt Stefan Zweig die rasanten Veränderungen, mit denen ein 1881 geborener Mensch in seiner Lebensspanne konfrontiert wurde. Wir haben einen Autor des Jahrgangs 1981 gebeten, Zweigs Text wiederzulesen und seine eigenen Umbruchs- und Beschleunigungserfahrungen aufzuschreiben.

Wenn hier noch ein Foto von mir abgedruckt wird, bitte den Bildstreifen dranlassen, damit jeder weiß, dass es kein digitales Foto ist. Ok? Danke. Dann geht‘s los: 1981 geboren, drei Wochen nach MTV, aber indem ich das sage, berichte ich nur von mir. Denn natürlich möchte ich mich nicht nach vorn stellen als Generation MTV, eher als Audiokommentar, der aus dem Off kommentiert, das heißt: MTV gibt Bilder, ich spreche Sätze, und es wird MEINE Erfahrung sein, von der ich berichte, Erfahrung keiner Generation. Aber jetzt mal von vorn: 1981 in einer kleinen deutschen Hauptstadt geboren, aber man suche sie nicht auf der Karte von Deutschland , sie ist nicht mehr Hauptstadt, aber wenigstens noch Stadt in dieser neuen Republik. 1998 ist diese Republik endgültig da.

Goodbye, Kohl. Goodbye, Sozialdemokratie. Goodbye, Republik 1.0, in der ich aufwachse. Aufwachsen, aber nicht allein, sondern mit Freunden. Einmal mit den Freunden neben mir auf dem Schulweg oder vorm Fernseher, und einmal mit den Freunden im Fernseher, in TV-Serien, Videoclips, Videospielen, mit den Videospielkonsolen selbst, mit den Controlpads der Videospielkonsolen. Lebenszeit, ich habe so viel Lebenszeit mit diesen Geräten verbracht und mit den Geschichten, die sie mir erzählten, sie und ihre Popstars: Spiderman, Michael Jackson, Zack McKracken, in entlegenen Ecken des Bildschirms, von denen ich nie gedacht hätte, daß ich sie lieben könnte.

Zeiten, wie sie mich heute noch suchen und vermissen

Das waren Zeiten! Zeiten, wie sie mich heute noch suchen und vermissen, fast mehr als ich sie. Zeiten der Beschleunigungserfahrung, nicht nur für mich, auch für die Geräte um mich herum. Zeiten, die dann irgendwann das Web hervorbringen und sich so noch mehr in die Wahrnehmung einschreiben, in meine Augen, meine Hände, Synapsen. Durch Fernsehsendungen, die ich zu jedem Zeitpunkt auswählen kann. Durch Fehlermeldungen, die eintreffen, bevor ich die Mail verschickt hab‘. Durch Bekennervideos, deren Previews im Netz uns über Explosionen informieren, noch bevor die geschehen, in anderen Teilen der Welt oder nebenan. Umso schlimmer, dass der Republik 1.0 doch keine Republik 2.0 folgt, sondern 1.01 oder 1.1. oder 2.010, oder wie auch immer Schröder sie numerieren würde, nur so sicher nicht: 2.0.

Mit dem Web ist das Digitale da, jetzt wird es nur Zeit. Zeit, es als eigene Ordnung anzuerkennen, nicht so zu tun, als wäre es dem Analogen ähnlich, zumindest soll es ähnlich aussehen, sich ähnlich anfühlen, anhören, vergleiche: das mechanische Klicken der Digitalkamera. Am Rand des Fotos wird der Bildstreifen als Bildstreifen belassen, damit jeder merkt, dass es eine analoge Fotografie ist, also eine WIRKLICHE Fotografie, mit allem, was sie ausmacht, mit allem, was sie nicht ausmacht.

404: Es ist ein Fehler aufgetreten

Mach den Blitz aus! Ach nein, der Red Eyes Effect in Photoshop steht schon bereit, um rote Augen nachzubearbeiten. Bald auch: Closed Eyes Effect für Augen, die geschlossen sind, offen erst nach der Nachbearbeitung. I simply love the 21st century. Für solche Möglichkeiten, die bisher unmöglich schienen. Oder für die Tatsache, dass das Wort Bandsalat schon 2006 auf der Liste vom Aussterben bedrohter Wörter stand . Oder für die HDR-Bilder, bei denen man in zehn Jahren klar sieht, das kann nur ein Foto aus den Nullerjahren sein, schon in zehn Jahren sieht man das, in fünf, vier, drei.

404: Es ist ein Fehler aufgetreten. Du hast Dich verlaufen! Der angesteuerte Beitrag existiert nicht. Und jetzt? Time to ring Marshall McLuhmann? Am Telefon sagt der: Alles, was außen geschieht und innen, ist medial. Dennoch checken, dass Realität auch in digitaler Form an die Zimmertür klopft, ans Stadttor, an die Tore Europas. Anstehende Katastrophen, die so lang anklopfen, dass man denkt: Der Beat gehört einfach dazu, oder?

Dein Leben in 24 Zeilen, sichtbar in der Chronik des Firefox

Diese Katastrophen zu vergessen ist im digital age zum Glück viel anstrengender, weil man immer erinnert wird: Möchten Sie ihre Existenz wirklich löschen? Immer noch einen Klick mehr, um zu vergessen. Alles wird behalten und ist deshalb available, auch du, zu jeder Tageszeit, Nachtzeit, 24 Stunden. Die Erdgeschichte in 24 Stunden. Dein Leben in 24 Zeilen, als elektronisches Protokoll, sichtbar in der Chronik des Firefox. „So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern“, kann Stefan Zweig noch schreiben, aber unser Heute ist verschieden von unserem Heute. Oder checkt man die Updates nur schneller, dank Twitter und anderer Mikroblogs, die nicht nur mir, sondern auch den Menschen, an die ich angeschlossen bin, die ganze Zeit erzählen, was ich tue? Gerade das wird unsere Praxis von Identität hoffentlich endlich verändern. Denn natürlich geht es nicht nur darum, noch eine Mail-Adresse einzurichten oder noch einen Raum und noch ein Gesicht zu bekommen, bei Myspace und Facebook.

Es sind verschiedene Existenzen, die inein- ander geschachtelt in uns existieren, und ich muss nicht fragen: welches Leben?, weil ich sowieso nicht antworten kann, eindeutig. Darin nicht nur Marketing sehen oder ein Second Life, in dem man der Realwirtschaft etwas hinzufügen kann, und auch nicht nur die Möglichkeit, unverbindlich zu flirten, auf love24.de.

Die Erdgeschichte in 24 Frames pro Sekunde

Erkennen, dass das, was im Web passiert, nur zeigt, wie Identität funktioniert, immer, und dass für die Menschen der vergangenen Jahrhunderte diese Möglichkeit im Dunkeln blieb, weitgehend. Die Erdgeschichte in 24 Frames pro Sekunde. Innerhalb der letzten Mikrosekunde dieser Geschichte, im Frame des Neogens: ein Bild, in dem sich Silicium, Beton und Glasfasern zusammendrängen. Das wäre das digital age, im Diagramm der Erdschichten, in der Geochronologie, Zeit, wie sie uns sucht und sucht und sucht. Oder Google, wie es uns sucht und findet, in 0,03 Sekunden.

Beschleunigungsverfahren, die dir den Atem nehmen. Beschleunigungsverfahren, nicht nur für den Atem, auch für deine Identität. Und jetzt bitte nicht denken, es wäre das Ende der Welt, weil Identität nicht mehr ohne Fehlermeldungen funktioniert, eher: die Atempausen nutzen. Wenn man dann Atem holt, um Atem zu holen, verstehen: Ich muss mich selbst sehen, in meiner Vergangenheit, in meiner Gegenwart, sehen, dass ich mich so oft verändert habe, dass niemand es zählen kann, erzählen kann.

I'll consume my consumers / with no sense of humor

Wenn ich das meiner Kamera erzähle, sagt sie mir: Das weiß ich schon lang. Und sie zeigt mir Bilder von dem, was einer angemessenen Praxis von Identität im alltäglichen Leben entgegensteht: Ideologien der old new economy, new new economy oder whatever. Diese Weltfinanzwelt, die für mich etwas ganz anderes ist als die world wide world, auf die ich hinauswill, allein, weil sie die ganze Zeit mit Grace Jones singt: i’ll consume my consumers / with no sense of humor. Weltfinanzwelt, maßlos ökonomisch, ökonomisch maßlos. Weltfinanzwelt, tonight, on Sick Sad World. Auch die Geschichte wird in diesem Jahrtausend nicht weniger sick, nicht weniger sad und wird nicht weniger sparen, mit Katastrophen, warum auch? Roland Emmerich und Bernd Eichinger wollen ja auch nie hinter die Verschwendungen ihres letzten Films zurück, nie. Katalog der Katastrophen, jetzt bestellen, in der Onlineversion, unter lovegermany24.de oder loveeurope24.com, je nach Standort, klick hier, für frei!

Wir werden immer weniger Atempausen kennen, und die Geräte um uns herum haben immer mehr erlebt als wir. Wir werden immer mehr Wahrnehmungen und Erfahrungen mit diesen Geräten teilen müssen, um noch zu atmen. Wir werden immer mehr Atem holen müssen, um Atem zu holen. Technologien, die uns dabei helfen können, noch ehe sie entwickelt sind. Technologien, die uns wenigstens einen Schritt näher ans 22. Jahrhundert heranlassen und einen Schritt weg von „The Day After Tomorrow“ und anderen Krisenfilmen und ihrer Verschwendung, weg von Beschleunigungsverfahrung.

Wo Geräte und Geräte genauso verlinkt sind wie Menschen und Menschen

Es gibt kein Land, in das man flüchten kann, keine kaufbare Ruhe vor dem, was uns erwartet. Es gibt nur ein Zusammenleben, das zu wagen ist, eine world wide world, in der Geräte und Geräte genauso verlinkt sind wie Menschen und Menschen, genau so wie Geräte und Menschen. Das aber setzt voraus, Identität endlich als ständig sich verändernd und veränderbar zu sehen und nicht mehr als Ausrede, auf deren Grundlage wir die anderen zu anderen erklären, die sogenannten Entwicklungsländer oder die iPhones.

Entwicklungsländer und iPhones funktionieren nach Mechanismen, die wir angeblich nicht verstehen können und immer draußen stehen und uns wundern, warum etwas nicht funktioniert, anstatt uns selbst als Entwicklungsland zu begreifen oder als iPhone. Die Räume und die Geräte endlich als Teil des Menschen und der Geschichte erkennen, anerkennen und nicht nur flirten, mit europäischen Städten und iPods, auf lovecentury19.de.

So Europe won‘t break us down

Wenn ich das meinem mp3-Player erzähle, sagt der nur: Ich nehme ja auch anders wahr als die Generationen vor mir, jetzt, wo ich auch noch Videos zeige. Und dann zeigt er ein Video, Titel: Erinnerungen keines Europäers. Und ich denke an andere Heimaten, die das Herz vielleicht noch mehr will, weil es über Europa hinauswill, hinaus, so Europe won‘t break us down. Erinnerungen keines Europäers, sondern eines Menschen aus der restlichen world wide world.

Erinnerungen eines Menschen, der woanders lebt als im Westen der Welt, der überall ist. Erinnerungen eines Menschen, der keine Nation als Heimat braucht, eines Heimatlosen, der gerade deswegen neue Heimaten findet, in Räumen, in denen andere mit ihm zusammenleben, mit ihm, als iPhone, als Entwicklungsland, Entwicklung eines Menschenbildes, das endlich über den Menschen Europas hinausgeht.

Let's start! Let's start, let's let's. START, NOW!

Mark Terkessidis sagt: Eine Gruppe, die sich nicht mehr über eine gemeinsame Vergangenheit, sondern über eine gemeinsame Zukunft definiert. Von meiner Vergangenheit brauche ich nichts, nur, was sowieso gespeichert ist. Das im Cache haben, um sich einzulassen auf die, die ganz anders sind, mit denen wir leben wollen und müssen, ich sage es einmal und noch einmal. Das sang Kele Okereke von Bloc Party damals, 2008, Album: Intimacy. Erinnerung an eine Zukunft, wie sie uns 2048 lächerlich scheint, weil wir dann wissen, was wir heute sind. Oder, wie Peggy Phelan schreibt: „The future is the stage that promises to dramatize our pasts, to enact them in such a way that we might begin to understand them, touch them, to know them, to become intimate with them.“

Intimacy/Intimität und Nachhaltigkeit. Na klar, bei Liebe nachhaltig sein, ist schwer. Obwohl, Nachhaltigkeit bedeutet ja auch mehr, als aufladbare Batterien zu kaufen, mehr, als Ressourcen zu horten, mehr, als eine Mauer um Europa zu bauen oder dein Herz. Unsere Geschichte verteilen an alle, die an ihr teilhaben wollen, in the upcoming centuries, against the downdumping centuries. Let’s start! Let’s start, let’s let’s. START, NOW!

Der Schriftsteller Jörg Albrecht, geboren 1981 in Bonn, lebt in Berlin. 2006 erschien sein Debütroman „Drei Herzen“. In diesem Jahr veröffentlichte er den Band „Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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