Von Anita Boomgaarden
14. März 2005 Den Namen Stalin verbindet man gemeinhin mit allem Negativen und Bösen. In Rußland ist das offenbar nicht so. Für viele mag das vielleicht nicht neu sein, denn in Rußland hegte man schließlich immer schon eine gewisse Bewunderung für den grausamen Mann mit dem großen Oberlippenbart.
Mehrere russische Meinungsforschungsinstitute haben sich mit dem Personenkult um Stalin beschäftigt und ein doch etwas erschreckendes Ergebnis erhalten, das in seiner überwältigenden Deutlichkeit an die Zeiten der manipulierten Daten des Diktators erinnert. 47 Prozent der Befragten sind überzeugt, daß Stalin eine positive Rolle in der Geschichte ihres Landes gespielt hat.
Ein einfacher Effekt
Und die Zahl derer, die ihn für einen guten Staatsmann halten, steigt, je näher der sechzigste Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland rückt. Warum ist das so? Ein ganz einfacher Effekt, den wir alle kennen, verhilft dem Massenmörder zu der steigenden Anerkennung in Rußland, die hierzulande nicht nachvollziehbar erscheint: der Werbeeffekt.
Niemand kann sich in Rußland der dauernden Wiederholung der Bilder von siegreichen russischen Soldaten und der Assoziation mit positiven Gefühlen im Zusammenhang mit dem Kriegsende entziehen. Und da es nun einmal Stalin gewesen ist, der den Großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen den Zweiten Weltkrieg nennen, gewonnen hat, findet auch er zunehmend oft Erwähnung. Der Sieg wird kritiklos vermarktet, denn in Rußland ist man um Stärkung patriotischer Gefühle bemüht. Daß eine Aufarbeitung der Geschichte um den Schlächter des eigenen Volkes dabei auf der Strecke bleibt, scheint niemanden zu stören.
Der Kreis schließt sich
In der russischen Geschichtsschreibung herschte lange die Übereinkunft, den Namen Stalins totzuschweigen. Einzig in der heroischen Geschichtsdarstellung des Zweiten Weltkriegs hatte er noch, unvermeidlich, seinen festen Platz. Der Kreis schließt sich heute. Die Greuel werden beschwiegen, die Heldentat hervorgehoben, der patriotische Werbefeldzug zeigt Gelingen. Aber eben nicht nur für Mütterchen Rußland, sondern auch für Väterchen Stalin.
Sowohl in der älteren Generation mit sechzig Prozent wie auch in der jüngeren mit 31 Prozent findet der Stalinismus laut dem Zentralinstitut für Meinungsforschung Zustimmung. Der aktuelle Streit mit den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen um die Anerkennung des ihnen widerfahrenen Unrechts der Okkupation durch die Sowjetunion kann nicht ausgeräumt werden, ohne Sympathiewerte für den mühsam aus der Sowjetzeit herübergeretteten und unter großem Aufwand am Leben gehaltenen Patriotismus zu verlieren. Erst einmal möchte man nun in Ruhe den Tag des Sieges feiern, ohne an die Verbrechen Stalins denken zu müssen.
Das hat durchaus Tradition. Wenn den Russen ein Zeitpunkt, um über Geschichtsaufarbeitung zu sprechen, ungelegen ist, dann ist es der 9.Mai. Da denkt man lieber an Wolgograd, das bis 1961 Stalingrad hieß. Seit zwei Jahren wird eine Diskussion geführt, ob die Stadt wieder in Stalingrad umbenannt werden sollte. Nach der Umfrage würden 23 Prozent der Russen es begrüßen.
Text: F.A.Z., 15.03.2005, Nr. 62 / Seite 46
Bildmaterial: AP
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