Von Aravind Adiga
01. Dezember 2008 Ich bin vor zwei Jahren nach Bombay umgezogen, noch während der Arbeit an meinem Roman Der weiße Tiger“. Das nächste Projekt war schon geplant, ein Roman, der in Bombay spielen würde, der faszinierendsten Stadt Indiens. Ich wollte mit den berühmten Künstlern und Schriftstellern und Intellektuellen der Stadt zusammenkommen, in den berühmten Cafés sitzen. Außerdem lockten mich das Meer und der lange Palmenstrand, all die Dinge, die ich in Delhi so vermisste.
Doch es gab noch einen weiteren Grund, einen lächerlichen Grund, den zu erwähnen mir meistens viel zu peinlich ist. Ich wollte die Bekanntschaft der berühmten Models und Filmstars in Bombay machen. Als ewiger Außenseiter hatte ich immer Schwierigkeiten, Frauen kennenzulernen. In Bombay, dachte ich, wäre es vielleicht einfacher. Schon damals wusste ich, wie absurd und kindisch das war, aber es wäre gelogen, wenn ich abstritte, dass ich auch deswegen nach Bombay gehen wollte – und jetzt ist nicht die Zeit für Lügen über Bombay. Denn genau deswegen kommen Leute wie ich hierher, angetrieben von Ehrgeiz, Idealismus und Dummheit. Es ist genau diese Mischung aus den besten und schlimmsten Eigenschaften, die Bombay groß gemacht hat.
Esoterische Glaubensgemeinschaften
Warum lieben Inder diese Stadt? Bombay ist Indiens Finanzmetropole, Zentrum der Unterhaltungsindustrie und glanzvollste Stadt der Nation. Doch so, wie es heißt: New York ist nicht Amerika“, so sagen die Inder: Bombay ist nicht Indien.“ Vielleicht ist das ja der wahre Grund, weshalb wir Bombay so sehr lieben.
Die ethnische Vielfalt in Bombay ist selbst für indische Verhältnisse atemberaubend. Da sind die Marathi sprechenden Hindus, die einen Großteil der unteren Mittelschicht bilden und sich für die wahren Bombayer halten. Ihnen stehen die Gujarati sprechenden Geschäftsleute gegenüber, die den Handel beherrschen. Daneben gibt es große Gruppen von Hindus, die aus Südindien (wie ich) und anderen Landesteilen stammen. Die Reichen sind oft zoroastrische Parsen, die vor Jahrhunderten aus Iran eingewandert sind mit ihrer Sprache und ihren Feuertempeln.
Die Katholiken besuchen ihre Kirchen im Stadtteil Bandra. Eine eindrucksvolle Synagoge erinnert an die einstmals große sephardische Gemeinschaft (viele Juden sind nach Israel ausgewandert, aber es gibt noch immer eine kleine jüdische Gemeinde). Zur großen muslimischen Bevölkerung gehören neben Sunniten und Schiiten, wie man sie in ganz Indien findet, auch esoterische Glaubensgemeinschaften wie Ismailiten und Bohras.
Glauben an den Traum Bombay
Noch überraschender ist, dass sie und viele andere miteinander auskommen und Bombay zur am besten funktionierenden Stadt Indiens gemacht haben. Ich schreibe diese Zeilen zu Hause an meinem Computer und weiß, dass ich rechtzeitig fertig sein werde, weil es rund um die Uhr Strom gibt. Davon kann andernorts nicht die Rede sein. Obwohl in Bombay mehr reiche Leute wohnen als anderswo in Indien, haben es die Armen hier nicht so schlecht, wie man beim Anblick der berüchtigten Elendsviertel vielleicht denken mag.
Seit ich in Bombay lebe, nehme ich ein gewisses Gleichheitsdenken wahr, das für indische Verhältnisse recht ungewöhnlich ist. Ein Reicher in Delhi würde seinen Chauffeur nie als gleichberechtigt behandeln. Hier in Bombay machen wir das anders“, sagt ein Freund. Das ist tatsächlich keine leere Behauptung. Hausangestellte werden besser bezahlt und auch besser behandelt als in anderen Landesteilen. Wenn es Arme noch immer in die überfüllten Slums von Bombay zieht, dann deswegen, weil sie hier trotz allem besser leben als in ihren Dörfern. Sie glauben noch immer an den Traum Bombay.
Ressourcen an Reichtum, Intelligenz und Charakter

Der indische Autor Aravind Adiga erhielt für seinen Debütroman "Der weiße Tiger" den Booker Prize 2008
Und außerdem ist Bombay die schönste Stadt Indiens, vielleicht der ganzen Welt. Schön?“, wird der Fremde angesichts des ganzen Drecks und Mülls und der offenen Kloaken fragen. Bombay, obschon Finanzmetropole, liegt malerisch am Meer, wie Nizza oder andere Städte an der Côte d’Azur. Börsenmakler sind in fünf Minuten an der Strandpromenade und beobachten den Sonnenuntergang. Doch das eigentlich Schöne an Bombay sind seine Menschen. Bewohner anderer Finanzzentren, wie New York, gelten als ruppig – aber die Bombayer sind bekannt für ihre Hilfsbereitschaft. Zwar gibt es eine Mafia, und die Polizei ist korrupt und unfähig, aber es gibt Regeln, und die Menschen leben in Sicherheit. Frauen können sich hier geschützter fühlen als in Delhi. Wer hier um Hilfe ruft, wird feststellen, dass sofort wildfremde Leute herbeigeeilt kommen. Deswegen hört man im indischen Film so oft die Wendung Mumbai, meri jaan“ – Bombay, mein Schatz.
Warum also dieser Hass auf Bombay? Was können sie nur gegen diese wunderbare Stadt haben, die Terroristen, die die Bahnhöfe, Krankenhäuser, Hotels und Straßen angegriffen haben? Es sind genau diese Stärken, die Buntheit, Toleranz und Offenheit, derentwegen Bombay immer schon verhasst ist bei diesen Extremisten. Für all jene, die von Reinheit, Homogenität, Gleichförmigkeit träumen, hätte nicht einmal New York ein geeigneteres Hassobjekt abgeben können.
Seit 1993 hat Bombay immer wieder Terroranschläge erlebt, in Zügen, Gebäuden und auf öffentlichen Plätzen explodierten Sprengladungen. Doch diese letzte Attacke ist die unverfrorenste, die abscheulichste. Im Grunde war es ein Angriff auf die ganze Stadt. Einige der bekanntesten Gebäude wurden gekapert, die Bevölkerung terrorisiert. Die Frage, warum diese Leute Bombay hassen, ist sinnlos – die Antwort liegt ja auf der Hand. Sehr viel eher stellt sich die Frage, warum diese Stadt, die über so viel Ressourcen an Reichtum, Intelligenz und Charakter verfügt, von einer Handvoll Fanatiker als Geisel genommen werden konnte.
Shiv Sena aus dem Amt jagen
Die erste Antwortet lautet: Die Regierung hat Bombay im Stich gelassen. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass die Terroristen per Boot aus Pakistan kamen. Wenn dem so ist, dann hätten sie von indischer Küstenwache und Marine gestoppt werden müssen. Die Terroristen haben ihre Aktion gründlich vorbereitet, mit lokaler Unterstützung in Bombay. Die Geheimdienste in Neu-Delhi schienen ahnungslos. Seit Jahren hat Indien ein Terrorismusproblem, aber der Staat weiß nicht, wie er reagieren soll. Bombay ist das Opfer dieser Unfähigkeit der politischen Klasse, sich mit den Ursachen des Terrorismus auseinanderzusetzen. Mehr Sicherheit in Bombay setzt ein Umdenken in Neu-Delhi voraus.
Doch es muss auch gesagt werden: Bombay hat sich selbst verraten. Indiens lebendigste Stadt wird seit Jahren von Indiens fremdenfeindlichster Partei regiert, der rechtsextremen hindu-nationalistischen Shiv Sena. So gebildet und tolerant die Bombayer auch sind – wenn Wahlen anstehen, erliegen viele von ihnen den antimuslimischen, fremdenfeindlichen Parolen von Shiv Sena und bringen diese Partei abermals an die Macht. Als Reaktion darauf hat der Einfluss ultrakonservativer Bewegungen unter Muslimen zugenommen.
Irgendwie erinnert mich Bombay an das Wien im frühen zwanzigsten Jahrhundert – eine kosmopolitische Kulturmetropole, die immer stärker unter den Einfluss primitiver rechter Parteien geriet. Vielleicht ist den Leuten das moderne Leben mit seinen schnellen Veränderungen und Anforderungen zu viel geworden; sie haben die Stadt den denkbar schlechtesten Politikern anvertraut. Mit dem Ergebnis, dass großes Misstrauen unter den religiösen und ethnischen Gruppen herrscht. Und Terroristen können sich leichter denn je auf den Straßen und in den Slums bewegen, untertauchen und Anschläge planen. Wenn Bombay sich gegen die Terroristen wehren will, muss es politisch umdenken und die Shiv Sena aus dem Amt jagen.
Propagandisten des Jenseits
Die Terroristen, die nach Bombay kamen, waren entschlossen, zu sterben. Sie wollten nicht entkommen. Vermutlich haben sie sich von dem üblichen Dschihadistentraum leiten lassen, einzugehen ins Paradies, umgeben von schönen Frauen, Alkohol und Pracht. Ihr Traum ist ein groteskes Spiegelbild der Träume all jener, die es, wie mich, nach Bombay zieht. Der Unterschied ist nur, dass wir unsere Träume auf den Basaren des Diesseits zu verwirklichen suchen, während die Terroristen ihre Erfüllung in den Basaren des Jenseits suchen.
Deshalb gibt es Krieg zwischen Bombay und den Terroristen, zwischen uns und ihnen. Es ist ein Krieg zwischen den Anhängern dieser Welt – einer schmutzigen, unvollkommenen, miesen, ungerechten Welt – und den Propagandisten des Jenseits, einer schönen, gerechten, sauberen, perfekten Welt. Hoffen wir alle, dass in diesem Krieg die richtige Seite gewinnt.
Adigas Bedauern
Aravind Adiga bedauert seine Äußerungen über Deutschland, wie er uns - im Angesicht der Terroranschläge von Bombay - schrieb.
Ich gehe oft in eben die Bars, die hier angegriffen wurden. Da kam mir der Gedanke, wäre ich unter den Opfern und dort müsste auf diese Weise sterben, es täte mir sehr leid, was ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Dummes über Deutschland gesagt habe (siehe: Der indische Booker-Preisträger Adiga will nicht nach Deutschland). Es tut mir wirklich sehr leid, und ich wünschte, ich hätte es nicht gesagt.
Nur aus Schuldgefühlen heraus habe er trotz vieler anderer Verpflichtungen diesen Artikel verfasst: Es ist der letzte Beitrag, den ich für die deutschen Medien verfasse.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Der indische Schriftsteller Aravind Adiga, Jahrgang 1974, hat für seinen Roman Der weiße Tiger den Booker Prize 2008 erhalten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
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